Interview

Der neue Kollege - ein Roboter

Durch Fachkräftemangel und demografischen Wandel ändern sich in den nächsten Jahren in der Fertigung die Prozesse und Arbeitsbedingungen - zunehmend werden deshalb Roboter als Assistenten der Werker zum Einsatz kommen. Die Automobil- und Zulieferindustrie ist hier Vorreiter. Sie setzen bereits heute Leichtbauroboter in der Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) produktiv ein. SCOPE-Chefredaktuer Hajo Stotz sprach mit Thomas Ebenhöch, Standort- und Werkleiter des Automobilzulieferers Continental Regensburg und Josef Kerscher, Leiter des BMW-Werks Dingolfing, über ihre Erfahrungen mit dem Kollegen Roboter.

SCOPE: Welche Vorteile bietet MRK aus Ihrer Sicht für den Mitarbeiter und das Unternehmen?

Thomas Eberhöch ist Werkleiter von Continental Regensburg.

Ebenhöch: Ein wesentlicher Punkt ist, dass unsere Mitarbeiter durch die Zusammenarbeit mit Robotern entlastet werden. Dies ist auch hinsichtlich des demografischen Wandels und des höheren Renteneintrittsalters ein wichtiger Aspekt. Hinzu kommt, dass durch die Entlastung von körperlich anstrengenden Aufgaben, die fachliche Kompetenz unserer Mitarbeiter noch stärker gefragt ist. Ihnen wird die Möglichkeit für die entsprechende Qualifizierung geboten, wodurch das Aufgabengebiet der Mitarbeiter in jedem Fall anspruchsvoller wird.
Ein großer Vorteil für uns ist, dass sich Roboter flexibel und ohne hohen Aufwand für unterschiedliche Aufgaben in der Produktion anpassen und einsetzen lassen. Zudem ermöglicht die enge Kooperation von Mitarbeitern und Robotern eine wirtschaftlichere und flexiblere Produktion und die Zusammenführung der jeweiligen Vorteile von Mensch und Roboter. Roboter arbeiten schnell und präzise, aber sie können ihre Prozesse nur bedingt kontrollieren. Eine gleichbleibend hohe Qualität kann nur mittels der Kontrolle durch einen Menschen sichergestellt werden.

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Ein weiterer Aspekt ist, dass mit den neuen Aufgabengebieten der Mitarbeiter auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden bzw. sich bestehende Arbeitsplätze verändern werden. Für das Programmieren eines kollaborierenden Roboters reicht oftmals eine Fortbildung – dafür ist nicht gleich ein abgeschlossenes IT-Studium nötig.

Josef Kerscher ist Leiter des BMW-Werks Dingolfing.

Kerscher: Die Leichtbauroboter entlasten die Mitarbeiter zum einen von ergonomisch ungünstigen Tätigkeiten und erleichtern ihnen so die Arbeit. Zum anderen bieten sie alle Vorteile der hohen Prozess- und Wiederholgenauigkeit eines Roboters. Die Technologie eignet sich daher hauptsächlich zum Einsatz bei Prozessen mit hohem Qualitäts- und Genauigkeitsanspruch. Gegenüber der herkömmlichen Robotertechnologie sind die Leichtbauroboter grundsätzlich auch flexibler und platzsparender im Einsatz und langfristig damit kostengünstiger.

SCOPE: Macht MRK langfristig den Werker am Band überflüssig?

Ebenhöch: Das können wir nicht bestätigen. Wir sehen durch den Einsatz von kollaborativen Leichtbaurobotern ganz neue Möglichkeiten, um unsere Mitarbeiter in verschiedensten Bereichen zu entlasten. Denn im direkten Zusammenwirken kann der Roboter eintönige oder körperlich anstrengende Teile des Arbeitsablaufs übernehmen und damit den Arbeitsprozess für den Menschen ergonomischer gestalten. Durch den Wegfall der automatisierbaren Tätigkeiten ist die fachliche Kompetenz unserer Mitarbeiter noch stärker gefragt.

Kerscher: Nein. Der Mitarbeiter ist und bleibt der essentielle Gestalter und Befähiger der Produktionsprozesse. Zudem ist er ungleich mobiler und flexibler in der Anpassung an sich ändernde Fertigungsprozesse und –programme. Gerade in einer hochkomplexen Fahrzeugmontage wie im Werk Dingolfing wird der Mensch langfristig nicht ersetzbar sein – die Technologie wird den Menschen nur unterstützen. Auch für den ständigen Verbesserungsprozess ist der Mensch als Treiber unersetzbar. Über die nächsten Jahre werden wir in Zusammenarbeit mit unseren Mitarbeitern neue Einsatzfelder für Leichtbauroboter entwickeln, von denen wir uns Vorteile hinsichtlich wirtschaftlichen, ergonomischen und qualitativen Aspekten erwarten.

SCOPE: Ohne Schutzabtrennung mit dem Roboter zusammen zu arbeiten - wie ist da die Reaktion der Mitarbeiter?

