Software

„Konstruktionsautomation wird massiv profitieren“

Genius Tools nennt PLM-Dienstleister Inneo Solutions künftig sein Angebot an Zusatzapplikationen für die PTC-Produktentwicklungssuite Creo und das PLM-System Windchill. Sie richten sich gleichermaßen auch an Creo-Elements/Pro- (früher Pro/Engineer) und Creo-Elements/Direct-Anwender (früher CoCreate Modeling). Über die Tools hinaus unterstützt Inneo zudem mit dem PLM-Elite-Netzwerk seine Kunden bei der Internationalisierung. Über beide Themen sprach der CAD-CAM REPORT mit Geschäftsführer Helmut Haas.
„Wer künftig schnell bestimmte Zusatzfunktionalitäten für das PTC-Produktportfolio benötigt, um konkret eine Aufgabe zu lösen, kann diese in Form einer Web-Applikation temporär aus der Cloud beziehen – ohne dass er dazu auf den nächsten Releasewechsel warten und seine Entwicklungsdaten in die Cloud laden muss“, sagt Helmut Haas, Geschäftsführer der Ellwanger Inneo Solutions GmbH. (Bild: CAD-CAM REPORT)

CCR: Herr Haas, welchen ersten Eindruck haben Sie von PTCs Creo gewonnen?

Haas: Ich hatte das Glück, sowohl bei der Produktvorstellung im Oktober als auch kürzlich bei einer Kundenveranstaltung für die 60 größten internationalen Kunden Creo etwas tiefergehend kennenzulernen. Das System ist sehr leistungsfähig, vor allem bezüglich der vier Hauptaspekte Creo AnyRole Apps, AnyMode Modeling, AnyData Adoption und AnyBOM Assembly (Hinweis der Redaktion: Siehe hierzu CAD-CAM REPORT 11/12-2010, S. 29 und 5/2011, S. 42). Vieles von dem, was wir bislang über unser Lösungsportfolio bereitgestellt haben, bietet PTC jetzt als Hersteller aus einer Hand. Kurzfristig dürfte für unsere Kunden vor allem AnyMode Modeling am interessantesten sein, also die Möglichkeit, sowohl parametrisch als auch direkt zu modellieren. Beide Möglichkeiten hatten wir zwar bereits im Angebot – aber nicht in einem Produkt vereint und unter der gleichen Benutzerführung. Mittel- und langfristig dürfte dann der Automationsansatz sehr hilfreich sein, der mit AnyBOM Assembly angekündigt ist.

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CCR: Lassen Sie uns kurz bei den Modelliertechniken parametrisch oder direkt bleiben. Profitieren von Creo vor allem CoCreate-Kunden, denen damit ein Migrationspfad eröffnet wird?

Haas: Ich würde nicht von Migration reden, zumal PTC die CoCreate-Linie nicht abgekündigt hat. Neben Creo wird es also auch weiterhin Releases von CoCreate Modeling – jetzt unter dem Namen Creo Elements/Direct – geben. Das Entscheidende dabei ist, dass nun nach und nach über eine einheitliche Benutzerführung und vor allem das Datenintegrationsmodell – nicht Migrationsmodell! – die Voraussetzung geschaffen wird, Daten in die Parametrik und zurück zu transferieren. Auch auf Datenmanagement-Ebene treffen sich also beide Modellierwelten. Das eröffnet speziell unseren CoCreate-Kunden eine Reihe weiterer Möglichkeiten. Etwa die Option, ab Herbst auch mit der Direktintegration für Creo Elements/Direct aus Windchill PDMLink heraus zu arbeiten. Sie sehen: Wenn die Weiterentwicklung der CoCreate-Linie gesichert ist, besteht auch keine Notwendigkeit für einen Systemwechsel. Darüber nachzudenken lohnt sich also erst dann, wenn aus Sicht der Entwickler und Konstrukteure interessante Funktionalitäten dazukommen oder aus Sicht der Unternehmensleitung weitere Automationspotenziale erschlossen werden können. Da bin ich selbst sehr gespannt, ab wann eine Creo-Welt hier aufgrund ihres Potenzials so attraktiv wird, dass Creo-Elements/Direct-Kunden sich in diese Richtung orientieren. Etwa weil Teilbereiche des Entwicklungsprozesses automatisierbar sind oder automatisiert werden sollten, oder sehr interessante Creo-Apps zur Verfügung stehen.

