Wortwechsel mit Dr. Clemens Eckert, maexpartners

Andrea Gillhuber,

Digitalisierung nicht der Digitalisierung wegen

Wie kann die Digitalisierung des eigenen Unternehmens gelingen? Diese Fragen stellen sich viele Entscheider in der Industrie. Wir haben bei Dr. Clemens Eckert, Partner der Unternehmensberatung maexpartners, nachgefragt, was die größten Knackpunkte auf dem Weg zu einem digitalen Unternehmen sind und wie sie sich umgehen lassen.

Digitalisierung erfolgreich umsetzen? Das gelingt nur mit einer Strategie, weiß Dr. Clemens Eckert von Maexpartners. © Shutterstock / Montri Nipitvittaya

Herr Dr. Eckert, wie kann die Digitalisierung gelingen?

Eine gelingende Digitalisierung hängt im Wesentlichen von vier Punkten ab: Erstens, ein Unternehmen muss eine Vision haben – was soll konkret durch Digitalisierung erreicht werden? Zweitens müssen die technischen Voraussetzungen für die Digitalisierung geschaffen werden. Drittens müssen die Organisationsstruktur sowie die Prozesse im Unternehmen so gestaltet sein, dass die Digitalisierung greifen kann. Und viertens müssen die Menschen, die die Digitalisierung umsetzen und in einer digital transformierten Welt arbeiten sollen, mitgenommen werden.

Was sind dabei die größten Hürden?

Dr. Clemens Eckert, Partner bei der Unternehmensberatung Maexpartners. © Maexpartners

Als das Thema der ganzheitlichen Digitalisierung vor einigen Jahren erstmals aufkam, stellte häufig noch die technische Realisierbarkeit das größte Umsetzungshindernis dar. Doch vieles, was vor Jahren noch nicht möglich war, ist es jetzt. Heute ist die Hauptherausforderung eher, den Mindset einer Organisation nachhaltig zu verändern und die Mitarbeiter entsprechend mitzunehmen, so dass sie in einer neuen digitalen Welt arbeiten können. Denn Digitalisierung ist nicht damit getan, im Kern analoge Prozesse mit Hilfe digitaler Werkzeuge zu unterstützen. Digitalisierung bedeutet vielmehr einen tiefgehenden Eingriff in Arbeitsweisen und Anforderungsprofile. Daher ist es essentiell, zunächst Machbarkeit, Sinnhaftigkeit und realisierbare Vorteile des gewählten Ansatzes zu bestimmen, um damit eine substanzielle und letztlich auch tragfähige Vision zu erhalten.

Anzeige

Die Vision muss ganz am Anfang stehen und ist häufig zunächst schwierig zu verbalisieren. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen wissen, dass sie sich im Bereich der Digitalisierung engagieren müssen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten, doch fehlt ihnen häufig die Perspektive und das Ziel.

Liegt es vielleicht am mangelnden Verständnis, was Digitalisierung ist?

Im Grunde fehlt hier das Verständnis, was Digitalisierung in der Lage zu leisten ist, was sie noch nicht erreichen kann sowie was notwendig ist, um schließlich durch die Digitalisierung Vorteile für das eigene Unternehmen zu generieren.

Mein Verständnis von Digitalisierung ist, analoges in eine digitale Form zu bringen. Alles weitere, sprich: was ich mit den Daten mache, ist digitale Transformation.

Unter Digitalisierung verstehe ich eine intelligent vernetzte Datenbasis, die mit Hilfe „nativ digitaler“ Prozesse bearbeitet wird. Und diese können nicht immer direkt aus bestehenden analogen Prozessen abgeleitet werden. Ein Beispiel: Vor 30 Jahren hätte ich ein Formular mit Kohlepapier für dreifachen Durchschlag in meine Schreibmaschine gespannt, meinen Teil ausgefüllt und es an Sie weitergegeben. Sie hätten das Formular an Ihrer Schreibmaschine vervollständigt. Heute arbeiten wir bereits vordergründig digital: Ich fülle ein Word-Formular am PC aus, sende es Ihnen per Email und Sie füllen den Rest an Ihrem PC aus. Das ist jedoch im Grunde genau der gleiche analoge Prozess, nur durch digitale Werkzeuge aufgehübscht. Ein nativ digitaler Prozess wäre beispielsweise eine Cloud-Lösung, in der das Formular abgelegt ist, an dem wir nun beide gleichzeitig in Echtzeit arbeiten können. Reihenfolgebeziehungen lösen sich also auf; Eignerschaft von Prozessen muss hinterfragt werden. Das gilt auch für Organisationsstrukturen: Viele Unternehmen sind sehr hierarchisch geprägt; meine Erfahrung mit digitalen Vorreitern aber ist, dass diese eher flache Strukturen haben und vernetzter arbeiten. Wo häufig noch Abteilungsdenken und funktionale Verantwortung das Denken bestimmen, ist durch die Digitalisierung eher interdisziplinäre Zusammenarbeit in zeitlich begrenzten Teams gefragt.

