Werkzeugmaschinenindustrie 2019/2020

Andrea Gillhuber,

VDW erwartet Produktionsrückgang von 18 Prozent

Lief 2019 doch noch besser als gedacht, geht der VDW für das laufende Jahr jedoch von einem Produktionsrückgang von 18 Prozent aus. Die Gründe sind eine Kombination aus Strukturwandel, wirtschaftspolitischen und unvorhersehbaren Entwicklungen.

Für das laufende Jahr erwartet der VDW einen Produktionsrückgang von 18 Prozent. © VDW

„Sie sehen uns heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil 2019 am Ende doch besser gelaufen ist als erwartet; weinend, weil 2020 und die folgenden Jahre große Herausforderungen für unsere Branche bereithalten wie schon lange nicht mehr“, so begann Dr. Heinz-Jürgen Prokop, Vorsitzender des VDW, die VDW-Jahrespressekonferenz am 13. Februar in Frankfurt am Main.

Nachdem bereits im zweiten Halbjahr 2018 der Nachfragerückgang in der Werkzeugmaschinenindustrie einsetzte, ging es in 2019 weiterhin bergab. Dennoch lag die Produktion beinahe auf Vorjahresniveau: Lediglich ein Minus von 1 Prozent war in 2019 zu verzeichnen. Vor allem die Zerspanung, mit 80 Prozent der größte Teil der Maschinenproduktion, konnte zulegen. Ebenfalls leicht angezogen hatte der Bereich Reparaturen und Instandhalten.

Dr. Heinz-Jürgen Prokop, Vorsitzender des VDW, anlässlich der Jahrespressekonferenz am 13. Februar 2020 in Frankfurt am Main © WBM

„Tragende Säule war der Inlandsabsatz, der um 16 Prozent gestiegen ist. Dem gegenüber ist der Export um 9 Prozent gesunken. Das ist vor allem auf den Rückgang der Lieferungen nach Asien um 11 Prozent und nach Amerika um 16 Prozent zurückzuführen. Hier sind es die beiden größten Märkte China, minus 13 Prozent, und die USA, minus 15 Prozent, die das regionale Ergebnis jeweils dominieren. Europa, die größte Absatzregion, die mehr als die Hälfte der deutschen Exporte aufnimmt, hat sich mit minus 5 Prozent noch vergleichsweise gut gehalten. Als Lichtblicke sind Frankreich, die Schweiz, die Niederlande und Ungarn zu nennen, die unter den Top-15-Märkten zulegen konnten“, fasst Prokop die Zahlen zusammen.

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Deutlicher Rückgang erwartet, Besserung vorerst nicht in Sicht

Für das laufende Jahr wird ein deutlicher Rückgang in der Produktion von -18 Prozent erwartet. „2019 hat die Branche noch von vollen Auftragsbüchern und einer hohen Kapazitätsauslastung profitiert. Beides schmolz im Jahresverlauf dahin. Der Nachfragerückgang, der bereits im zweiten Halbjahr 2018 einsetzte, hat 2019 richtig Fahrt aufgenommen. Das zweistellige Minus von mehr als einem Fünftel, – es gilt in ähnlicher Größenordnung sowohl für die Inlands- als auch die Auslandsnachfrage, – stellt die Weichen für das Produktionsergebnis 2020“, so Prokop. Das habe die Branche, die in den vergangen Jahren geboomt hatte, lange nicht gesehen.

Als Gründe für die weltweit gedämpften Investitionen nennt der VDW eine Kombination aus zyklischem Konjunkturrücklauf, Strukturwandel in der Automobilindustrie, handelsstrategisch motivierten Turbulenzen und zu guter Letzt auch noch dem Coronavirus. Weniger als 1 Prozent sollen die Anlageinvestitionen im laufenden Jahr nach Aussagen von Oxford Economics, Prognosepartner des VDW, steigen. Viel besser stehen nur kleinere Märkte da, wie Vietnam, Thailand, die Slowakei, Ungarn und Polen. Sie können die Zurückhaltung der großen Abnehmerländer China, USA, Italien oder Frankreich keinesfalls kompensieren. Folge ist ein entsprechend dickes Minus bei allen Kenngrößen der deutschen Werkzeugmaschineindustrie im laufenden Jahr, Produktion, Export, Import und Bedarf.

„Für weite Teile der Industrie wird sich in Deutschland die Durststrecke länger fortsetzen“, prognostiziert Prokop. Die Industrieproduktion werde hierzulande nochmals sinken, Anlageinvestitionen in den Hauptabnehmerindustrien nur marginal steigen . Für den Werkzeugmaschinenbedarf wird nach einem leichten Rückgang im Vorjahr 2020 ein Minus von einem Fünftel erwartet.

