Maschinenausrüstung, Technische Dolumantation, Werkzeugmaschinen

Vorbeugen statt Rückrufen

Zwei Tage vor Jahresende tritt europaweit die neue Maschinenrichtlinie in Kraft, die vor allem für mehr Sicherheit sorgen soll. So fallen nun auch unvollständige Maschinen und sogar Ketten, Seile und Gurte unter die Richtlinie. Chefredakteur Hajo Stotz zeigt die wichtigsten Änderungen auf.

Mit Arbortext, einer Dokumenationslösung für die automatisierte Bereitstellung von Produktinformationen von PTC, konnte die Otto Bihler Maschinenfabrik die technische Dokumentation ihrer Maschine erheblich beschleunigen und stellt so heute sicher, dass die Handbücher fertig sind, wenn das Produkt zur Markteinführung ansteht. (Bild: Otto Bihler)

Daheim sterben die Leut’ – der Titel der bayerischen Filmsatire von 1985 trifft immer noch zu. Im Jahr 2006 – das sind die jüngsten greifbaren Erhebungen- sind nach der Zählung des Statistischen Bundesamtes 6455 Menschen bei häuslichen Unfällen ums Leben gekommen. Das waren mehr als im gleichen Zeitraum im Straßenverkehr (5174). Und während die Zahl der Verkehrstoten kontinuierlich sinkt (2008: 4470), steigt die Zahl der Todesopfer im häuslichen Bereich stetig an.

Daran wirken auch die Heimwerker kräftig mit. Ob beim Bohren, Sägen oder Schleifen, die meisten bosseln weitgehend ungeschützt. Im Gegenteil – sind die Maschinen mit Schutzeinrichtungen ausgestattet, entwickeln Heimwerker teilweise erhebliche Fantasie, diese wieder zu umgehen: Ob Heckenschere, Bohrmaschine, Flex, Kreis- oder Kettensäge – um mit den Geräten schneller arbeiten zu können, werden Sicherheitseinrichtungen oft absichtlich außer Betrieb gesetzt. Doch auch an gewerblich eingesetzten Maschinen wird häufig manipuliert, um die Arbeitsabläufe zu erleichtern oder zu beschleunigen. Zwar nimmt die Zahl der tödlichen Unfälle im betrieblichen Umfeld seit Jahren ab. Während vor 50 Jahren über 3.000 tödliche Berufsunfälle registriert wurden und die Zahl in den folgenden Jahren sogar auf fast 4.000 anstieg, reduzierte sie sich auf heute noch rund 1.000. Ebenso verringerte sich die Zahl der nicht tödlichen Arbeitsunfälle: 1960 verletzte sich jeder Zehnte am Arbeitsplatz. Heute ist noch jeder Dreißigste in einen Unfall verwickelt. Die Arbeitsplätze sind also wesentlich sicherer geworden.

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Dennoch: Einer aktuellen Studie des Hauptverbands der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG) zufolge werden an mindestens 37 Prozent aller stationären Industriemaschinen Schutzeinrichtungen absichtlich unwirksam gemacht.

Zwar sind die in Europa geltenden Sicherheits-Vorschriften zum Bau von Maschinen und Anlagen, die Maschinenrichtlinie 98/37/EG, bereits heute die strengsten der Welt. Dennoch hatten sie nach Meinung von Experten einige Schwachpunkte, die mit der neuen Maschinenrichtlinie (MRL) abgestellt werden sollten. So sind nun beispielsweise auch unvollständige Maschinen in der MRL berücksichtigt. Zudem fallen darunter neben Maschinen auch

  • auswechselbare Ausrüstungen,
  • Sicherheitsbauteile,
  • Lastaufnahmemittel,
  • Ketten, Seile und Gurte und
  • abnehmbare Gelenkwellen.

Die entsprechend überarbeitete Richtlinie 2006/42/EG wird ab dem 29.12.2009 ohne Übergangsfrist die bis dahin geltende 98/37/EG ablösen.

Oberstes Ziel war es dabei, die Sicherheits-Vorschriften nochmals deutlich zu verschärfen: Gefährliche Manipulationen sollen von vornherein ausgeschlossen werden. Daher schreibt die neue Richtlinie den Herstellern eine Risikobeurteilung vor, um die für die Maschine geltenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen zu ermitteln und das Vorgehen der Konstrukteure festzulegen. Das erfordert von den Entwicklern und Ingenieuren der Maschinen- und Anlagenbauer, dass sie vermuten müssen, was an der Maschine manipulieret werden kann, und die Maschine so konstruieren, dass diese Manipulation eben nicht stattfinden kann.

