Interview mit Christian Wolf, Turck

Andrea Gillhuber,

Die SPS verliert an Bedeutung

Schwächelnde Konjunktur, Digitalisierung, 5G und Edge Computing beeinflussen die Automatisierungstechnik. Turck-Geschäftsführer Christian Wolf spricht im Interview über die Herausforderungen für Automatisierer und warum 2020 ein Wachstum möglich sein könnte.

Turck-Geschäftsführer Christian Wolf. © Turck

Der VDMA meldet für 2019 und 2020 einen Rückgang von jeweils 2 Prozent. Was sind die Gründe dafür?

Im deutschen Maschinenbau gibt es durchaus Branchen, die weiterhin wachsen. Allerdings spürt gerade der automobilnahe Maschinenbau einen Rückgang, vor allem die Werkzeugmaschinenindustrie ist stark betroffen. Die Automobilindustrie hat einen wesentlichen, wenn auch zeitverzögerten Effekt auf den Maschinenbau. Andere Branchen wie Kunststoffspritzgussmaschinen und die Verpackungsindustrie laufen eigentlich sehr gut und haben gutes Wachstum.

Auch für das Jahr 2020 rechnet der VDMA mit einem Rückgang von 2 Prozent. Turck erwartet jedoch ein Wachstum von 5 Prozent.

Das zeigt, dass wir nicht nur im Automobilmaschinenbau tätig sind. Wir erwarten, dass die Lebensmittel- und Nahrungsindustrie weiter wachsen wird. Wachstumschancen sehen wir auch im Bereich der mobilen Arbeitsmaschinen sowie in der Logistik- und der Prozessautomatisierung. Die Chemieindustrie hat sich stabilisiert, Öl und Gas wächst ebenso wieder vernünftig, und die Pharmaindustrie scheint von all dem gar nicht betroffen zu sein. Auch glauben wir, dass sich Automotive erholen wird, die Frage ist, ob dies schon Ende 2020 zu spüren sein wird. In Summe sehen wir ein Wachstum also durchaus als realistisch an.

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Das sind sehr unterschiedliche Branchen. Wie unterscheiden sich die Automatisierungstrends in diesen Industrien?

Die Prozess- und Fertigungsautomatisierung hybridisieren sich deutlich. Vor kurzem war ich auf der Namur-Hauptsitzung, hier war deutlich zu sehen, dass viele Ideen aus der Fabrikautomatisierung auch in der Prozessautomatisierung Anwendung finden. Die Chemieindustrie ist noch zurückhaltender, was die Adaption der Themen sowie die Schnelligkeit angeht. Die Pharmaindustrie beispielsweise adaptiert das, was wir klassischen Fabrikautomatisierer als Industrie 4.0 bezeichnen, deutlich schneller.

Was sind die drei größten Trends in der Fertigungs-automatisierung?

Ganz klar das Zusammenwachsen von IT und OT. Ich bin überzeugt, dass die Automatisierungswelt nicht mehr in der Steuerungstechnik aufhört. Die Automatisierungs-pyramide endet somit nicht mehr in SPS, sondern in einer MES- oder ERP-Welt. Das ist aus meiner Sicht der größte Trend. Ein weiterer Trend ist, dass Hardware in Zukunft zunehmend durch Software kundenspezifisch ausgeprägt wird. Das bedeutet, dass nicht mehr die mechanische Adaption einer Applikation relevant ist, sondern dass dies vermehrt über die Software geschieht. Und das ist in meinen Augen auch die größte Herausforderung für uns Automatisierer: genug Ressourcen und Investitionsluft zu haben, uns dort hin zu entwickeln.

Wird die klassische SPS überflüssig?

Ja und nein. Eine SPS wird immer eine Berechtigung haben, aber ich glaube, die Relevanz der klassischen Groß-SPS nimmt ab  – das ist bereits jetzt zu beobachten. Mikroprozessoren verfügen heute schon über so viel Rechenleistung, um ein großes Datenvolumen dezentral zu verwalten. Die Intelligenz wandert heute schon in robuste Endgeräte, die bereits viele Steuerungsaufgaben direkt vor Ort umsetzen und so die übergeordnete Steuerung zunehmend entlasten. Auch, dass immer mehr Sensoren über IP67-I/O-Module unmittelbar im Feld angebunden werden können, dass sich Edge-Computing weiter verbreitet, wird dazu führen, dass die Bedeutung einer klassischen SPS abnimmt.

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