Smart Industry

In neun Monaten „ready to take off“

Daniel Schultheiss, Niederurnen/Schweiz

Das von Pronovia implementierte Datenmodell setzt in SAP PLM die Vorgaben und Richtlinien des Standards Configuration Management II (CMII) um.
Die Leidenschaft für die Fliegerei kombiniert mit Fachwissen und Innovationsfähigkeit für neue Technologien führten 2007 zur Gründung des Schweizer Start-up Unternehmens Marenco Swisshelicopter AG (MSH). Das junge Unternehmen ist spezialisiert auf Hubschrauber der Kategorie fünf bis acht Sitzplätze – von der Entwicklung über die Fertigung bis hin zu Betrieb und Wartung. Der kurze Zeitraum von der Unternehmensgründung bis zur Marktreife der Hubschrauber setzte auch eine konsequente Planung und Realisierung in der IT voraus. Mit Hilfe eines IT-Dienstleisters wurde ein PLM-Konzept mit ERP-Integration umgesetzt, das diese rasante Entwicklung ermöglichte.

Firmengründer Martin Stucki bringt als Besitzer der Schweizer Engineeringfirma Marenco das notwendige Fachwissen mit. Als Privatperson Martin Stucki beweist er seine Passion für die Fliegerei als Helikopterpilot. Das Branchen Know-how hat sich die Firma Marenco in seinem über zehnjährigen Bestehen durch etliche Entwicklungsaufträge für die Flugindustrie erarbeitet. Enge Kooperationen mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und der Hochschule für Technik Rapperswil ermöglichen der Firma MSH Zugang zu neusten Technologien im Bereich Aerodynamik, Werkstoff-, Antriebs- und Verfahrenstechnik. Bei solch einer vielversprechenden Ausgangslage fanden sich schnell die notwendigen Geldgeber.

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ERP-System: Fokus auf Kernaufgaben

Im Dezember 2007 legte man den ersten Meilenstein mit der Firmengründung der Marenco Swisshelicopter. Seitdem entwickelt ein Team von 20 Ingenieuren die revolutionären Helikopter.

Auf dem anspruchsvollen Weg zum ersten Flug sind alltägliche Faktoren nicht zu unterschätzen: Kostenkontrolle, Terminplanung, Beschaffung, Montage, Vertrieb oder Service, um nur die wichtigsten zu nennen. Viele dieser Disziplinen können heute durch gängige ERP-Systeme abgedeckt werden. Die Wahl fiel hier auf den Branchenleader SAP.

CMII basierte Datenmodelle und Methoden

Für ein kleines Start-up Unternehmen spielte diese Wahl nicht nur in finanzieller Hinsicht eine große Rolle. Man wollte auf alle Fälle auch vermeiden, dass die Einführung der SAP-Software, die eher in Großunternehmen eingesetzt wird, kein kompliziertes Projekt mit langen Laufzeiten wird. Auch sollten nicht zu viele interne wie externe Ressourcen gebunden werden. SAP war außerdem nicht nur für die Buchhaltung und das Controlling vorgesehen, sondern auch für die schnelle Abwicklung von Engineering-Prozessen. Und: Die Flexibilität dieser integrierten Lösung sollte nicht schlechter als die verschiedener Software-Produkte (Insellösungen) sein.

Nach eingehender Beratung durch IBM Schweiz für die SAP-Basismodule und der Firma Pronovia AG für SAP PLM im Speziellen wurden bei Marenco Swisshelicopter all diese Vorurteile widerlegt. Nach nur neun Monaten Einführungszeit setzen heute 20 Mitarbeiter der Marenco Swisshelicopter SAP ein. Die Direktintegration des CAD-Systems NX mit optimierter Konstruktionsmethodik garantiert ein Maximum an Effizienz und Datenkonsistenz. Dank dieser Systemunterstützung können sich die Ingenieure noch mehr auf die eigentlichen Kernaufgaben fokussieren.

Diese reibungslose Implementierung basierte auf den vorkonfigurierten Templates der IBM-Beratung zur Abbildung der logistischen Prozesse. Aber vor allem auch auf dem Daten- und Prozessmodell von Pronovia zur Abbildung und Abwicklung der Produktdaten. Dieses von Pronovia implementierte Datenmodell setzt in SAP PLM die Vorgaben und Richtlinien des Standards Configuration Management II (CMII) um.