Was sind in diesem Zusammenhang die größten Fehler, die Unternehmen im Moment machen?

Über das Fehlen einer ausgearbeiteten digitalen Vision hatten wir bereits gesprochen. Hierdurch steigt dann die Gefahr, dass letztlich wie beschrieben analoge Prozesse lediglich „digital umgewälzt“ werden – das geht häufig schief!

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, Mitarbeiter frühzeitig und intensiv in den Change-Prozess einzubinden, sie zu beteiligen und zu informieren. Häufig findet dies nicht in ausreichendem Maße statt, sodass Ablehnung und Ängste entstehen. Hier gilt es, aktiv gegenzusteuern – insbesondere da die Veränderungen durch die Digitalisierung höchstwahrscheinlich tiefgreifender und umfassender ausfallen werden als bei vorangegangenen industriellen Revolutionen.

Aber kann denn jeder Mitarbeiter auf dem Weg mitgenommen werden?

Bei der Transformation eines komplexen sozialen Systems wird es niemals möglich sein, jedes einzelne Mitglied dieses Systems mitzunehmen – aber wir müssen es auf jeden Fall versuchen! Daher ist es absolut notwendig, viel Energie auf Change und Kommunikation zu legen.

Gerade sogenannte Digital Natives gehen mit den neuen Technologien wie selbstverständlich um. Können hier ältere Generationen überhaupt mithalten beziehungsweise die steigende Komplexität zulassen?

Natürlich ist die digitale Transformation gerade für die ältere Generation eine enorme Herausforderung. Aber grundsätzlich glaube ich daran, dass auch diese Gruppe mit dem Wandel und den entstehenden neuen Arbeitsweisen sehr souverän umzugehen lernen wird. Warum? Die Technik wird immer besser; und damit geht auch eine Verbesserung der Mensch-Maschine-Schnittstelle einher.

Denken Sie nur an das iPhone: 2007 wurde es als erstes echtes Smartphone eingeführt und ist nun in allen Altersklassen zu finden. Wir sind erst am Anfang dessen, was möglich ist, um einen Nutzer aktiv zu führen, zu unterstützen und anzuleiten. Viele Menschen haben im privaten Umfeld bereits eine bedeutende digitale Wandlung vollzogen. Unsere Freizeitgestaltung hat sich geändert – von Shopping über Essensbestellung bis hin zu Hobbys, die online gepflegt werden. Gerade in Communities herrscht eine faszinierende Selbstorganisation mit hoher Frustrationsschwelle aller Beteiligten. Wenn es gelingt, etwas von dieser Energie aus dem privaten Bereich in die Berufswelt zu übertragen, sind wir schon einen großen Schritt weiter.

Spinnen wir das Szenario weiter, sind wir schnell auch bei der Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung. Sind starre Hierarchien noch zukunftsfähig? Sind acht Stunden in einem Büro zu arbeiten noch zeitgemäß? Sind nicht offene Organisationsstrukturen besser? Auch die Top-Down-Unternehmenskommunikation zum Beispiel in Form monatlicher Newsletter oder Mitarbeiterzeitschriften, ist zu hinterfragen. Wäre eine duale Kommunikation in der Art wie Facebook nicht geeigneter, um den Herausforderungen der Digitalisierung im Unternehmen zu begegnen?

Wie reagieren denn Unternehmen, wenn Sie sie mit dieser Form von Mitarbeitermotivation konfrontieren?

Bei Digitalisierung steht der Change im Mittelpunkt, und Unternehmen sind sich dessen auch durchaus bewusst. Ihnen ist klar, dass sich die wahre Herausforderung in den letzten Jahren von der rein technischen Ebene auf die Sozio-Ebene verschoben hat. Nichtsdestotrotz sind gerade viele deutsche Großunternehmen auch noch konservativ oder traditionell geprägt. Auf den Entscheiderebenen sind die unterschiedlichsten Ansichten und Interessen vertreten. Hier gilt es erst einmal einen Konsens zu finden, was das maximal wünschenswerte Ziel ist. Dann gilt es, diese Ziele mit der Firmenkultur in Einklang zu bringen.

Was ist denn entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie?

Dass man Digitalisierung nicht nur der Digitalisierung wegen durchführt, sondern dass man sich klar darüber ist, was man mit Digitalisierung erreichen möchte. Möchte ich meinen Kundenkontakt verbessern? Möchte ich die Effizienz steigern und Kosten sparen? Möchte ich neue digitale Produkte anbieten? Das muss genau überlegt sein, denn nur dann lässt sich zielgerichtet handeln. Mit der Schrotflinte auf alles feuern, ist eher kontraproduktiv.

Eine Digitalisierungsstrategie geht also auch über die Produktion hinaus?

