Interview mit Mario Willmann

Andrea Gillhuber,

Schritt für Schritt zur Digitalisierung

Digitalisierung ist das Trendthema der Industrie schlechthin. Doch die Umsetzung läuft träge. Warum das so ist, erläutert Mario Willmann, Division Manager Production beim ERP-Spezialisten Godesys.

Mario Willmann, Division Manager Production bei Godesys. © Godesys

Der Begriff „Industrie 4.0“ lässt sich zurückverfolgen ins Jahr 2011, als Henning Kagermann, Wolf-Dieter Lukas und Wolfgang Wahlster ihn das erste Mal im Rahmen der Hannovermesse nutzten. Im Oktober 2012 gab es die ersten Umsetzungsempfehlungen der Bundesregierung. Was ist Industrie 4.0?

Willmann: Industrie 4.0 steht im Kontext mit  Digitalisierung. Es bedeutet die Ausschöpfung der vorhandenen Automatisierungspotenziale, die Minimierung manueller Interaktionen in den Geschäftsabläufen, die Flexibilität für Veränderungen, Bewältigung von großen Datenmengen in Echtzeit, Kommunikation zwischen Kunden, Lieferanten, Partnerunternehmen, sprich: Supply Chain Management, offene Schnittstellenstandards und insbesondere ein Datenmanagement auf zentraler Basis. Hinter der Frage, was Industrie 4.0 also ist, steckt also nicht nur ein einzelnes Konzept.

Das ist in der Tat sehr weit gefasst. Wie stehen denn Sie zu dem Begriff?

Willmann: Ich störe mich ein bisschen an diesen Schlagworten insgesamt, insbesondere im Zusammenhang mit der Produktion. „Industrie 4.0“, „Smart Factory“, „M2M“, also die Kommunikation von Maschine zu Maschine. Die Schlagworte in Verbindung mit Industrie 4.0 klingen sicherlich gut. Sie sind jedoch an sich nicht aussagefähig und erklären nicht, welche Bedeutung sie für die einzelnen Unternehmen haben. Möglichweise interpretiert das jeder etwas anders.

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Und wie interpretieren Sie sie?

Willmann: Für mich stehen alle dieser Begriffe für eine flexible und standardisierte Prozesstechnologie in den Unternehmen!

Wie sähe ein Musterbeispiel eines Industrie-4.0-Unternehmens für Sie aus?

Willmann: In der komplexen Wertschöpfungskette eines Fertigungsunternehmens gibt es eine Vielzahl von Beispielen, welche Potenzial für digitale Prozesstechnologie haben. Ich kann mich noch gut an den vor einigen Jahren revolutionären Gedanken des „papierlosen Büros“ erinnern. Wenn ich heute sage, dass Angebote nicht mehr per Post und auch nicht mehr per E-Mail und angehängtem PDF-Dokument verschickt werden, sondern als sogenannter „Deep Link“ – also einem individuellen, sicheren Link auf eine Angebots-Website – dann ist das keine Revolution mehr, sondern bereits gelebte Zukunft. Das ist für mich ein griffiges Musterbeispiel, welches sich in den Unternehmen jederzeit leicht und mit Mehrwerten umsetzen lässt.

Wenn man sich entsprechende Studien ansieht, erkennt man, dass viele Unternehmen zwar auf dem Weg zur Digitalisierung sind, der Einsatz von smarten Technologien aber nur langsam anläuft. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Willmann: Das muss man meines Erachtens differenziert betrachten. Ich denke, die Produktion hat schon lange vor dem Entstehen des Schlagworts Industrie 4.0 mit der Digitalisierung begonnen.

Der Einsatz von CNC-gesteuerten Maschinen, PDM/CAD-Systeme in der Konstruktion oder ähnlichem ist längst gelebte Praxis. Ich persönlich glaube, dass viele Unternehmen sich eben einfach mit diesen Begrifflichkeiten/Schlagworten schwertun. Die Unternehmen brauchen  praxisorientierte und auch umsetzbare Beispiele: Wie kann die Wertschöpfungskette im Unternehmen optimiert beziehungsweise mit Prozessen unterstützt werden? Meine Erfahrung zeigt, dass sich gerade die Fertigungsindustrie noch nie gegen Neuerungen und Innovationen verweigert hat.

