Highlights 2016

"Keine Produktivitätsfresser mehr"

Das Jahr 2016 ist auf der Zielgeraden. Grund genug, einen Rückblick zu wagen. Im Interview gaben Dr. Ansgar Kriwet, Vorstand Sales bei Festo, Kurt Lehmann, der Corporate Technology Officer von Continental, sowie Peter Leibinger, Stellvertretender Vorsitzender von Trumpf und Vorsitzender des Geschäftsbereichs Lasertechnik/Elektronik, SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz einen kurzen Einblick in ihre Highlights 2016, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber immer die Effizienz von Prozessen im Blick haben.

Peter Leibinger, Stellvertretender Vorsitzender von Trumpf: „Bei guter Implementierung in geeigneten Anwendungen sieht man den Effizienzschub durchaus.“

SCOPE: Was ist für Sie persönlich die wichtigste technische Entwicklung in 2016?

Peter Leibinger: Für mich persönlich ist dies das sogenannte HPSM, das High Power Seed Module, das den Seedpuls für den EUV-Laser erzeugt. Eine enorm talentierte Entwicklungsmannschaft bei Trumpf hat in Rekordzeit dieses komplexe optoelektronische System entwickelt. Der Grund, warum gerade diese exotische Entwicklung für mich die wichtigste ist, ist einfach. Das HPSM ist so eine Art Schlussstein für die Quellenentwicklung für die EUV-Mikrolithographie und damit der letzte und entscheidende Schritt für die Einführung dieser Technologie in der Halbleiterindustrie. Und damit ist diese sehr spezielle Entwicklung auch ein großer Schritt für die Menschheit, um Neil Armstrong zu zitieren. Denn sie gewährleistet, dass das Moore’sche Gesetz auch in Zukunft bestehen bleibt und damit weiterhin als wesentlicher Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft wirken kann.

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Dr. Ansgar Kriwet, Vorstand Sales bei Festo: „Digitalisierung ist ein Katalysator für verbesserte Produktionsprozesse und Logistik.“

Dr. Ansgar Kriwet: Innovation zeigt sich für mich auf vielen Ebenen. Es muss nicht unbedingt ein neues Produkt oder eine technische Entwicklung sein. Mich fasziniert auch, wenn jemand bzw. ein Team in unserem Unternehmen es schafft, die Herstellkosten eines Produkts drastisch zu reduzieren.

Kurt Lehmann, Corporate Technology Officer von Continental.

Kurt Lehmann: Für mich ist eine der wichtigsten breit sichtbaren technischen Entwicklungen sicherlich der erste Gewinn einer Software gegen einen Go-Großmeister. Nicht allein die Tatsache, dass die Maschine mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz gewonnen hat, sondern vielmehr die Überraschung der Go-Experten über tatsächlich bislang nicht betrachtete Lösungswege. Dies zeigt die Chancen auf, die mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz für viele Bereiche der Industrie und der Mobilität gegeben sind.

SCOPE: Welche Neuentwicklung Ihres Unternehmens in 2016 schätzen Sie als die mit dem höchsten Zukunftspotenzial ein?

Kriwet: Großes Zukunftspotenzial sehe ich in unseren „Stars der Pneumatik“: Das ist ein starkes Produktprogramm von Standardventilen und -antrieben, mit denen wir 80 % der Kundenanwendungen abdecken – mit enormen Vorteilen für unsere Kunden, denn die Stars der Pneumatik sind kostenoptimiert und in hohen Stückzahlen äußerst schnell verfügbar. Damit sehen wir uns für den Wettbewerb vor allem in Asien sehr gut gerüstet. Wie wir an den herausragenden Absatzzahlen sehen, liegen wir mit dieser Strategie genau richtig.

Leibinger: Zu nennen wären Ultrakurzpulslaser für die Materialbearbeitung, die oben genannten EUV-Lithographie oder der Industrie-4.0-Laserschneidautomat, den wir gerade vorgestellt haben. Das Letztgenannte wird aus unserer Sicht das Laserschneiden und den gesamten vor- und nachgelagerten Prozess revolutionieren. Sehr großes Potenzial sehe ich aber auch im Bereich Additive Manufacturing. Auf der Formnext in Frankfurt haben wir unseren neuen 3D-Drucker Tru Print 5000 vorgestellt, der auf dem Multilaserprinzip basiert und mit drei 500-Watt-Lasern ausgestattet ist. Alle drei Laser können gleichzeitig die gesamte Prozesskammer bearbeiten – und zwar unabhängig von Anzahl und Geometrie der Bauteile. Damit kommen wir bei Additive Manufacturing in einen Bereich der Produktivität, der diese Verfahren für breite Kundengruppen interessant macht.

