Geradezugverschluss von Fortner

Mara Hofacker,

Stahl für Biathlongewehre: mit Steeltec aufs Siegertreppchen

Ob für den norwegischen Rekordweltmeister Ole Einar Bjørndalen oder die deutsche Doppel-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier: Im Biathlon zählt Schnelligkeit, sowohl auf der Loipe als auch am Schießstand. Die Erfolgsgeschichte der Wintersportart ist eng mit einer Idee des oberbayerischen Büchsenmachermeisters Peter Fortner verknüpft.

Blankstahlstangen von Steeltec. © Steeltec

Denn erst der von ihm erfundene moderne Geradezugverschluss ermöglicht das schnelle Repetieren, das Nachladen des Gewehres. Bei internationalen Wettkämpfen setzen fast alle Sportler auf das Fortner-System, das vor allem in den Modellen des renommierten Sport- und Jagdwaffenherstellers J.G. Anschütz verbaut ist. Damit die Verschlussteile der enormen Beanspruchung im Biathlon standhalten, setzt Fortner seit mehr als 30 Jahren auf Spezialblankstahl von Steeltec, einem Unternehmen der Schmolz + Bickenbach Gruppe.

Gold, Silber, Bronze: Mit gleich drei Medaillen war der Biathlet Peter Angerer 1984 von den Olympischen Winterspielen in Sarajevo nach Hause gekehrt – beklagte aber die im internationalen Vergleich veraltete Technik der deutschen Gewehre. Um nachzuladen, mussten die Sportler umständlich umgreifen, den Verschluss nach oben klappen, zurückziehen, nach vorn schieben und wieder herunterklappen – ein zeitintensives und unruhiges Prozedere im Wettkampf, in dem doch gerade Schnelligkeit und eine ruhige Hand zum Sieg führen. Über einen gemeinsamen Freund lernte der Olympionike den Büchsenmachermeister Peter Fortner aus dem oberbayerischen Rohrdorf kennen – und vermittelte ihm den Auftrag des Deutschen Skiverbands, ein besseres System zu finden.

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Anschütz-Modell 1927F. © Anschütz

Alle Olympiamedaillen für Schützen mit Fortner-Verschluss

Fortner entwickelte ein System, mit dem die Wintersportler bequem und schnell repetieren können: Nach einem Schuss zieht der Biathlet den Kammerstängel an der Gewehrseite mit dem Zeigefinger zurück und gibt so die leere Patronenhülse aus dem Lager frei. Danach schiebt er den Verschluss mit dem Daumen wieder nach vorn in die Ausgangsposition. Dabei wird aus dem Magazin eine neue Patrone ins Lager geführt. Die Waffe ist für den nächsten Schuss bereit. Das Gewehr ruht währenddessen in Schussposition an der Schulter. Noch 1984 ließ Fortner seinen revolutionären Geradezugverschluss patentieren und gründete sein Unternehmen für Jagd- und Sportwaffentechnik. Bei Wettkämpfen im folgenden Winter kam das System erstmals zum Einsatz. Damals wie heute verbaut der renommierte Ulmer Jagd- und Sportwaffenhersteller J.G. Anschütz GmbH & Co. KG den Fortner-Verschluss in zahlreichen seiner Modelle – etwa in der unter Jägern beliebten Anschütz 1727F oder im Sportmodell 1927F. Den Marktanteil des Verschlusssystems bei internationalen Biathlon-Wettkämpfen beziffert Fortner auf etwa 95 Prozent und fügt hinzu: „Bei den Olympischen Winterspielen 2017/2018 gingen 100 Prozent der Biathlon-Medaillen an Athleten mit Gewehren mit Fortner-Verschluss.“

Hohe Festigkeiten ohne Wärmebehandlung gefordert

Geradezugverschluss. © Fortner

Rund 15.000 Schuss pro Jahr feuert ein Biathlet nach Schätzung von Peter Fortner ab, dazu kommen zahlreiche Trockenbewegungen ohne eingelegte Patrone. Die Sportwaffe ist einer enorm hohen Beanspruchung ausgesetzt. Im Winter müssen die Oberflächen zudem sowohl der kalten Witterung als auch Feuchtigkeit und Handschweiß trotzen. „Wer sich ein Sportgewehr zulegt, will es gerne mindestens 25 Jahre lang benutzen“, weiß Fortner aus Erfahrung. „Entsprechend langlebig müssen unsere Verschlüsse sein, deswegen brauchen wir einen widerstandsfähigen und beständigen Stahl.“ Die dafür geforderten hohen Festigkeiten lassen sich in der Regel mit Wärmebehandlungen erreichen. Die wiederum bergen aber das Risiko von Materialverzug – der nicht nur für die Zielgenauigkeit im Biathlon zu vermeiden ist, sondern auch aufwendige Nachbearbeitung mit sich bringt. Um dieses komplexe Problem zu umgehen, setzt Fortner für seine Gewehrverschlüsse auf Spezialblankstahl des Blankstahlanbieters Steeltec aus dem schweizerischen Emmenbrücke.