Ebenhöch: Unsere Mitarbeiter haben keinerlei Sicherheitsbedenken, denn die Arbeitsplätze werden durch eine Lichtschranke sowie eingebaute Sensoren begrenzt. Innerhalb dieses Bereichs arbeiten die Roboter wie Standard-Industrieroboter. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass die Roboterarme durch die Lichtschranke nach „draußen“ greifen können, um zum Beispiel ein Bauteil dort wegzunehmen, wo unser Mitarbeiter es hingelegt hat. In diesem so genannten Kollaborationsbereich bewegt sich der Roboter aber deutlich langsamer – und bei Berührung geht er sofort in Ruhestellung. Es besteht also keine Gefahr für unsere Mitarbeiter.

Kerscher: Durchwegs neutral bis positiv. Roboter sind in der Automobilindustrie ja kein ungewohnter Anblick. Um international wettbewerbsfähig zu bleiben kann die Automobilindustrie in Deutschland nicht auf den Einsatz von Robotern verzichten. Schon seit Jahren sind Bereiche des Karosseriebaus zu fast 100% automatisiert - und in der Fahrzeugmontage findet der Einsatz von Leichtbau-Robotern mehr und mehr Einzug. Die Mitarbeiter sind durch die kontinuierliche Weiterentwicklung und den Ausbau dieser Technologie den Umgang damit gewohnt und sehen diese auch positiv, weil sie durch den Roboter von körperlich anstrengender Arbeit entlastet werden.

Zudem ist der Umgang mit Robotern und deren Programmierung heute bereits Teil der Berufsausbildung, unsere Auszubildenden werden daher auf die Zusammenarbeit mit Robotern im späteren Berufsleben gut vorbereitet.

Und letztendlich entwickelt sich auch die Sicherheitstechnik weiter und gewährleistet die Arbeitssicherheit der Mitarbeiter. Im Moment ist die Absicherung der Leichtbauroboter mitunter noch aufwändig. Aber mit steigender Verbreitung und Erfahrung wird sich auch das relativieren.

SCOPE: Tragen Assistenz-Roboter auch zu Prozessverbesserungen und Kosteneinsparungen bei?

Ebenhöch: Leichtbau-Roboter sind günstig und arbeiten schnell und präzise. Es werden natürliche Fehler vermieden und Prozesse äußerst stabil ausgeführt. Dadurch ergeben sich dann wiederum Qualitätsverbesserungen sowie Kosteneinsparungen.

Kerscher: Ja, die Wiederholgenauigkeit und die Präzision der Roboter leisten einen essentiellen Beitrag zur kundenorientierten Qualität. Und wir setzen die Robotertechnik natürlich nur dort ein, wo sie uns hinsichtlich Ergonomie, Qualität und Effizienz Vorteile bringt.

SCOPE: Ist ein solcher Assistenz-Roboter auch flexibler als ein klassischer Roboter einsetzbar?

Ebenhöch: Ja, wir sehen das so. Unsere kollaborativen Roboter sind variabel einsetzbar und können Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten – müssen aber nicht.

Kerscher: Grundsätzlich ja, aber Assistenz-Roboter eignen sich nicht für alle Einsatzgebiete gleich gut. Meiner Einschätzung nach werden Leichtbauroboter hauptsächlich in der Fahrzeugmontage Verwendung finden. Sie können aufgrund ihres geringen Gewichtes schnell versetzt werden und benötigen keine aufwendigen zusätzlichen Schutzeinrichtungen (Sensorik, Zäune etc.).

SCOPE: Ist die Programmierung von Assistenz-Robotern aufwendiger als bei klassischen Robotern?

Ebenhöch: Ganz im Gegenteil. Viele der Leichtbau-Roboter können von geschulten Mitarbeitern vor Ort programmiert und „geteacht“ werden. Das bedeutet, dass der Mitarbeiter dem Roboter die Bewegung einmal zeigt, also den Roboterarm führt und dieser sich die Bewegung merkt. So kann er diese immer wieder stabil ausführen.

Kerscher: Das hängt sehr stark vom jeweiligen Robotermodell und der konkreten Anwendung ab. Funktional sind viele dieser Roboter sehr einfach zu programmieren. Die Bestimmung der Sicherheitsparameter ist derzeit noch mit Aufwand verbunden. Unsere Programmierer und Instandhaltungsspezialisten sind aber gut im Umgang mit den Robotern ausgebildet und für die Integration weiterer Systeme vorbereitet.

SCOPE: Gab es bei Ihnen bisher Ausfälle mit den Assistenz-Robotern?

Ebenhöch: Nein, wir haben bisher keine Ausfälle mit den Assistenz-Robotern verzeichnet.

Kerscher: Die technische Verfügbarkeit der Leichtbau-Roboter ist auf einem hohen Niveau - analog der klassischen Robotertechnologie. Natürlich sind auch für diese Systeme Wartung und Instandhaltung unabdingbar.

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