Zwei Studien zu Industrie 4.0

Andrea Gillhuber,

Deutsche Industrie bei der Digitalisierung international vorne

Mit Blick auf Industrie 4.0 sei „Deutschland international weit vorn“, heißt es in einer aktuellen Bitkom-Studie. Damit ist der ITK-Verband nicht allein, auch Deloitte sieht Deutschland in einer Führungsposition. Von Steffen Brehme

Industrie 4.0 - Deutschland ist führend © Chinch / Shutterstock.com

Es ist nicht nur in Corona-Zeiten eine positive Nachricht: Mit Blick auf Industrie 4.0 sei „Deutschland international weit vorn“, heißt es in einer aktuellen Bitkom-Studie. Die repräsentative Umfrage, an der gut 550 Industrieunternehmen in Deutschland ab 100 Mitarbeitern im Frühjahr teilgenommen haben, zeigt im Vergleich zu den Vorjahren tatsächlich einen deutlichen Digitalisierungsschub. Danach nutzen inzwischen 59 Prozent der Teilnehmer spezielle Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0 – eine Steigerung von 10 Prozent gegenüber 2018. 22 Prozent planen deren Einsatz und weitere 17 Prozent können sich zumindest vorstellen, dies in Zukunft zu tun.

Vernetzung und Digitalisierung schreiten also in der deutschen Industrie deutlich voran. Für Bitkom-Präsident Achim Berg ist der Grad der Digitalisierung sogar ein Maßstab für die Krisen-Resilienz: „Je digitaler die Industrieunternehmen aufgestellt sind, desto schneller werden sie sich von den Folgen des Shutdowns erholen.“ Das entspricht der Selbsteinschätzung der Unternehmen: 94 Prozent sehen in der Industrie 4.0 die Voraussetzung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Und 55 Prozent betonen, Industrie 4.0 gebe dem eigenen Geschäft generell neuen Schub.

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Die Zielrichtung bei der Implementierung von Industrie 4.0 ist allerdings je nach konsultierter Studie widersprüchlich.

Evolution statt Revolution? Zwischen Wertschöpfung und Disruption

Folgt man der Deloitte-Studie zu Industrie 4.0 vom Januar 2020, bei der weltweit über 2000 C-Level-Führungskräfte zum Thema Industrie 4.0 befragt wurden, darunter auch 125 CXOs aus deutschen Unternehmen, dann liegt der Fokus bisher selten auf der Entwicklung neuer Geschäftsfelder und auf disruptiven Geschäftsmodellen. Es geht vor allem darum, Prozesse zu verbessern, die Produktivität zu steigern und Innovationen voranzutreiben. Industrie 4.0 dient hier also vor allem als Mittel, um bestehendes Geschäft abzusichern und Effizienzpotenziale zu heben. Es geht also vor allem um Wertschöpfung und Kostensenkung, um Evolution statt Revolution. Diese Aspekte haben in der Deloitte-Studie vor allem für deutsche C-Level-Executives höchste Priorität (86 Prozent). Nur 23 Prozent von ihnen streben an, mit ihren Unternehmen selbst zu Disruptoren in ihrer Branche zu werden und gänzlich neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Die Bitkom-Studie zeigt dem entgegen deutlich positivere Entwicklungen. Fast drei Viertel der befragten deutschen Industrieunternehmen (73 Prozent; 2018: 59 Prozent) geben an, dass nicht nur einzelne Abläufe oder Prozesse verändert werden, sondern ganze Geschäftsmodelle. Die Hälfte (51 Prozent) gibt an, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln oder dies zu planen (2018: 39 Prozent).

Weltweit spitze: Deutsche Unternehmen sehen sich gut aufgestellt

Das führt bei den von der Bitkom befragten Unternehmen zu einer robusten Selbsteinschätzung: 22 Prozent sehen Deutschland derzeit weltweit an der Spitze. Nur wenige mehr, nämlich 27 Prozent, setzten die USA auf Platz eins, 19 Prozent sehen Japan vorn, 14 Prozent China und 9 Prozent Südkorea. Dass Deutschland bei Industrie 4.0 weltweit ganz oben mitspielt, belegt auch die Deloitte-Studie. Während IoT für 98 Prozent der deutschen Befragten wichtig ist, finden das Thema global nur 72 Prozent relevant.

