Dr. Jochen Kress im Interview

„Erfahrungsaustausch fällt dann weg“

Präzisionswerkzeuge sind wichtig in der Fertigung. Dennoch sind es C-Teile, deren Beschaffung und Verwaltung sich im Zuge der Digitalisierung in den Firmen ändern werden. Dr. Jochen Kress, Geschäftsleitung Mapal, erklärt Chefredakteur Hajo Stotz, wie sein Unternehmen sich auf diese und weitere Herausforderungen der Zukunft einstellt.

SCOPE: Herr Dr. Kress, was sind die Trends, die die Entwicklung in der Werkzeugindustrie die nächsten Jahre am stärksten beeinflussen?

Dr. Jochen Kress, Mapal

Dr. Jochen Kress: Globalisierung, Klimawandel und Digitalisierung sind Megatrends, die auch die Werkzeugindustrie stark beeinflussen. Für uns stellen diese Trends daher eine Stufe dar, die man als Firma zu meistern hat. Entweder man schafft die Stufe – oder man scheidet aus. Und wir sind optimistisch, diese Anforderungen zu meistern. Beim Thema Globalisierung sehen wir uns zunehmend besser aufgestellt. Wir haben ja viele Kunden, die weltweit tätig sind, und für die ist es schon ein Wert an sich, wenn ein Partner global aufgestellt ist. Und das haben wir mittlerweile erreicht. Und mehr noch: Wir können heute weltweit ein einheitliches Niveau anbieten. Denn lokal unterschiedliche Qualitäten sind nicht mehr durchsetzbar.

SCOPE: Und welchen Einfluss hat das Thema Klimawandel auf Ihr Geschäft?

Dr. Kress: Ebenfalls einen sehr großen. Das Ziel der CO2-Reduzierung führt langfristig zu anderen Mobilitätskonzepten und anderen Antrieben, als sie heute Standard sind. E-Mobilität ist ja kein Ziel an sich, sondern das Mittel zur CO2-Reduzierung, ebenso wie das Thema Leichtbau. Das wird in den kommenden Jahren noch deutlich an Bedeutung gewinnen, denn um die weltweit sinkenden CO2-Grenzen zu erreichen, müssen die Fahrzeuge leichter werden. Und das geht nur durch leichtere Materialien.

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SCOPE: Inwieweit eröffnet Ihnen das neue Märkte?

Dr. Kress: Der steigende Anteil an Leichtmetall und Verbundwerkstoffen erfordert neue Verfahren, und neue Verfahren erfordern neue Werkzeuge. Bei Motoren und Getrieben geht die Umstellung weiter und auch bei den Fahrwerksteilen wird der Stahl zunehmend ersetzt. Die alternativen Materialien werden auch zu einer deutlichen Zunahme an PKD-Werkzeugen führen, was uns natürlich sehr freut, denn da sehen wir uns sehr gut aufgestellt.

SCOPE: Doch auf längere Sicht gesehen: Wird die E-Mobilität nicht dazu führen, dass weniger Werkzeuge benötigt werden, da die vielen Teile der Verbrennungsmotoren und der Getriebe wegfallen?

Dr. Kress: Die Elektromobilität wird kommen – bis signifikant weniger Werkzeuge benötigt werden, dauert es noch mindestens 10, eher 15 Jahre. Aktuell werden Elektrofahrzeuge in Kleinserien produziert. Um in Großserien zu fertigen, sind völlig andere Prozesse und Abläufe notwendig. Das wird lange dauern. Für die nähere Zukunft sehen wir daher erst einmal eine Zunahme der Komplexität der Fahrzeuge, der Prozesse und der Materialien. Und damit auch einen wachsenden Markt für Werkzeuge.

SCOPE: Können Sie das etwas näher erläutern?

Dr. Kress: Durch die zunehmende Komplexität erwarten wir für die nächsten Jahre keine Ab-, sondern eine Zunahme an Werkzeugbedarf. Beispielsweise führt Mercedes derzeit die sogenannte Camtronic ein, mit der die Schaltpunkte der Nockenwellen verstellt werden können, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren. Allein für diese Technologie investiert Daimler ganz erheblich in die Fertigung. Und auch der Leichtbau erfordert neue Prozesse und ist damit erst einmal Herausforderung für die Hersteller und für uns. BMW hat zum Beispiel bei dem I3 erheblich in Leichtbau und Verbundmaterialien investiert. Um die Kanten eines Verbundteiles zu säubern, nachdem es aus dem Ofen kommt, werden sie gefräst. Als wir das Thema 2008 angefangen haben, erzielten wir eine Standlänge von 8 m. Das Fräsergebnis war sehr gut, doch das Verfahren damit nicht besonders wirtschaftlich. Inzwischen erreichen wir mit unserem neuesten Fräser eine Standlänge von 700 m. Das ermöglicht natürlich eine deutlich wirtschaftlichere Produktion. Damit wird die Bearbeitung günstiger und damit wird das Fahrzeug im Endeffekt auch für den Käufer attraktiver.