Dr. Bernhard Pause, CTO Europe beim Werkzeugmaschinenhersteller MAG, sieht sein Unternehmen auf die neuen Anforderungen gut vorbereitet: „Damit wird nachvollzogen, was schon lange Stand der Technik ist. Die Normung hatte diesen Schritt mit der DIN EN 1050 zur Risikobeurteilung von Maschinen schon im Maschinenbau verankert. Die DIN EN ISO 14121, die Mitte 2008 im Europäischen Amtsblatt gelistet wurde, ersetzt diese Norm und führt dabei das bewährte Prinzip der Risikobeurteilung fort.“

Risikobeurteilungen und Vermutungen

Dabei werde der Prozess der Risikobeurteilung für den Ingenieur durch die Anwendung harmonisierter Normen erleichtert. Pause: „Zum Einen wird die Risikobeurteilung selbst in der DIN EN ISO 14121-1 beschrieben, zum Anderen bieten insbesondere die harmonisierten „C-Normen“, d.h. Normen, die konkrete Maschinen behandeln, aber auch „B-Normen“, Hilfestellung bei der Risikobeurteilung. Normen geben dabei Gefährdungen an, die von den dort behandelten Maschinen ausgehen und es werden für die ermittelten Gefährdungen konkrete Lösungen vorgegeben, bei deren Anwendung der Hersteller die sogenannte „Vermutungswirkung“ für sich in Anspruch nehmen kann, d.h. er kann dann davon ausgehen, dass seine Maschine den Anforderungen der Maschinenrichtlinie entspricht.“ Allerdings bedeutet die Anwendung einer solchen C-Norm nicht, dass der Hersteller auf eine Risikobeurteilung verzichten kann. „Eine Risikobeurteilung“, so Pause, „ist in jedem Fall durchzuführen.“

Nicht alle Maschinenbauer werden das so gelassen sehen wie Pause, etliche fangen nun erst an, sich mit der neuen MRL intensiv auseinanderzusetzen. Aber nicht nur die Maschinenbauer, auch die Kompontentenhersteller und Automatisierer sind bei der neuen Maschinenrichtlinie gefordert. „Die neue MRL mit den dazugehörigen neuen Normen stellt den Systemansatz und das Zusammenspiel aller Komponenten in den Vordergrund“, erläutert Dr. Karl Tragl, Vorstand Vertrieb der Bosch Rexroth AG. „Darüber hinaus fließen Zuverlässigkeitsdaten aller sicherheitsbezogenen Komponenten einer Steuerung in die Betrachtung ein. Damit ist die Aufgabenstellung sicher komplexer als vorher, aber Rexroth zeigt beispielsweise mit dem Leitfaden 10 Schritte zum Performance Level, wie Konstrukteure sehr strukturiert den Prozess in einzelne Arbeitspakete aufteilen und abarbeiten können. Wir haben uns darauf vorbereitet, Maschinenhersteller gerade jetzt in der Umstellungsphase mit unserem technologieübergreifenden Know-How intensiv bei der Umsetzung der neuen Maschinenrichtlinie zu beraten. Rexroth bietet dabei den einzigartigen Vorteil, durchgängig funktionale Sicherheit in allen Automationsebenen, Antriebstechnologien und Produkten von der Komponente bis zu Systemlösungen einschließlich Software aus einer Hand zu liefern. Das vereinfacht die Umsetzung der neuen Normen erheblich.“ Der Leitfaden ist unter http://www.boschrexroth.com/sicherheit zu finden.

Doch nicht nur Bosch Rexroth, nahezu alle größeren Zulieferer der Maschinen- und Anlagenbaubranche bieten ihren Kunden bei der Umsetzung der Maschinenrichtlinie mit Schulungen, Leitfäden und Hotlines Unterstützung – wie etwa der Fluid- und Antriebstechnik-Hersteller Festo. Joachim Bischof, Festo-Beauftragter Produktkonformität und Manager Product Compliance, weist zudem darauf hin, dass nicht nur die Risikobeurteilung deutlich ausführlicher gestaltet sei, sondern auch die Dokumentation bei der neuen MRL wesentlich umfangreicher ausfällt. Ab Jahresende muss es anhand der technischen Dokumentation möglich sein die „Übereinstimmung der Maschine mit den Anforderungen der Richtlinie“ zu beurteilen.