CCR: Damit kommen wir zurück auf das oben angesprochene Thema Automation. Wo sehen Sie hier das Potenzial in Creo?

Haas: Mit Creo AnyBOM Assembly werde ich aus Windchill heraus konfigurierbare Produkte beziehungsweise Zusammenbauten generieren können. Ich kann also in Windchill das Regelwerk erstellen, das dann im CAD abgebildet wird – das ist ein riesiger Hebel für die Konstruktionsautomation. Denn an dieser Stelle macht das die Integration von Drittprodukten überflüssig, mit allen damit verbundenen Vorteilen hinsichtlich der Schnittstellenproblematik.

CCR: Anwender, die Konfiguratoren einsetzen, arbeiten ja mit der Parametrik. In welcher Weise profitieren die in diesem Zusammenhang nun von den Direktmodellier-Funktionalitäten in Creo?

Haas: Ganz klar – das CAD-Modell ‚verdummt‘ nicht. Das ist ein Problem vieler alternativer Ansätze. Es ist meistens recht einfach, ein parametrisches Modell mit Konstruktionshistorie direkt zu bearbeiten, wenn ich die Historie verwerfe. Genau damit verliere ich aber auch die Eigenschaften, die mir bei der Konstruktionsautomation wertvolle Dienste leisten. Deshalb verfolgt Creo hier den Ansatz, die Konstruktionshistorie zu erhalten. Damit wird folgendes Szenario denkbar: Geht ein durchentwickeltes Produkt in die Fertigung, lassen sich beispielsweise notwendige Geometrie-Änderungen leicht direkt modellieren – damit kann ich den Fertigungsjob schnell erledigen. Für die zukünftige Arbeit mit diesem Produkt ist es aber sinnvoll, diese Modifikationen sauber in einem Änderungsprozess abzubilden. Genau das kann ich mit Creo erreichen, weil die Parametrik nicht verworfen wird sondern gezielt nachgezogen werden kann. Auch wenn ich mein Produkt häufiger direkt überarbeite, verdummt mein Modell nicht. Unabhängig davon gibt es natürlich auch Bereiche, die vom direkten Modellieren profitieren – ohne den Weg zurück in die Parametrik zu benötigen. Beispielsweise die Betriebsmittelkonstruktion, die nur einmalig eine Aufgabe lösen muss, oder die Analyse. Etwa bei der ‚Entfeinerung‘ von Modellen, um leichter die Festigkeit prüfen zu können.

CCR: Welche Auswirkungen haben all die angesprochenen Aspekte für ihr eigenes Angebot an Softwaretools?

Haas: Sie bieten weiterhin einen signifikanten Mehrwert und sie werden auch weiterhin funktionieren – die Lauffähigkeit auf Creo ist abgeklärt und gesichert! Und wie in der Vergangenheit wird es jeweils synchron zu einer neuen Creo-Version auch jeweils eine neue Version unserer Tools geben. Gleichzeitig haben wir aber Creo und die Verbindung von parametrischem und direktem Modellieren als Anlass genommen, unsere Startup Tools für Pro/Engineer mit den Power Extensions für CoCreate Modeling zu verbinden – unter der Dachmarke Genius Tools sowohl für Creo Elements/Pro als auch Creo Elements/Direct sowie optional Windchill als PDM/PLM-System. Dabei geht es nicht nur darum, Funktionalitäten schnell zu implementieren um schnell zu starten, sondern es werden auch weiterhin zusätzliche Werkzeuge bereitgestellt. Wir werden das – analog dem App-Konzept von PTC (Creo AnyRole Apps) – modularisieren. Will heißen: Standen bislang die Startup Tools anwenderseitig für Benutzerumgebung und Automation und seitens des Systembetreuers für die Konfiguration der Software, entstehen daraus nun zwei voneinander unabhängig nutzbare Apps: Genius Tools Cadbox und Genius Tools Configurator.

CCR: Macht Creo nicht ihre Tools teilweise ‚überflüssig’?