SCOPE: Und auch langfristig sehen Sie keinen Umbruch im Markt?

Dr. Kress: Auf jeden Fall erwarten wir einen Schwenk weg vom Verbrennungsmotor hin zum Elektromotor beziehungsweise zur Brennstoffzelle. Was die Stückzahl der produzierten Fahrzeuge angeht, ist die Prognose schwierig. Es ist zum Beispiel durchaus vorstellbar, dass in einer geänderten Mobilitätswelt weit mehr Fahrzeuge produziert werden als heute. Statt Bussen und öffentlichem Nahverkehr decken dann autonome, selbstfahrende Fahrzeuge den Mobilitätsbedarf ab, indem sie den Kunden direkt an der Haustür abholen und zu seinem Ziel fahren. Die stehen dann nicht wie ein Privatauto heute 23 Stunden rum, sondern sind den ganzen Tag unterwegs – und verschleißen natürlich viel schneller. Das Mobilitätsangebot und das -verhalten wird sich ändern, aber welche Auswirkungen das auf die produzierte Menge und damit die Werkzeugindustrie hat, ist für uns noch nicht abzusehen.

SCOPE: Thema Digitalisierung – welche Auswirkungen erwarten Sie hier?

Dr. Kress: Hier sehen wir zwei große Themen. Zum einen die digitale Vernetzung in der Fertigung und zum anderen im Bereich der Beschaffung. Digitale Vernetzung bedeutet die Durchgängigkeit der Daten, deren automatisierte Verarbeitung und damit reduzierte Grenzkosten. Die Bedeutung von Plattformen und Ökosystemen nimmt zu. Und es ergeben sich völlig neue Geschäftsmodelle und Anforderungen. Werkzeuge bestehen künftig nicht mehr nur aus Hardware. Zu den analogen Aspekten wie Preis, Lieferzeit, Leistung, Technologie und Qualität kommen die digitalen Anforderungen nach zugehörigen Daten und Services hinzu. Und: Die digitale Dimension der Produkte wird die Werkzeugverwaltung und -beschaffung erheblich beeinflussen. Die Art und Weise, wie die großen Kunden ihre Werkzeuge einkaufen, wird sich damit verändern. Hier müssen wir es schaffen, mit dem Kunden weiterhin direkt in Kontakt zu bleiben.

SCOPE: Welche Herausforderung sehen Sie da auf die Branche zukommen?

Dr. Kress: Es gibt ja bei der Beschaffung die A-, B- und die C-Teile, also die Verbrauchsmaterialien. Das sind die Teile, die den Kunden in der Beschaffung wirklich Geld und Nerven kosten. Denn wenn er beispielsweise eine Maschine kauft, ist das ein einmaliger Beschaffungsaufwand für mehrere Jahre. Die Werkzeuge dafür muss er aber ständig neu beschaffen, und der Beschaffungs- und Verwaltungsaufwand ist gemessen am Einkaufsvolumen überproportional hoch. Zudem genießt das Thema relativ wenig Aufmerksamkeit beim Management und verursacht außerdem sehr hohe Prozesskosten. Deswegen wollen die Kunden das Thema gerne an Dienstleister auslagern. Das ist aber für uns wenig befriedigend.

SCOPE: Sie wollen der direkte Ansprechpartner der Kunden bleiben?

Dr. Kress: Genau. Durch eine Zwischenstation fällt die direkte Kommunikation, der direkte gegenseitige Erfahrungsaustausch weg. Der ist für beide Seiten aber enorm wichtig. Wenn wir also weiterhin der direkte Ansprechpartner sein wollen, müssen wir diese Bedürfnisse der großen Kunden erfüllen und die Probleme, die sie im Bereich der Werkzeugverwaltung und -beschaffung haben, anders lösen. Es geht letztendlich darum, dass Informationen besser fließen.

SCOPE: Und wie sieht das Ergebnis Ihrer Überlegungen konkret aus?

Dr. Kress: Wir werden in Kooperation mit SAP eine Cloud-Plattform schaffen, die die direkte Kommunikation zwischen Werkzeughersteller und dem Endkunden ermöglicht. Der Transfer von Informationen zwischen Hersteller und Anwender muss für beide Seiten viel einfacher werden. Auf der AMB werden wir einen entsprechenden Ansatz für eine Beschaffungsplattform vorstellen. Wir haben da bereits einen guten Entwicklungsstand erreicht und sind sehr optimistisch, dass das Konzept von unseren Kunden angenommen wird. Nächstes Jahr wollen wir mit dem entsprechenden Produkt in den Markt gehen.

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