Basis des Configuration Managements ist gemäß CMII die physische Item-Hierarchie, welche in SAP PLM über Materialien und Material-Stücklisten abgebildet wird. Alle relevanten Informationen, welche stufengerecht das Item beschreiben werden zum entsprechenden Item verknüpft und in einzelnen Datenpaketen gegliedert.

Dabei werden sowohl Input-Dokumente, wie Anforderungen als auch deren zugehörige Ergebnisdokumente wie Konzepte, Designalternativen und schlussendlich CAD-Modelle und -Zeichnungen des Endproduktes verwaltet. Je nach Reifegrad der Entwicklung hat das Item mehr oder weniger Datenpakete. Das CMII Modell sieht das Item als das führende Objekt vor, welches in SAP dem Materialstamm entspricht. Als Konsequenz davon erfordert dies, dass zu Beginn jeder Tätigkeit eine Materialnummer vorhanden sein muss. Ein Umstand, der üblicherweise SAP-Anwender abschreckt, ist doch die Pflege mit Standardfunktionen eher umständlich und zeitraubend.

Bei Marenco Swisshelicopter ist jedoch die Materialanlage spielend einfach, muss der Anwender zu Beginn lediglich den Konfigurationstyp, die Basismengeneinheit sowie die Bezeichnung aus einem definierten Benennungskatalog wählen. Alle weiteren Felder und Sichten werden gemäß Reifegrad und Typ automatisch befüllt, auf Konsistenz geprüft und Workflow-unterstützt den zuständigen Bearbeitern zur Kontrolle weitergeleitet. So kann beispielsweise ein aus einem Rohmaterial abgeleitetes Teil nicht ohne Werkstoffangabe technisch freigegeben werden. Entwurfsmaterialien, die nicht über diesen Status kommen, können für immer in diesem Zustand verbleiben.

Lückenloses Change Management

Systemtechnisch wurde dazu nur eine „Materialnummer“ verwendet, die mit minimalstem Aufwand erzeugt und logistisch nicht relevant wurde. Niemand weiteres als der Konstrukteur wurde involviert und somit entstanden keine weiteren Pflegekosten des Stammsatzes. Mit Hilfe von komfortablen Klonfunktionen können vollständige Strukturen inklusive CAD-Modelle problemlos kopiert werden. Diese Funktion wird gerade in einer frühen Phase häufig genutzt um effizient Designalternativen zu erstellen. Anfang 2011 sind zudem die Direktintegrationen des ECAD-Tools Eplan und des Simulations/FE-Tools Recurdyn geplant.

Ab einem definierten Reifegrad müssen Änderungen zwecks Rückverfolgbarkeit zwingend dokumentiert werden. Dies erfolgt bei MSH komfortabel über ein Cockpit, mit welchem der Anwender zielsicher geführt wird. Damit kann pro Baureihe, Baugruppe, Einzelteil oder Prozess die gesamte Entwicklungs- und Änderungshistorie zurückverfolgt werden.

Mit der Einführung des ERP-Systems nach der beschriebenen Methodik im Rahmen eines PLM-Konzepts wurden die definierten Ziele erreicht: Dank solider Templates und Datenmodelle mit branchenspezifischen Ausprägungen konnte mit SAP PLM nach nur neun Monaten bereits produktiv gearbeitet werden. Die entwickelten Automatismen entlasten zudem den Konstrukteur von monotonen Verwaltungstätigkeiten bei maximaler Datenkonsistenz. Außerdem wurde eine Direktanbindung des MCAD-Tools NX und Abbildung des vollständigen Digital Mockup im System realisiert. Die Einführung von SAP PLM mit assoziativer und durchgängiger Datenkonsistenz auf der Basis des CMII-Datenmodells in der frühen Entwicklungsphase ist für MSH außerdem entscheidend um die notwendigen luftfahrtspezifischen Zertifizierungen zu erreichen. -sg-

Marenco Swisshelicopter AG, CH-Niederurnen Tel. 0041/44/9525757, www.marenco-swisshelicopter.ch

Pronovia AG, CH-Bülach, Tel. 0041/44/8601306, http://www.pronovia.com

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