Haas: Nein. Nehmen Sie beispielsweise unseren Parameter-Manager, der einen einfachen Einstieg in die Konstruktionsautomation ermöglicht. Denn parallel zu einer ausgefeilten Konfigurationslösung aus dem Hause PTC mit Creo AnyBOM Assembly – die funktional weit darüber hinaus geht – wird es immer auch den Bedarf für einfache und sehr effiziente Lösungen geben. Insbesondere als Einstiegslösung hat also der Parameter-Manager auch weiterhin seine Berechtigung und bietet den Konstrukteuren entsprechenden Nutzen. Zudem: Fährt man dann doch den ‚großen’ Ansatz, hat man bereits durch die Strukturierung einen Teil der Vorarbeit geleistet – die natürlich weiterhin voll nutzbar bleibt, weil wir uns an die Standards und Datenformate von Creo gehalten haben.

CCR: Planen Sie seitens Inneo neue Funktionalitäten bereitzustellen?

Haas: Unsere Liste ist lang – allein die Umsetzung wird durch die zur Verfügung stehenden Ressourcen limitiert. Ein ganz entscheidender Punkt ist aber auch hier die Anpassung der Benutzerführung entsprechend dem Creo-Konzept, die muss stimmig sein. Etwa durch am Mauszeiger unmittelbar verfügbare, zur jeweiligen Aufgabe passende Kommandos, das sorgt für Anwenderfreundlichkeit und damit Effizienz. Zudem gibt es eine Reihe interessanter Quereffekte – beispielsweise weil ich mich bislang voll auf das parametrische Modellieren konzentriert habe und nun einige direkte Funktionalitäten gut einbinden kann. Daran arbeiten wir zur Zeit, ebenso wie an weiteren Ansätzen zur Automation. Daneben kommen zukünftig auch andere Lizenz- und Nutzungsmodelle – basierend auf dem App-Ansatz – zum Tragen.

CCR: Können Sie das etwas näher erläutern?

Haas: Denkbar ist, dass wir beispielsweise bestimmte Funktionalitäten temporär bereitstellen, das Stichwort lautet in diesem Zusammenhang Cloud Computing. Entweder von uns oder aber auch in einem Großkundenumfeld intern gehostet, beispielsweise als Plattform für Erweiterungen. Das hat enorme Auswirkungen auf die Software-Administration, insbesondere bezüglich der Releasewechsel. Denn gegenüber normalen Releasezyklen können wir damit neue und auch gegebenenfalls erforderliche Funktionalitäten über die Cloud viel schneller zur Verfügung stellen! Als Web-Applikation kann der Anwender umgehend damit arbeiten, selbst wenn der normale Releasezyklus diese Funktion erst in einem Jahr vorsieht. Wichtig dabei ist, dass die Entwicklungsdaten beim Anwender bleiben – er holt sich nur ein Zusatztool aus der Cloud. Wir haben das bereits in ein paar Vorabprojekten getestet, um die technische Machbarkeit zu klären. Durchgängig sind wir dabei auf Begeisterung gestoßen. Offen ist bislang nur die Frage der Abrechnung, der faire Preis muss noch bestimmt werden.

CCR: Welche Rolle wird aus Ihrer Sicht die 2D-Funktionalität in Creo spielen?

Haas: Die ist ein Riesenvorteil für die Kunden, weil darüber professionelle Werkzeuge bereitgestellt werden, die jeder im Projektmanagement in irgendeiner Form – meistens in Form von Krücken – im Unternehmen hat. Bietet mir nun die Entwicklungsplattform selbst diese Möglichkeiten, kann ich die damit erzeugten Daten viel besser nutzen. Mit Creo 2 – wenn wir in die Zukunft blicken – werden sich die 2D-Daten auch assoziativ mit anderen Entwicklungsdaten verknüpfen lassen. Auf dieser Grundlage lassen sich dann also auch die konzeptionelle Auslegung oder Weiterentwicklung der 3D-Modelle vorantreiben.

CCR: Das führt uns im Dienstleistungsbereich zu dem von Ihnen mitgegründeten Netzwerk PLM Elite, das im Vorfeld der Hannover Messe vorgestellt wurde. Wie kann ihr Kunde davon profitieren?

