Taiwan Machinery Tour 2018

Andrea Gillhuber,

Made in Taiwan - High-Tech im Maschinenbau

Taiwan steht oft im Schatten der großen Nachbarin, der Volksrepublik China. Technologisch hat die Insel aber einiges zu bieten. Neben Hightech aus dem Elektronikbereich sind auf Taiwan auch zahlreiche Maschinenbau- und Automatisierungsunternehmen zu finden. 

Taiwans Industrie ist auf der Suche nach neuen Partnern und Märkten. Der Wachstumskurs spiegelt sich auch im Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wider: Dieses wuchs von 18.102,95 US-Dollar im Jahr 2008 auf rund 25.977,24 Dollar im Jahr 2018. (Daten: Statista; Bild: Shutterstock / FenlioQ)Taiwans Industrie ist auf der Suche nach neuen Partnern und Märkten. Der Wachstumskurs spiegelt sich auch im Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wider: Dieses wuchs von 18.102,95 US-Dollar im Jahr 2008 auf rund 25.977,24 Dollar im Jahr 2018. (Daten: Statista) © Shutterstock / FenlioQ

Steht „Made in China“ in der westlichen Welt zumeist als Äquivalent für kostengünstige Massenware minderer Qualität, hat sich „Made in Taiwan“ in den letzten Jahren einen positiven Ruf erarbeitet. Die Insel vor China hat sich als Hightech-Standort für die Elektronik- und Consumerindustrie etabliert. Marken wie Acer, HTC und Transcend sind weltweit bekannt. Im Jahr 2015 stammten 80 Prozent aller weltweit verkauften Laptops von taiwanesischen Herstellern. Der Inselstaat ist zudem Heimat des drittgrößten Halbleiterherstellers TSMC.

Doch die Elektronik- und IT-Branche sind nicht die einzigen Hightech-Segmente, die auf Taiwan heimisch sind. Der Maschinenbau ist auf der Insel stark verwurzelt. Hersteller wie Tongtai, Seyi und FFG haben sich weltweit einen Namen gemacht und bieten neben klassischen Werkzeugmaschinen und Pressen auch interessante Lösungen für die vernetzte Produktion.

Und auch Automatisierungsspezialisten wie die Delta Gruppe verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz und nutzen Daten aus der Produktion für Anlagenoptimierung und vorausschauende Wartung. Junge Unternehmen wie der Roboterhersteller Techman beschäftigen sich mit der Mensch-Roboter-Kollaboration und damit, wie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter in der Industrie weiter verbessert werden kann.

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Alle genannten Unternehmen sind weiter auf der Suche nach internationalen Partnern und Kontakten, um weiter zu wachsen. Das Taiwan External Trade Development Council, kurz: Taitra, unterstützt sie dabei. Aus diesem Grund lud die Organisation Journalisten unter anderem aus Kanada, Großbritannien, Spanien, Italien und Deutschland ein, um sich vor Ort ein Bild von den Unternehmen zu machen.

Wir waren auch mit dabei und werden in zwei Beiträgen von der Reise berichten. Fokus des ersten, dieses Beitrags, liegt auf dem Werkzeugmaschinenbau. Der zweite Artikel erscheint in der Ausgabe 1/2019 und wird einen Schwerpunkt auf Forschung und Automatisierung legen.

Qualität entscheidet

Während unseres Aufenthalts besuchten wir unter anderem die Firmen Goodway, Tongtai, Femco, FFG, Seyi, YCM und FCS. Allen Unternehmen gemein ist, dass sie sehr genau das Verhältnis zwischen China und den USA beobachten, denn ein Handelskrieg zwischen den Großmächten hätte auch unausweichlich nicht absehbare Folgen für die taiwanesischen Hersteller. Auch aus diesem Grund versuchen sie, ihr Produktions- und Servicenetzwerk über die Grenzen von Taiwan und China hinaus auszuweiten. Besonders Indien wurde immer wieder als interessanter Markt genannt. Zum einen als Absatzmarkt, zum anderen als Standort, um den amerikanischen Markt zu bedienen und so etwaige Sonderabgaben zu umgehen.

Rebecca Hsieh, Vice President Sales Department bei Goodway, erläutert die Eigenschaften des Frond-End-HMI-System G.Linc. © WBM

Einer der wichtigsten Absatzmärkte für die Unternehmen ist und bleibt aber China. Hier machen sie den Großteil ihres Umsatzes. So auch Goodway: Rebecca Hsieh, Vice President Sales Department, macht aber auf eine Besonderheit aufmerksam. Ihr Unternehmen produziert in China nur Maschinen für den chinesischen Markt. Alle anderen Märkte werden von der Produktion in Taiwan bedient: In den vier Fertigungen werden High-End-Maschinen (ca. 120 Maschinen/Monat) sowie die Automatisierungslösungen des Unternehmens produziert, in China Standardware für den chinesischen Markt. Grund hierfür ist auch die Qualität.

Hsieh betont auch die Bedeutung von Industrie 4.0 und Digitalisierung. Als die Entwicklung vor einigen Jahren mit dem Thema Smart Machining erstmals auf sie zukam, hatte sie die Tragweite nicht ganzheitlich einschätzen können, erzählt sie im Rahmen einer Tour durch die Fabrik. Erst nach und nach wuchs das Verständnis, und sie erkannte, dass zu Smart Machines mehr gehört. Dazu zählen: eine hochqualitative Maschine, Sensoren, Kommunikationsnetzwerke, Analysesysteme sowie eine flexible und leistungsstarke Steuerung. 

Daher bietet Goodway neben den Werkzeugmaschinen auch Steuerungen sowie das intelligente Front-End-HMI-System G.Linc. Die programmierbare Steuerung analysiert zudem die Produktionsdaten und erhöht dadurch die Effektivität der Anlage. Außerdem gibt es Meldungen aus, wann eine Wartung notwendig ist.