Beim Geschäftsklima des Ifo-Instituts und beim Einkaufsmanagerindex von Markit, beides Frühindikatoren für die weitere Entwicklung, zeigt sich in vielen Bereichen am aktuellen Rand ein Häkchen nach oben. Dies ist laut VDW jedoch nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer, denn viele Kurven befinden sich noch tief im Minus. „Daher ist anders als in früheren Abschwüngen nicht damit zu rechnen, dass es sehr schnell wieder aufwärts gehen wird“, erwartet Prokop. Vielmehr sehe die Werkzeugmaschinenindustrie erst im zweiten Halbjahr eine gewisse Bodenbildung beim Auftragseingang, die voraussichtlich jedoch nicht für den Umschwung reichen wird. Die Produktion wird sich also nur langsam erholen und eine Weile brauchen, um wieder das Niveau der vergangenen Jahre zu erreichen.

Brexit und Trump - keine Entwarnung in Sicht

„Hilfreich wäre eine Beruhigung der internationalen handelspolitischen Turbulenzen, die ja mit eine der Hauptursachen für die Nachfrageschwäche sind und nach wie vor zu großer Unsicherheit bei den Kunden führen. Bei Brexit, USA-China, Russlandsanktionen, Iran und viele mehr, die Stichworte sind vielfach angesprochen, ist jedoch keine Entwarnung in Sicht. Als Hersteller können wir auch herzlich wenig an diesen politisch getriebenen Einflüssen ändern“, fasst Prokop die handelspolitischen Konfliktlage zusammen. Prokop betonte, dass es nun schnelle ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien auszuhandeln gelte, um weiterhin eins reibungsloses Fortlaufen der bilateralen Geschäfte zu sichern. Geregelt werden müssen Zölle, die reibungslose Abfertigung der Warentransporte, die Funktionsfähigkeit der Lieferketten, die Entsendung von Mitarbeitern und vieles mehr.

„Das Handelsabkommen zwischen China und den USA ist zunächst einmal erfreulich. Für Entwarnung ist es jedoch viel zu früh. Und ob es nach einem potenziellen Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump im November nicht zu einer Neuauflage des Konflikts kommen wird, ist keinesfalls ausgemacht. Ein Ende der Russland-Sanktionen ist ebenfalls nicht in Sicht. Der Iran-Konflikt eskaliert weiter. Aus unserer Sicht gilt es, die Politik immer wieder zu drängen, international den Wert des Freihandels zu thematisieren und sich für seinen Erhalt stark zu machen“, so Prokop.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit vorantreiben

Die Werkzeugmaschinenindustrie hat nun die Chance, sich ein Stück weit neu zu erfinden. Als Kernkomponente der industriellen Produktion kann die Werkzeugmaschine entscheidend zur Einhaltung von Klimazielen beitragen. Prokop: " Eigene Initiativen und die enge Verzahnung der Branche mit der produktionstechnischen Forschung bringen viele Ideen auf den Weg, die in nachhaltigere Produkte und effizientere Prozesse münden. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies nur einzelne Bausteine sind, um die Verluste ein Stück weit zu kompensieren.“

Auch die Digitalisierung birgt Chancen für neue Geschäftsmodelle und eine effiziente Produktion. „Der europäische Werkzeugmaschinenverband Cecimo hat ermittelt, dass gerade einmal 5 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes in Europa ihre Maschinen, Anlagen und Systeme flächendeckend vernetzt haben. Und nur jedes dritte Unternehmen gehe erste Schritte in diese Richtung oder plane sie. Das zeigt, welche Potenziale sich hier noch verstecken“, erläutert Prokop die Möglichkeiten für die Industrie.

Im Moment sei die vorausschauende Wartung, sprich: Predictive Maintenance, die Technologie, die sowohl ökonomisch als auch ökologisch klare Vorteile bringe. Laut dem Branchenverband Cecimo lässt sich außerdem mithilfe der Digitalisierung die Gesamtstillstandzeit der Maschinen um 30 bis 50 Prozent verringern und dabei gleichzeitig die Lebensdauer der Maschinen um 20 bis 40 Prozent erhöhen. „In kritischen Zeiten nehmen die Kunden diese Aspekte wieder stärker wahr und sind auch bereit, Verbesserungen zu bezahlen“, so Prokop.

 

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