Um diese Technologien geht es: KI, Big Data, Cloud und 5G

Für Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung stellt sich dabei die Frage, welche Themen im Mittelpunkt stehen sollten. Nach der Deloitte-Umfrage stehen vor allem die Themen Cloud (Deutschland 86 Prozent vs. Global 64 Prozent), Künstliche Intelligenz (Deutschland 79 Prozent vs. Global 68 Prozent) und Big Data Analytics (Deutschland 77 Prozent vs. Global 54 Prozent) im Vordergrund. Die Bitkom-Studie präzisiert, dass bereits 14 Prozent Künstliche Intelligenz im Kontext von Industrie 4.0 nutzen, fast die Hälfte davon im Bereich Predictive Maintenance (43 Prozent). Hinzu kommt laut Bitkom in Deutschland noch der neue Mobilfunkstandard 5G: 73 Prozent Befragten sehen die Verfügbarkeit für das eigene Geschäft als wichtig an.

Datenintegration wettbewerbskritisch

Für all diese Technologien gilt, dass die Vernetzung auf der operativen Ebene schnell und problemlos funktionieren muss, damit sich die gewünschten Effekte von Industrie 4.0 möglichst kurzfristig einstellen. Beide Studien verweisen in diesem Zusammenhang auf den gravierenden Fachkräftemangel, der die schnelle Weiterentwicklung bremsen könnte. Nicht im Blick stehen dagegen zentrale technologische Probleme, vor allem die Datenintegration, die die Grundlage jeglicher Vernetzung bildet. Zusammen mit dem Fachkräftemangel entsteht hier ein gefährlicher Engpass für die weitere Digitalisierung. Denn die knappen verfügbaren Mitarbeiter-Ressourcen bedingen deutliche Verzögerungen bei Digitalisierungsprojekten, wenn etwa Daten von Maschinen und Anlagen erhoben und ausgewertet werden sollen und diese Ergebnisse dann wieder anderen Prozessen von der Produktionssteuerung bis zum Einkauf zur Verfügung gestellt werden müssen. Mit zunehmender Vernetzung werden das Daten-Integrationsmanagement und die Geschwindigkeit, mit der Anpassungen vorgenommen werden können, zu wettbewerbskritischen Faktoren.

Hier ist vor allem die Softwareindustrie gefragt. Die Entwicklung von Lösungen, die einfach zu bedienen sind, schnell etabliert werden können und mit denen man statt durch langwieriges Programmieren mit schnellem Konfigurieren Daten verschiedenster Formate zwischen unterschiedlichsten Systemen automatisiert integrieren kann, entlasten die IT, senken Prozesskosten und erhöhen die Geschwindigkeit von Industrie 4.0-Projekten.

Ärmel hochkrempeln

Auch nach dem Dämpfer durch Corona steht die deutsche Industrie also im internationalen Vergleich auf soliden Pfeilern und rüstet sich für die Zukunft: „Digitalisierung erzeugt mehr Wettbewerb, und dieser Wettbewerb führt zu mehr Innovationen – ein Glücksfall für Deutschland. Die hiesige Industrie mit ihren Global Playern und Hidden Champions spielt dabei auf den vorderen Plätzen mit und hat das Zeug, auch künftig weltweit Spitzenpositionen einzunehmen. Gerade während der Corona-Krise gilt: Ärmel hochkrempeln und die Digitalisierung der Industrie weltweit anführen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Der Autor

Steffen Brehme, Lobster © Lobster

Steffen Brehme ist Geschäftsführer und Leiter Software-Entwicklung bei Lobster. Er studierte in Tralee (Irland) Informatik. Anfang der 90er war er Mitgründer von SimpleWork, das man 96 verkaufte. Anfang 97 wurde er Interims-IT-Leiter bei Maxdata, Ende 97 war er Mitgründer der Beans AG und 2002 Mitgründer der Lobster GmbH. 

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