Wir verstehen Digitalisierung heute als die Verbindung des Produktentstehungs- und des Produktionsprozesses auf einer gemeinsamen Datenbasis. Die Frage ist dabei aber immer die gleiche: Was will ich damit? Vielen Unternehmen kann es helfen, ein Pilotprojekt zu definieren. Indem sie also einen Bereich auswählen, in dem sie relativ zügig verschiedene Szenarien erarbeiten und überprüfen können. Dabei ist es wichtig, Ziele nicht zu schwammig zu formulieren. Denn sonst lassen sich mögliche positive Effekte der Digitalisierung gar nicht monetarisieren. Dies ist aber gerade bei großen Investitionsentscheidungen der entscheidende Punkt. Funktioniert es hingegen im Piloten, kann ich diese positive Erfahrung auf andere Bereiche übertragen.

Im Kleinen anfangen ist also die Devise.

Auf jeden Fall – im Kleinen anfangen, nachjustieren und sehen, ob es klappt oder auch nicht.

Digitalisierung geht aber über die gesamte Wertschöpfungskette, sprich: über die Produktion hinaus. Wo greift man hier am besten an?

Das lässt sich pauschal gar nicht sagen. Ist die Entscheidung für die digitale Transformation auf der obersten Unternehmensebene gefallen, ist es nicht zielführend, sofort die Details der technischen Umsetzung sozusagen auf der Grasnarbe zu diskutieren. Vielmehr gilt es, die grundsätzlichen Überlegungen auf verschiedenen Ebenen zu detaillieren – also die Unternehmensziele auf Bereichs- beziehungsweise Teilziele herunterzubrechen.

Aber verschiedene Bereiche heißt auch verschiedene Meinungen.

Daher ist es entscheidend, die Kommunikationshoheit nicht zu verlieren. Sind Unternehmensstrategie und Teilziele erst einmal definiert, müssen alle Verantwortlichen sich auf ein Wording einigen und dürfen davon nicht abweichen. Nichts ist schlimmer für ein Unternehmen und auch für die Mitarbeiter, als wenn ein Abteilungsleiter seinem Team sagt „Ich war ja eigentlich dagegen, aber wir machen das halt jetzt so…“.

Kann man mit Digitalisierung wirklich Geld verdienen?

Ja, und zwar auf zwei Arten: Zum einen, indem Unternehmen Abläufe und Prozesse effizienter gestalten, dadurch Fehler minimieren und die Qualität steigern. Zum anderen, indem man die eigene Wertschöpfungskette erweitert, mit digitalen Produkten oder digitalen Erweiterungen für bestehende Produkte. Als Beispiel nenne ich hier gerne die App für einen Staubsaugroboter, mit der ich die Einstellungen nicht mehr direkt am Gerät vornehmen muss, sondern den Roboter via Smartphone konfiguriere.

Wie weit sind wir denn auf dem Weg der Digitalisierung?

Die Intensität einer industriellen Revolution lässt sich anhand eines Diagramms beschreiben: Am Anfang steht eine horizontale, leicht ansteigende Gerade, die dann in eine exponentiell ansteigende Kurve übergeht. Noch bewegen wir uns in einer ganz frühen Phase, also im noch flachen Teil der Kurve. Mit anderen Worten: Wir sind also noch in der Start- und Ausprobier-Phase.

Kongress "OT meets IT"

Der Kongress "OT meets IT" findet am 28. und 29. Mai 2019 in Darmstadt statt. © www.shutterstock.com - everything possible - seewhatmitchsee - WEKA Business Medien

Dr. Clemens Eckert wird auf dem Kongress „OT meets IT“, welcher am 28. und 29. Mai in Darmstadt stattfindet, die Keynote halten.

Wann: 29. Mai 2019, 9:45 Uhr

Thema: Mitarbeiterführung und -einbindung bei der digitalen Transformation

Weitere Infos: www.ot-meets-it.de

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Kongress OT meets IT

Der Kongress OT meets IT bringt die beiden Welten zusammen. Welches Wissen bringen die beiden Bereich in eine Produktion mit ein? Wie können OT und IT voneinander lernen? Wie lässt sich OT-Kompetenz in IT-Lösungen abbilden? Antworten drauf liefern Referenten aus beiden Welten.

mehr...

Switch

Schnittstelle zwischen OT und IT

Als Bindeglied zwischen der IT-Ebene und den Automatisierungsnetzwerken (Operational Technology – OT) entwickelte Indu-Sol den Switch Promesh P20. Das Produkt ist auch für den Intec-Preis nominiert.

mehr...
Anzeige
Anzeige

Highlight der Woche

Automatisierte Sonderlösung von ACI Laser
Ein Handlingsystem aus Lasermarkierstation und Industrieroboter wird von ACI Laser zur Messe CONTROL in Stuttgart in Halle 4 an Stand 4309 vorgestellt.

Zum Highlight der Woche...

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem SCOPE Newsletter

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite