Software

Die Heirat ist perfekt

Schon einige Jahre sind Right Hemisphere und SAP in gewissem Sinne ein Paar. Eine enge, strategische Partnerschaft machte es möglich, die 3D-Visualisierung innerhalb der SAP-Software anzubieten. Aber SAP wollte mehr: eine Integrationstiefe, die ausreicht, um das strategisch anvisierte Visual Enterprise zu realisieren. Dazu musste der 3D-Spezialist ein Teil des Unternehmens werden.
Weit über hundert CAD-Formate kann Enterprise Connect von Right Hemisphere übersetzen und visualisieren – und schafft damit die Voraussetzung, die Daten unabhängig von der Ursprungssoftware innerhalb des Unternehmens problemlos zu kommunizieren. (Bilder: SAP)

Sonderlich überrascht hat es offenbar nicht, als am 7. September die Nachricht übers Netz ging, dass SAP Right Hemisphere übernommen hat, den Spezialanbieter von 3D-Visualisierungssoftware, der auch schon an vorderster Front an der Entwicklung der 3D-PDF-Technologie von Adobe mitgewirkt hat. Es hat nicht überrascht, weil SAP sich schon seit Jahren bei der 3D-Darstellung von Produktdaten auf die Produkte dieses Herstellers gestützt hat.

Im Kern strebt SAP an, unter Einbeziehung der Funktionalitäten von Right Hemisphere für jeden Anwendungsbereich Oberflächen, so genannte Workplaces, zu schaffen. Das Engineering hat dann ebenso einen anpassbaren Zugang zu den für den Ingenieur wichtigen Daten, wie das Marketing oder der Vertrieb. Vorbild sind Ideen eines Web-orientierten Clients aus der Großindustrie, der dem Einzelnen das Leben mit den vielen Softwaresystemen erleichtern soll, die er für seine Aufgaben einsetzt. In einer nächsten Integrationsstufe wird es weitere Bausteine geben, die 3D für zusätzliche Anwendungen verfügbar machen. Für das Verkaufsgespräch online ebenso wie für die Erstellung von Vertriebsportalen im Internet. Und denkbar sind auch Anwendungen, die in Richtung der Simulation von Fertigung und Fabrikplanung gehen. Denn auch da gibt es bereits laufende Entwicklungen bei Right Hemisphere, auf die aufgesetzt werden kann.

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Es ist eine große Palette an Funktionalitäten, die mit der Übernahme des 3D-Spezialisten geöffnet wird. Etliche könnten durchaus dazu taugen, andere Standalone-Lösungen beim Kunden zu ersetzen. Insgesamt kann SAP damit seinen Anspruch bekräftigen, der Industrie für das Management ihrer Produkte tatsächlich über deren gesamten Lebenszyklus effiziente Tools an die Hand zu geben. Vor allem im Umfeld des Engineerings dürften die neuen Möglichkeiten gut ankommen. Ihre Daten erfahren eine bedeutende Aufwertung.

3D-Technik ohne eigenes CAD-System

SAP PLM spielt in der Liga der großen PLM-Lösungen eine wichtige Rolle. Neben langjährigen Kunden der SAP Business Suite aus dem Umfeld des Anlagenbaus und der Prozessindustrie haben zunehmend auch Unternehmen der Fertigungsindustrie – etwa Heidelberger Druckmaschinen und BMW – entdeckt, dass die Kombination des Engineerings mit den anderen Unternehmensprozessen möglicherweise effizienter gelingt, wenn die Durchgängigkeit der Daten bereits bei den ersten Konstruktionsschritten anfängt. Allerdings war bei SAP PLM lange ein Wermutstropfen, dass der Anbieter nicht wie die Wettbewerber über ein eigenes CAD-System verfügte, also nicht selbst in der 3D-Technik ‚zu Hause‘ war.

Innerhalb der SAP kam deshalb der Antrieb für die Übernahme von Right Hemisphere aus dem PLM-Bereich. Denn im Engineering entstehen die Produktdaten und folglich auch die 3D-Modelle, die dann für den gesamten Produkt-Lebenszyklus zur Verfügung stehen sollten. Und natürlich ist in den Entwicklungsabteilungen der Bedarf an 3D-Funktionalität größer als in jedem anderen Bereich. Aber auch die Verantwortlichen der gesamten SAP Business Suite haben sich für diesen Merger entschieden. Denn im modernen Unternehmen gibt es praktisch keinen Arbeitsplatz mehr, an dem nicht 3D-Produktdaten benötigt werden und die Arbeit vereinfachen – wenn sie denn ohne teures, schwierig zu handhabendes CAD genutzt werden können. Die weitere Integration der Right-Hemisphere-Funktionalitäten wird alle diese Bedarfe abdecken. Nicht auf einmal, sondern in Stufen. Betrachten wir, welche Auswirkungen dies auf die Unterstützung der einzelnen Prozesse im Unternehmen hat.

In den Konstruktionsabteilungen wird mit CAD gearbeitet. Allerdings selten nur mit einem System. Manchmal ist schon die Nachbarabteilung auf ein anderes Tool eingeschworen, oft sind es andere Entwicklungsstandorte, und fast immer arbeiten Kunden oder Zulieferer mit anderer Software. Deren Arbeitsergebnisse können – außer durch Konvertierung in ein anderes Nativformat – nur dann für alle an der Entwicklung Beteiligten dargestellt werden, wenn der Viewer alle Formate versteht. Das ist bei den Tools von Right Hemisphere der Fall. Weit über hundert Formate kann Enterprise Connect übersetzen und visualisieren. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, unabhängig von der Ursprungssoftware innerhalb des Engineerings problemlos zu kommunizieren. Bis hin zur Zusammenführung von Modellen unterschiedlicher Herkunft in einem gemeinsamen Modell. Diese CAD-Neutralität wird künftig für SAP-PLM-Kunden ein integraler Bestandteil ihrer Software sein – für alle gängigen CAD-Systemformate und neutrale Formate wie 3D-PDF oder JT.

Aber damit ist natürlich nur der Grundstein gelegt. Interessant wird es, wenn mit dem 3D-Modell gearbeitet wird, wenn es für verschiedene weitergehende Schritte editiert und genutzt werden kann. Der Entwickler möchte ein Modell durchfliegen können, um es im Inneren zu bewerten und zu prüfen. Er möchte es durchschneiden können und an wichtigen Punkten sofort die Schnittdarstellung zur Verfügung haben. Für viele Zwecke benötigt er die Fähigkeit des Modells zur ‚Explosion‘, um alle Bauteile und Baugruppen zu separieren.

Diese Möglichkeiten wird er jetzt haben, und zwar unabhängig vom Einsatz eines CAD-Systems, aber durchaus mit dem steten Link zwischen der Darstellung des Deep Server von Right Hemisphere und den nativen CAD-Daten. Aber die Funktionalität geht darüber hinaus. Die Bereitstellung des Produktmodells für auf die Detailkonstruktion folgende Entwicklungs- und Absicherungsaufgaben wie Simulation, Berechnung, Versuch und anderes ist nun integraler Bestandteil von SAP PLM. Eine Explosionsdarstellung kann damit genutzt werden für die Aufzeichnung eines Videos, das die Teile des fertigen Produkts Schritt für Schritt auseinandernimmt wie in einer Demontage. Dasselbe Video kann anschließend auch rückwärts abgespielt werden und illustriert die Montage. Und jeder einzelne Schritt lässt sich mit den zur Montage oder Demontage nötigen Werkzeugen darstellen und mit Text und Tonspur erläutern.

Für den Entwickler ist auch wichtig, schon bei den ersten Ideen zu wissen, welches Material sinnvoll wäre, welche Wiederholteile verfügbar sind, was auf Lager ist oder welche Zulieferer für welche Komponenten in Frage kommen. Das ist nun ebenfalls mit dem neutralen 3D-Modell gekoppelt. Die Integrationsfähigkeit des Deep Server geht in beide Richtungen. Einerseits stellt er 3D-Daten unterschiedlicher Herkunft zur Visualisierung und Manipulation zur Verfügung; andererseits kann er Daten aus anderen Prozessen und Unternehmensbereichen, die bei SAP typischerweise eher auf Seiten der Business Suite angesiedelt sind, mit dem 3D-Modell verknüpfen. Die Software versteht nicht nur nahezu beliebige 3D-Formate, sondern auch alle gängigen 2D-Formate, zum Beispiel aus Microsoft Office oder von Adobe.

3D durchdringt die nachfolgenden Prozesse

Die Integration bietet schon im Engineering eine Fülle von Vorteilen – für die nachfolgenden Prozesse wird sich der Nutzen aber noch erheblich deutlicher zeigen. Denn hier gibt es enormen Bedarf hinsichtlich der 3D-Darstellung, aber in der Regel ist kein System installiert, mit dem dieser Bedarf gedeckt werden kann. Nun wird die Funktionalität integraler Bestandteil der SAP Business Suite und ihrer Module.

Zunächst zeigt sich die Integration dadurch, dass Thumbnails und 3D-Darstellungsmöglichkeiten durch alle Anwendungen verfügbar sind. Es spielt keine Rolle, in welcher Teilapplikation ein Mitarbeiter gerade arbeitet, von überall kann er auf 3D zugreifen. So wie der Ingenieur in seiner Entwicklung auf Stammdaten aller Couleur zugreifen kann, so kann der Einkäufer, der Lagerverwalter oder Arbeitsplaner sich bei seiner Arbeit stets der vollen Ansicht einzelner Teile, Baugruppen oder Komponenten bedienen. Ebenso wie er seine Berichte, Arbeitsblätter oder Bestellungen mit der betreffenden Ansicht ergänzen kann – ohne dafür einen Screenshot aus der Entwicklungsabteilung anzufragen oder sich eines Zeichnungsdokuments zu bedienen, dessen Aktualität er meist nicht beurteilen kann. Freigabeprozesse und ganze Workflows können folglich nun ebenfalls durch für jedermann verständliche 3D-Modelle effizienter gestaltet werden. Denn es gilt immer noch, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, und dass die Kommunikation schneller zum Ziel kommt, wenn sie sich nicht nur auf Alphanumerik stützt.

Einer der ersten Nutznießer wird das Manufacturing sein. Wo bisher immer noch aus dem CAD-Modell abgeleitete Zeichnungen das Medium waren, können nun alle Beteiligten – auch in der Werkshalle – direkt am Bildschirm nicht nur sehen, sondern messen und Maße abnehmen, und zwar immer am freigegebenen, aktuellen Modell. Schon ab der nächsten Version von SAP PLM wird es darüber hinaus eine Möglichkeit geben, aus der Konstruktionsstückliste heraus die zugehörigen Montagestücklisten und Arbeitspläne anzuzeigen. Der Arbeitsplaner wird in seiner bisher weitgehend manuell und an ausgedruckten Dokumenten ausgerichteten Arbeit massiv unterstützt.

Den größten Nutzen stellt die Integration dar, wenn – was ja immer häufiger der Fall ist – der Produktions- und Montagestandort nicht mit dem Entwicklungsstandort identisch ist. Durch den firmenweiten Zugriff auf die Engineering-Modelle aus dem an allen Standorten aktiven SAP-System heraus entfällt vielfaches Suchen nach benötigten Informationen und damit natürlich manche Ursache für Fehler und Qualitätsmängel.


Ulrich Sendler

Fachjournalist, München

SAP Deutschland AG & Co. KG, Walldorf Tel. 06227/7-47474, http://www.sap.com

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