Interview mit Michael Möller, GBO Datacomp

„Brechen Sie die Digitalisierung nicht übers Knie“

Die Digitalisierung verspricht effiziente und transparente Produktionsprozesse. Doch so verlockend das Ziel auch sein mag, der Weg dorthin ist steinig. Das muss er jedoch nicht sein, wenn man als produzierendes Unternehmen einige grundlegende Dinge beachtet. SCOPE sprach mit Michael Möller, Geschäftsführer des Augsburger MES-Spezialisten GBO Datacomp, darüber, welche Dinge das sind.

Michael Möller

SCOPE: Herr Möller, warum ist die Digitalisierung kein Projekt wie jedes andere?

Michael Möller: Es ist noch keine 30 Jahre her, da haben wir Texte auf Schreibmaschinen geschrieben. Und jetzt schauen Sie, wie die Digitalisierung innerhalb einer Generation unser tägliches Leben auf den Kopf gestellt hat. Dieser extrem schnelle Wandel steht dem produzierenden Mittelstand in weiten Teilen noch bevor. Dabei wird die Digitalisierung nicht nur effizientere Prozesse hervorbringen. Sie wird sämtliche Unternehmensbereiche miteinander vernetzen. Die digitale Arbeitswelt von morgen wird nur noch sehr wenig mit der Welt von heute gemein haben. Die Digitalisierung erzwingt einen Wandel in der Unternehmenskultur.

SCOPE: Ist das der Grund, warum viele Mittelständler der Digitalisierung skeptisch gegenüberstehen?

Möller: Sicherlich ist das einer der Gründe. Viele Unternehmen befürchten komplexe Systeme oder eine zu starke Abhängigkeit von der IT. Wir erhalten aber immer wieder Anfragen aus dem Markt, die eines sehr deutlich zeigen: Mittelständische Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und wollen digitalisieren, sie wissen nur nicht, wo sie beginnen sollen.

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SCOPE: Was raten Sie diesen Unternehmen?

Möller: Viele wollen einfach nur ihre Maschinen und Anlagen mit Sensoren ausstatten, um Daten aus der Produktion zu erhalten. Das ist jedoch zu kurz gesprungen, denn wer so denkt, verkennt die enormen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Unternehmenskultur. Nur ein Beispiel: Ein Mittelständler bestückt eine Maschine mit Sensoren, um Daten über Rüstzeiten, Stillstände und Störungen zu erhalten. Was passiert daraufhin? Zunächst erhält der Mittelständler natürlich eine Unmenge an Rohdaten, mit denen er ohne eine geeignete Datenaufbereitung nichts anfangen kann. Nicht allein die Datenerfassung, sondern die Datennutzung führt zum Erfolg. Aber was noch schlimmer ist: Der Mitarbeiter, der bislang die Informationen über Rüstzeiten, Stillstände und Störungen an den Fertigungsleiter weitergegeben hat, sieht mit an, wie eine Maschine seine Arbeit übernimmt.

SCOPE: Aber es ist doch von Vorteil, wenn er für die eigentliche Arbeit mehr Zeit hat?

Möller: Das stimmt. Aber das muss den Mitarbeitern auch kommuniziert werden. In den meisten Fällen wird die Entscheidung aus der Chefetage mehr oder weniger über den Köpfen der Mitarbeiter getroffen. Sie erfahren dann, dass es nun im Betrieb ein Digitalprojekt gibt, wodurch die Arbeitsprozesse effizienter werden. Beim Wort Effizienzsteigerung klammert sich erst einmal jeder an seinen Arbeitsplatz. Was ich sagen will: Die Digitalisierung in der Produktion betrifft in einem Unternehmen alle und alle müssen von Anfang an involviert werden. Man kann die Digitalisierung nicht von oben diktieren und dann wie eine Gießkanne über das Unternehmen ausschütten. Wer so vorgeht, wird schnell erleben, dass er für sein Digitalprojekt wenig Unterstützung bei den Mitarbeitern findet.

SCOPE: Wie geht man denn dann ein Digitalprojekt an?

Möller: Zunächst einmal ist Digitalisierung Chefsache. Sie durchzieht sämtliche Ebenen des Unternehmens, vom Shopfloor bis zum obersten Management. Jedes Unternehmen braucht also einen Hauptverantwortlichen, der sich der Digitalisierung annimmt. Dann schaut man, an welchen Stellen im Unternehmen digitale Prozesse überhaupt Sinn ergeben. Besonders wichtig dabei: Wo ist der Bedarf und der Nutzen an digitalen Prozessen am größten und wo ist es vielleicht sinnvoll, erst in einem zweiten oder dritten Schritt die Digitalisierung anzugehen? Hat man die entsprechenden Bereiche identifiziert, bildet man ein Digitalteam.