Die zweite Neuentwicklung, die mich in 2016 begeistert hat, zielt direkt auf die Anforderungen der Industrie 4.0. Eine durchschlagende Innovation werden wir im nächsten Jahr auf der Hannover Messe erstmalig der Öffentlichkeit vorstellen. Deshalb kann ich jetzt dazu noch nichts verraten. Nur so viel: Die Innovation verbindet die Digitalisierung mit der Pneumatik und macht die Automatisierungstechnik extrem flexibel und spielend einfach.

Lehmann: Neuentwicklungen in der Automobilbranche benötigen Zeit, damit sie wirklich sicher und langfristig erfolgreich in der Serie sein können. Einen solchen positiven Serienstart nach intensiven Jahren der Entwicklungsarbeit hatten wir 2016 mit dem hochintegrierten Bremssystem MK C1. Es handelt sich hierbei um eine einzigartige One-Box-Solution, technologisch führend und ein sehr wichtiger Baustein auch für die Weiterentwicklung beim automatisierten Fahren.

SCOPE: Die Digitalisierung der Produktion ist nun bereits seit fünf Jahren ein großes Thema der Industrie. Doch den großen Effizienzschub durch Industrie 4.0 konnte man bisher nicht feststellen. Kommt der noch?

Lehmann: Industrie 4.0 ist bei uns für die hohe Qualität unserer Produktion ein wichtiges und schon lange gelebtes Thema. Industrie 4.0 ist bei uns daher quer in der ganzen Organisation – in unterschiedlichen Ausprägungen – angekommen. So nutzen wir zum Beispiel bei der Zahnriemen-Produktion digitale Prozessüberwachung, damit die geforderte hohe Qualität bei jedem einzelnen Zahnriemen gegeben ist. Auch das kooperative Arbeiten zwischen Menschen und Robotern hat bei uns Einzug gehalten – und steigert nicht nur die Produktivität, sondern erhöht auch die Arbeitssicherheit.

Leibinger: Bei guter Implementierung in geeigneten Anwendungen sieht man den Effizienzschub durchaus. Beispielsweise in unserer Stanzwerkzeugfertigung haben wir Industrie-4.0-Abläufe umgesetzt und konnten die Lieferzeit eines Stanzwerkzeugs von zuvor vier auf einen Arbeitstag reduzieren bei einer gleichzeitigen Produktivitätssteigerung von über 30 %. Die Haupteffekte erwarten wir in den der Produktion vor- und nachgelagerten Prozessen, hier sind Produktivitätssteigerungen von 50 % machbar. Dies erfordert aber ein Umdenken, eine neue Fokussierung. In der Produktion neigen wir dazu, Hauptzeit-Junkies zu sein und darüber die wirklichen Produktivitätsfresser zu übersehen. Der Markt hat allerdings auch großes Interesse.

Kriwet: Unter dem unscharfen Begriff Digitalisierung verbergen sich alle Geschäftsprozesse, Tools und Produkte in einem Unternehmen, die sich auf die digitale Datenverarbeitung stützen. Zunächst muss sich ein Unternehmen genau anschauen, in welchen Bereichen die Digitalisierung Sinn macht und einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Für uns ist hier ein wichtiges Thema die Digitalisierung der Kundenschnittstelle. Neben dem Direktvertrieb und der Beratung der Kunden vor Ort eröffnet sich in der Virtualität ein neuer Begegnungsraum. Wir nennen dies die Customer Journey. Wir entwickeln nicht nur ein intelligentes Produktportfolio, sondern auch die Begleitung unserer Kunden über den gesamten Lebenszyklus der Produkte hinweg. Digitalisierung ist ein Katalysator für verbesserte Produktionsprozesse und Logistik. Dabei stehen wir an der Schwelle der konkreten Umsetzung. Wir sind davon überzeugt, dass wir eine weltweite Bevölkerung von 7,7 Milliarden Menschen nur durch effizientere Prozesse mit den notwendigen Gütern versorgen können. Das geht nur mit Digitalisierung.

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