Hohe Ingenieursdichte

Qualität und Hightech spielen auch bei Tongtai zentrale Rollen. Rund ein Viertel der rund 880 Mitarbeiter weltweit besteht aus Ingenieuren. In den Fachrichtungen der Ingenieure spiegelt sich auch wider, dass das Unternehmen, welches im nächsten Jahr 50-jähriges Bestehen feiert, mit der Zeit geht. Längst seien die Zeiten ölverschmierter Hände vorbei, die Werkzeugmaschinenindustrie habe sich in eine Hightech-Sparte gewandelt, erläutert Sunny Yang, Manager Sales. Der Werkzeugmaschinenhersteller beschäftige daher nicht nur Maschinenbauingenieure, sondern auch Fachkräfte aus den Bereichen Elektrotechnik, Softwareentwicklung und IT. Trotz fundierter Ausbildung benötigen Ingenieure nach Yangs Einschätzung jedoch noch drei bis fünf Jahre, bis sie sich in alle Einzelheiten eingearbeitet haben und produktiv werden.

Femco setzt auf Augmented Reality. © WBM

Den Einzug neuer Technologien ist auch bei Femco zu erkennen. Das Unternehmen setzt auf Augmented Reality. Am Beispiel einer automatisierten Felgenproduktionszelle wird gezeigt, wie mittels Smartphone zusätzliche Informationen zur Produktion, zu den einzelnen Produkten sowie zu Wartungsaufgaben angezeigt werden. Der Anwender benötigt dazu lediglich eine App.

Eine Frage des Umdenkens

Industrie 4.0 beschäftigt auch den Spritzgießmaschinenhersteller FCS. Das Unternehmen beschäftigt rund 700 Mitarbeiter in Taiwan und China und stellt pro Jahr rund 3.300 Maschinen her. Laut Produktmanager The Ming Yi beschäftigt sich FCS intensiv mit Smart Manufacturing und bietet dazu auch eigene Werzeuge an. Doch betont er auch, dass Smart Manufacturing nicht zwingend eine Frage der hohen Maschineninvestitionen sei, sondern eine Frage des Umdenkens.

FCS ist ein Hersteller von Spritzgießmaschinen. Vor allem in Europa beobachte man einen Wechsel von hydraulische auf elektrische Maschinen. © WBM

Zudem beschäftigt sich FCS mit einem Wandel in der Branche weg von hydraulischen hin zu elektrischen Maschinen. Vor allem in Deutschland und Japan ist dieser Trend zu erkennen. Diese Länder sind auch traditionell stark im Medizinbereich tätig. Und hier würde das Öl der Hydraulik die Reinraumumgebung kontaminieren. 

Partner aus der Robotik

Pressenhersteller Seyi sieht in der Automatisierung der Presse einen der größten Trends der Branche. Das Unternehmen mit Hauptsitz im Großraum Taipeh bedient vorwiegend die Automobilindustrie. 60 Prozent des Umsatzes werden in diesem Industriezwei gemacht. Pressen in eine bestehende Produktion zu integrieren und zu automatisieren hat sich zu einem wichtigen Teil der Arbeit entwickelt. Aus diesem Grund arbeitet das Unternehmen mit namhaften Robotik- und Automatisierungspezialisten zusammen, darunter ABB und Yskawa. 

Eine weitere Herausforderung vor allem im Automobilbau sei der Leichtbau. Durch die neuen Materialien ergeben sich neue Anforderungen an die Pressen. Das sei auch ein Grund dafür, dass sich die Automobilindustrie weg von hydraulischen hin zu elektrischen Pressen. Nur bei 10 Prozent der Verkäufe handelt es sich laut Seyi um Neuanschaffungen von Pressen, bei 90 Prozent ist der Grund für den Kauf der Weg weg von hydraulischen hin zu elektrischen Pressen.

Eigene Gießerei für Maschinenbetten

Wing Liu von YCM führte unsere Gruppe durch die Produktion. Besonders stolz ist man hier auf die eigene Gießerei, in der Maschinenbetten gegossen werden. Grund hierfür sei, dass man nur so die gewünschte Qualität auch wirklich gewährleisten kann. Auch das Recycling von Sand und weiteren Rohstoffen, welche für das Gießen benötigt werden, stellt Liu in den Vordergrund. Besonders stolz ist er auf die Recyclingquote von 95 Prozent.

Auch hier wird Smart Machinery als Fokus bei der Weiterentwicklung von Maschinen genannt. Wichtig sei laut Liu dabei, dass die Systeme herstellerunabhängig funtkionierten. Für die YCM-Lösung i-Direct wurde deswegen eine Schnittstelle entwickelt und integriert, die es ermöglicht, Maschinen anderer Hersteller in das Produktionssystem zu integrieren. Wie das funktioniert, zeigt das Unternehmen seinen Kunden in der eigenen Produktion. Hier stehen nicht nur hochmoderen Maschinen aus den vergangen Jahren, sondern auch ältere Modelle zum Teil aus den 1980er Jahren. Auch sie konnten mittels Sensoren und Retrofit in die Produktion integriert werden.

YCM produziert rund 145 Maschinen pro Monat. 30 Prozent seien dabei für Taiwan gedacht, 70 Prozent gehen nach Übersee. Für die Zukunft freut sich Liu über neue Partnerschaften, zum Beispiel mit Advantech, sowie über neue Maschinen, die auf der Timtos im März in Taipeh sowie auf der EMO Hannover im September dem breiten Publikum vorgestellt werden.

Den zweiten Beitrag zum Thema Forschung und Automatisierung in Taiwan lesen Sie ab Januar im Heft sowie online auf scope-online.de

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