SCOPE: Worauf kommt es bei einem solchen Team an?

Möller: Das Digitalteam sollte aus Personen bestehen, die alle Bereiche, die von der Digitalisierung erfasst werden, repräsentieren. Das Team sollte auch frühzeitig ins Leben gerufen werden. Nur so erhält man die notwendige Akzeptanz unter den Angestellten, nur so gehen sie den Wandel mit. Außerdem sollte man bei dem Digitalteam auf die Altersstruktur achten. Der Azubi als Digital Native sollte ebenso vertreten sein wie der langjährige Mitarbeiter, der das Unternehmen wie seine Westentasche kennt.

SCOPE: Es führt jedoch kein Weg daran vorbei, dass man digitale Kompetenz benötigt.

Möller: Das ist richtig und in vielen Unternehmen ist sie schlicht nicht vorhanden. Mit dem passenden Partner an der Seite kann man sich jedoch das digitale Know-how von außen ins Unternehmen holen. Dabei sollte man darauf achten, dass der Partner flexible und skalierbare Systeme zur Verfügung stellt, die sich dem steigenden Grad der Digitalisierung anpassen können. Die Einführung digitaler Produktionsprozesse ist beileibe kein statisches Unterfangen. Die Dynamik ist extrem hoch. Wie gesagt: Es ist noch nicht lange her mit der Schreibmaschine.

SCOPE: Wie können produzierende Mittelständler denn sicherstellen, dass sie die Digitalisierung vorantreiben und nicht die Digitalisierung sie vor sich hertreibt?

Möller: In der Regel installieren Produktionsunternehmen in einem ersten Schritt ein Manufacturing Execution System, kurz MES. Solche Systeme gelten als Brückentechnologie zur Industrie 4.0, da sie die Produktions- mit der Businessebene verknüpfen. Ein MES sammelt die Daten aus den Maschinen und Anlagen ein, analysiert sie und bereitet sie auf, so dass zum Beispiel der Fertigungsleiter brauchbare und transparente Informationen erhält, auf deren Grundlage er die nächsten Entscheidungen treffen kann. Bei Veränderungen im Maschinenpark muss das MES in der Lage sein, neue Maschinen und Anlagen integrieren zu können. Wenn neue Kennzahlen benötigt werden, muss das MES diese auch zur Verfügung stellen können. Werden weitere Unternehmensbereiche an das MES angeschlossen, muss das System in der Lage sein, diesen Bereichen die benötigten Informationen bereitzustellen. Wenn es in solchen Fällen jedoch heißt „Tut uns leid, das kann das System nicht, Sie brauchen ein neues“, schnellen die Investitionskosten in die Höhe.

SCOPE: Also nutzt man am besten von Anfang an eine möglichst umfangreiche MES-Lösung?

Möller: Auf keinen Fall, denn dann zahlen Sie ja bereits jetzt für Funktionalitäten, die Sie erst in Zukunft oder vielleicht auch nie benötigen. Stattdessen müssen die Unternehmen darauf achten, dass das MES skalierbar ist, quasi mit den Anforderungen des Unternehmens wächst. Diese Herangehensweise wird auch als Lean MES bezeichnet. Dazu raten wir auch stets unseren Kunden: Brechen Sie die Digitalisierung nicht übers Knie, sondern gehen Sie Schritt für Schritt vor – gemäß Ihren Anforderungen und Ihrem eigenen Tempo. Industrie 4.0 ist kein starres Ziel, das für alle gleich aussieht. Es ist vielmehr ein dynamischer Prozess, an dessen Ende die Smart Factory steht. Doch der Weg dorthin ist für jeden Mittelständler unterschiedlich.

SCOPE: Es bleibt jedoch dabei: Die Digitalisierung ist kein leichtes Unterfangen.

Möller: Absolut nicht. Aber wenn man seine Anforderungen aus der Praxis in den Fokus stellt und seine Mitarbeiter von Anfang an in den digitalen Wandel einbindet und sie entsprechend weiterbildet, hat jedes Unternehmen sehr gute Chancen, auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Eines steht auf jeden Fall fest: Ein Zurück zur Schreibmaschine gibt es nicht.

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