Maschinendokumentation wird immer wichtiger

Damit erhält die Dokumentation einen neuen Stellenwert für Anlagenbauer und -betreiber. Neben Beschreibungen der Maschine und ihren Funktionen muss die Dokumentation alle Unterlagen der Risikobeurteilung enthalten.

Doch gerade die Dokumentation hat sich bereits in der Vergangenheit immer wieder als kosten- und zeitintensive Hürde für die Markteinführung von Produkten erwiesen. Unterstützung bieten hier Anbieter von Product Lifecycle Management Lösungen (PLM). So hat zum Beispiel der Software-Hersteller PTC sein PLM-Portfolio gezielt um die sogenannte Arbortext-Suite erweitert. „Die Suite“, erläutert Matthias Maurer, Regional Director Publication Group Central Europe bei PTC, „ist eine integrale Dokumentationslösung für die automatisierte Bereitstellung von Produktinformationen. Da Inhalt und Format voneinander getrennt werden, können beliebige Ausgabeformate (PDF, Print, Web, CD-Rom etc.) erstellt werden. Stellen Sie sich etwa vor, die Gelenkwelle einer Zugmaschine wird neu entwickelt und die einschlägige Bedienungs- und Montageanleitung muss aktualisiert werden. Mit Arbortext müssen Sie dann nicht die kompletten, vielleicht mehrere 100 Seiten umfassenden Anleitungen in mehreren Sprachen und Ausgabeformaten überarbeiten, sondern können die Passagen automatisiert anpassen. Das gilt im Übrigen auch für die verschiedenen Fremdsprachenfassungen. Das ist eine enorme Zeitersparnis und steigert zugleich die Qualität der Dokumentation.“ So wird beispielsweise bei Porsche die gesamte Werkstattliteratur mit Unterstützung von Arbortext aktuell gehalten. Wo Porsche früher 16 Aktenordner verwalten musste, stehen die Informationen jetzt zum Online-Download bereit. Aber auch klein- und mittelständische Unternehmen wie z.B. die Rauch Landmaschinen oder die Otto Bihler Maschinenfabrik arbeiten mit der Dokumentationslösung ebenso erfolgreich.

Die auf Umform- , Montage- und Schweißtechniken spezialisierte Bihler Maschinenfabrik konnte nach der Umstrukturierung ihres Dokumentationsprozesses und der Einführung der Illustrationslösung Arbortext Iso Draw eine erhebliche Produktivitätssteigerung bei der Erstellung ihrer Produkthandbücher und Ersatzteilkataloge erzielen. Durch die Weiterverwendung der bereits in der Produktentwicklung entstehenden 3D CAD Daten für die Technische Dokumentation und Illustration sinkt der Bedarf an manueller Bearbeitung sowie an Übersetzungen und die Handbücher liegen rechtzeitig zur Markteinführung neuer Produkte vor. „Durch die Verwendung perspektivischer Darstellungen in unseren Dokumentationen werden die Produktbeschreibungen wesentlicher klarer und leichter verständlich. Mit anderen Worten, die Qualität unserer Dokumentationen ist hochwertiger“, berichtet Klaus Pühler, Dokumentationsleiter bei Bihler. Zugleich unterstützen die nun einfach zu erstellenden perspektivischen Darstellungen und Explosionszeichnungen den intuitiven Zugang zum Produkt und fördern somit die Kundenbindung: „Die immense Zeitersparnis, die uns die Wiederverwendung unserer 3D-CAD-Daten mit Hilfe von Arbortext Iso Draw verschafft, stellt sicher, dass unsere Handbücher fertig sind, wenn das Produkt zur Markteinführung ansteht. Außerdem können wir mehr Illustrationen in kürzerer Zeit erstellen und dabei dann mehr Mühe auf ihre Qualität verwenden“, so Pühler. „Als Ergebnis erhöht sich die gesamte Qualität unserer Technischen Handbücher.“

Mit der neuen Maschinenrichtlinie 2006/42/EG wird der Bedarf an Lösungen zur Technischen Dokumentation wahrscheinlich weiter zunehmen. Denn die neue MRL verlangt, dass auch der Hersteller einer unvollständigen Maschine vor dem Inverkehr-Bringen Sorge trägt für eine Montageanleitung, eine spezielle technische Dokumentation sowie eine Einbauerklärung anstelle der bisherigen Herstellererklärung. Bisher hat dazu ein formloses DIN-A4-Blatt ausgereicht. Hajo Stotz

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