Systemhülse. © Fortner

Für eine rationelle Fertigung verarbeitet Fortner die hoch- und höherfesten Spezialstähle ETG 100 und HSX Z12 sowie den Einsatzstahl ESP 65 von Steeltec. Das Verschlusshinterteil, das den Verschluss verriegelt, fertigt Fortner aus ETG 100. HSX Z12 und ESP 65 verwendet der Waffenzulieferer für den größeren Teil des Repetiersystems, die Systemhülse, in der die ganze Verschlusseinheit geführt wird. Sie schließt die Kammer, in der die eigentliche Explosion beim Schuss stattfindet, nach hinten ab. Diese Gewehrteile sind im Biathlon einer immensen Belastung ausgesetzt, insbesondere wegen der außerordentlich hohen Schusszahlen. Daher muss das Material, aus dem die Verschlussteile gefertigt sind, eine hohe Festigkeit aufweisen. Außerdem zählt hohe Präzision. Denn jeglicher Verzug verschlechtert die Leichtgängigkeit des ganzen Systems.

Spezialstahl spart Kosten

Verschlusshinterteil. © Fortner

Die Stahlsorten von Steeltec bieten schon im Lieferzustand die geforderte Zugfestigkeit – bei ETG 100 liegt sie bei 960 bis 1100 Megapascal, bei HSX Z12 zwischen 950 und 1200Megapascal. Anders, als wenn konventioneller Vergütungsstahl verwendet wird, müssen die Bauteile nach der Fertigung nicht mehr wärmebehandelt werden. Dadurch entfallen auch nachbearbeitende Schritte wie Nachrichten, Schleifen und Entgraten. Für ausreichenden Rostschutz nitriert Fortner die Verschlussteile – eine einfache Wärmebehandlung ohne Verzugsrisiko. „Unsere Spezialstähle sind hoch- beziehungsweise höherfest, lassen sich aber trotzdem gut zerspanen. Weil keine Wärmebehandlung und entsprechende Nachbearbeitung nötig sind, spart Fortner in der Produktion Kosten, Zeit und logistischen Aufwand“, so fasst Account Manager Wolfgang Birke von Steeltec die Vorteile zusammen. Auch den Einsatzstahl ESP 65 setzt Fortner für die Systemhülsen ein. Eine Wärmebehandlung bleibt bei diesem zerspanungsoptimierten Stahl nach wie vor nötig. Dafür lassen sich laut Unternehmensangaben aber sehr hohe Festigkeiten erreichen. Die Eigenschaftsqualität bleibe über Chargen hinweg gleich, der Einsatzstahl garantiere eine hohe Prozesssicherheit.

Anfangs griff Fortner auf schlechter zerspanbare Werkstoffe wie etwa 1.7131 (16MnCr5) und die Vergütungsstähle 1.7225 und 1.7227 (45CrMo4 beziehungsweise 45CrMoS4) zurück. Auf Steeltec als Problemlöser stieß der Waffenspezialist vor mehr als 30 Jahren über den süddeutschen Stahllieferanten Günther + Schramm. Der liefert den Spezialblankstahl als Stangenmaterial mit einem Durchmesser von 32 mm an. Fortner trennt die Stangen in 200 mm lange Rohlinge und dreht und fräst sie anschließend in die gewünschten Formen. Andere Stahlsorten kommen für das Unternehmen nicht in Frage: „Eigenschaftsgleiche Alternativen haben wir einmal getestet und uns sofort dagegen entschieden. Schon beim Nitrieren mussten wir einen leichten Verzug feststellen“, erinnert sich der Büchsenmachermeister.

Spezialblankstahl. © Steeltec

Präzision, Zuverlässigkeit und Schnelligkeit – worauf es Biathleten im Wettkampf ankommt, das bietet Steeltec auch Fortner für die Produktion seines revolutionären Geradezugverschlusses. Im internationalen Wettbewerb hat sich die Zusammenarbeit bewährt – und so stehen die hoch- und höherfesten Stähle von Steeltec im Winter regelmäßig auf dem Siegertreppchen.

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