Haas: PLM Elite liefert PDM/PLM-Lösungs-Know-how und trägt dem Trend Rechnung, dass nicht nur Großunternehmen, sondern zunehmend auch der deutsche Mittelstand internationaler werden und sich global aufstellen. Unabhängig davon, ob das über eigene Niederlassungen oder Kooperationen erfolgt – dabei wird es notwendig sein, die Produktentwicklung auf eine gemeinsame Basis zu stellen. Gefordert ist also die Umsetzung eines PLM-Konzeptes, von der Prozessberatung über die Einführung der entsprechenden Systeme bis zu deren Betreuung – und zwar jeweils vor Ort. Vergleichen lässt sich das sehr schön mit der Star Alliance im Luftverkehr. Für mich als Kunden bietet die den Vorteil, dass ich viele Destinationen mit einem Ticket erreichen kann, das von mehreren Airlines akzeptiert wird. Zudem kann ich mich auf eine bestimmte Qualität des Angebots verlassen. Dahinter stehen jedoch nach wie vor die Airlines mit ihrer eigenen Identität.

CCR: Was heißt das übertragen auf PLM Elite?

Haas: Nehmen wir als Beispiel einen deutschen Mittelständler, der in Schweden eine Niederlassung eröffnen und in seinen Produktentwicklungsprozess einbinden will. Ihm genügt es jetzt, sich mit diesem Anliegen an uns zu wenden – er hat also einen definierten Ansprechpartner. Wir binden dann unseren Netzwerkpartner Econocap in Schweden mit ein, der beispielsweise vor Ort die Systeme betreut und Schulungen in Schwedisch anbietet. Der Vorteil des Netzwerkes für den Kunden ist, dass er sich darauf verlassen kann, dass Econocap mit der gleichen Methodik wie Inneo arbeitet und den gleichen Qualitätsstandard bietet. Verantwortlich bleibt für ihn aber Inneo. In ähnlicher Weise können wir das in Belgien über Savaco und in Österreich über Techsoft garantieren. Zusammen mit den Inneo-Niederlassungen in Deutschland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich, sind das europaweit schon 23 Niederlassungen.

CCR: Wird das Netzwerk weiter ausgebaut?

Haas: Ja – aber mit Bedacht. Denn wir wollen natürlich den Anspruch hinsichtlich gleicher Methodik und gleicher Qualität halten. Erfreulicherweise gibt es inzwischen sogar schon Bewerbungen für eine Teilnahme. Details kann ich noch keine nennen, aber die Gespräche laufen. Noch in diesem Jahr werden wir voraussichtlich die Betreuung auch über Europa hinaus anbieten können, etwa in Nordamerika und Asien. PLM Elite als Allianz wird damit immer leistungsfähiger, denn ein Partner vor Ort ist in vielen Fällen sehr hilfreich, auch wenn man mit der englischen Sprache schon sehr weit kommt. Denn für ein erfolgreich umgesetztes PLM-Projekt sind drei Faktoren verantwortlich: Technologie, Prozesse und Methodik sowie vor allem die Mitarbeiter. Die Technologie ist der einfache Teil, die beziehen wir alle von PTC – ergänzt um unsere eigenen Tools. Bezüglich der Prozesse und Methodiken gibt es die bewährten Best Practices – bis hin zum Standard für die Schulungen. Auch dieser Punkt lässt sich also gut beherrschen und zudem aus der Gemeinschaft heraus weiterentwickeln. An die Grenzen stoßen wir beim Faktor Mensch – und hier spielt die Allianz ihren Vorteil aus, weil der Partner vor Ort die gleiche Mentalität besitzt, was die Verständigung enorm erleichtert. Insbesondere dann, wenn beispielsweise Unternehmen mit unterschiedlicher Historie zukünftig zusammenarbeiten wollen. Kommen hier verschiedene Mentalitäten zusammen, kann das sehr spannend und herausfordernd werden. Wir glauben, dass wir uns an dieser Stelle mit dem Netzwerk PLM Elite von anderen Marktteilnehmern deutlich absetzen können – insbesondere bezüglich der Betreuung des Mittelstandes. Zumal im Markt deutlich zu erkennen ist, dass gerade rund um das Thema PDM/PLM investiert wird – und insbesondere die Offenheit hinsichtlich einer Prozessberatung hat deutlich zugenommen.

CCR: Herr Haas, wir danken für das Gespräch.


Interview: Michael Corban, CAD-CAM REPORT

Inneo Solutions GmbH, Ellwangen Tel. 07961/890-0, http://www.inneo.com

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