Ist Industrie 4.0 also Einstellungssache oder worin begründen sich diese Studien?

Willmann: Nein. Sicherlich mag das ein oder andere Unternehmen verhaltener und  kritischer gegenüber Neuerungen sein oder vertritt vielleicht die Ansicht, nicht jedem Hype hinterherlaufen zu müssen. Aber der produzierende deutsche Mittelstand hat schon immer eine Vorreiterrolle eingenommen und so wird es auch bei der Digitalisierung sein.

Wie schon gesagt: Digitalisierung und Industrie 4.0 sind in den Fertigungsunternehmen schon längst angekommen. Was das Denken und den Handeln der Entscheider beschleunigt oder den Handlungsdruck erhöht, sind maßgeblich die Kunden und Lieferanten der Unternehmen. Hier entstehen Bedarfe und Anforderungen, die es gilt anzunehmen, um erfolgreich zu sein. Denken Sie nur an die gesamte Supply Chain, zum Beispiel die  Anbindung von Web-Shops oder das Order-Tracking. Wie soll das ohne digitalisierte Prozesse möglich sein?

Welche Rolle spielt die Individualisierung von Produkten – Stichwort: Losgröße 1 – heute tatsächlich?

Willmann: Da erinnere ich mich an die Aussage eines Geschäftsführers: „Früher hatten wir unsere Produkte in zehn Farben geliefert. Mehr als unser Wettbewerber. Heute wünscht der Kunde die Lackierung in Lila-grün-gestreift und morgen nur die Frontseite in Blau, aber mit zwei Griffen in Edelstahl. Die Frage nach Losgröße 1 stellt sich für uns nicht!“

Im Grunde genommen, bestätigt diese Aussage auch den in Fertigungsunternehmen erkennbaren Trend zu Losgröße 1, spricht zur Sonderanfertigung. Der Kunde wünscht mehr und mehr individualisierte Produkte. Durch moderne und durch die Digitalisierung unterstütze Produktionsverfahren lässt sich dies auch im Vergleich zu den Kosten einer Serienfertigung darstellen.

Welche Rolle spielen ERP-Systeme im Zuge der Digitalisierung der Produktion?

Willmann: Enterprise-Ressource-Planning-Systeme werden im Rahmen der Industrie 4.0 ihre Funktion als Leitsysteme behalten, jedoch eine stärkere Integration in Softwaresysteme aus der Produktion übernehmen. Und es wird eine Veränderungen zu smarten Softwarelösungen mit überschaubarem Funktionsumfang geben.

Können Sie das an einem Beispiel mit godesys ERP festmachen?

Willmann: Klar, das multifunktionale Industrie-Tablet (zum Beispiel für Betriebsdatenerfassung oder Prozesse in der Lager-/Logistik und Kommissionierung) oder mobile Apps für Smartphone oder Tablets (zum Beispiel Servicemanagement, Sales, Zeiterfassung) werden zunehmend in den Unternehmen Einzug halten und proprietäre System ablösen.  In godesys ERP ist das bereits fest integriert.

Welche Tipps können Sie Unternehmen geben, die die Digitalisierung vorantreiben möchten?

Willmann: Aus Erfahrung weiß ich, dass es einfach ist, einen (digitalen) Prozess zu beschreiben, aber dieser Prozess muss auch vom Team oder jedem einzelnen Mitarbeiter gelebt werden können. Aus meiner Sicht tun sich die Unternehmen leichter, nicht von Anfang an einen Prozess mit allumfassender Komplexität und Höchstmaß an Automatisierung zu kreieren, sondern sich vom Einfachen zum Komplexeren zu bewegen. Schließlich sind Prozesse keine statischen Gebilde, sondern unterliegen einem stetigen Optimierungsbedarf bei wachsenden oder sich ändernden Anforderungen im Unternehmen. Dann klappt’s auch mit der Industrie 4.0.

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