Interview mit Harald von Heynitz

„Der dritte Arm des Mitarbeiters“

Der Industrieroboter liegt im Trend. Im vergangenen Jahr wurden laut internationalem Branchenverband IFT erstmals mehr als 240.000 Einheiten verkauft. Harald von Heynitz ist Partner, Audit und Head of Industrial Manu-facturing bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Er zeigt in diesem Interview aktuelle Entwicklungen im Bereich der Industrieroboter auf, gibt Auskunft über deren Potenzial und Nutzen für Unternehmen und darüber, welche Voraussetzungen künftige Mitarbeiter für die neue Mensch-Roboter-Kooperation mitbringen müssen.

Harald von Heynitz ist Partner, Audit und Head of Industrial Manufacturing bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

SCOPE: Herr von Heynitz, Sie sprechen von einer neuen Partnerschaft zwischen Menschen und Robotern in Industriebetrieben. Was ist an dieser Kooperation neu?

Harald von Heynitz: Das eigentlich Neue an der Mensch-Roboter-Kollaboration ist nicht mehr der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch Roboter, sondern die direkte Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Industrievertreter sprechen gerne von einem „dritten Arm“ des Mitarbeiters, der durch die neue Generation von flexiblen Leichtbau-Robotern, sogenannten Cobots (colloborative robots), zur Verfügung gestellt wird. Unterschiedliche Sensoren zur Messung von Abständen, Bewegungsbahnen und Krafteinwirkungen sowie Bilderkennungssysteme und Pols-terungen sorgen für die Sicherheit des Menschen. Besonders die Sicherheitstechnik erlaubt den Robotern, jenseits der bisher bekannten Absperrungen für Industrieroboter zu arbeiten. Durch Fortschritte in der Sensorik und Aktorik eignen sich die Cobots mittlerweile als Assistent in der Fertigung, Montage und Intralogistik. Verbunden mit diesem Miteinander – im Gegensatz zum bislang üblichen Nebeneinander – ist ein neues Verständnis der Robotik: die Ergänzung der menschlichen Stärken, wie z. B. selbstständiges Handeln und Flexibilität, um die Vorzüge des Roboters als aktives Werkzeug, wie Zuverlässigkeit, gleichbleibende Qualität, Robustheit und Kraft.

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SCOPE: Können Sie ein Beispiel nennen, wie dies konkret in der Praxis aussieht?

Von Heynitz: Einfachere Versionen eines Cobots versorgen als Intralogistikroboter die Montagemitarbeiter mit Material. Der individuelle Bedarf wird dem Roboter gemeldet und dieser entnimmt die gewünschten Artikel dem Lager und transportiert sie zum entsprechenden Arbeitsplatz. Komplexere Lösungen stellen Material bedarfsgerecht bereit, unterstützen bei der Montage und kontrollieren anschließend autonom den abgeschlossenen Prozess. Neuere Versionen der Leichtbauroboter sind vernetzt und können aus den Simulationsdaten der Produktionsprozesse heraus, ohne direkte Anweisung eines Mitarbeiters, die benötigten Werkzeuge und Materialien anreichen sowie kleinere Montageschritte und den finalen Prüfprozess selbstständig durchführen.

SCOPE: Welchen Nutzen hat die Mensch-Roboter-Kooperation für Unternehmen?

Von Heynitz: Kollaborative Roboter können in der Fertigungsindustrie die Lücke zwischen vollautomatisierten Produktionsanlagen für Massengüter und dem stationären Groß-Robotereinsatz auf der einen Seite und manuellen, analytischen oder interaktiven Nicht-Routine-Aufgaben auf der anderen Seite schließen. Cobots schaffen assistierende Automatisierungsoptionen in Bereichen, die sowohl ein hohes Maß an menschlichem Geschick benötigen als auch für den Menschen belastende Tätigkeiten beinhalten. Dabei denke ich an Anwendungsfälle, bei denen routinemäßige, kraft- und zeitraubende sowie extrem belas-tende Tätigkeiten zu vollrichten sind. Auch beim Umgang mit Gefahrenstoffen oder in bedrohlichen Umgebungen (scharfe Gegenstände, Hitze, Kälte, Strahlung etc.) kann der kollaborative Roboter unterstützen. Der Nutzen der Mensch-Roboter-Kooperation kann also nicht nur durch betriebswirtschaftliche Kennziffern belegt werden, sondern auch durch Werte wie Arbeitssicherheit, Gesundheit und Qualität.

SCOPE: Haben deutsche Industriebetriebe dieses Potenzial bereits erkannt?

Von Heynitz: Das Interesse an Automatisierungslösungen und der neuen Mensch-Roboter-Kooperation ist bereits groß. Das Potenzial für einen Einsatz der Cobots im eigenen Unternehmen wird gerade verstärkt ausgelotet. Dadurch, dass fast täglich über neue Einsatzmöglichkeiten von Cobots berichtet wird, gewinnen die Fertigungsunternehmen immer mehr Entscheidungshilfen bei der Identifikation von eigenen Anwendungsfällen. Verständlich ist jedoch auch eine häufig noch abwartende Haltung, besonders im Mittelstand, da die Kosten-Nutzen-Analysen und der Reifegrad der Lösungen noch nicht jeden überzeugt haben. Unter dem Strich werden jedoch einfache Kalkulationen (Einstands- und laufende Kosten) entscheidend bei entsprechenden Investitionen sein.

SCOPE: Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter auf diese neue Arbeitsweise aber auch vorbereiten. Welche Maßnahmen sollten sie ergreifen und was gilt es dabei zu beachten?

Von Heynitz: Damit von einer Mensch-Maschine-Kooperation gesprochen werden kann, braucht diese assistierende Automatisierungslösung die Mitarbeiterbeteiligung. Diese kann bereits bei der Identifikation von geeigneten Aufgabenbereichen und Anwendungsfällen einbezogen werden. Ein Engagement der Belegschaft wird besonders dann erfolgreich, wenn durch Informationen und Aufklärung der Gesamtbelegschaft der Cobots als Unterstützung und nicht als Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes verstanden wird. Unmittelbar betroffene Mitarbeiter brauchen besondere Schulungen im Umgang mit dem „Blech-Kollegen“, die sich aus der Komplexität der erforderlichen Programmier- und Bedientätigkeiten ergeben.

Die Sicherheit der Mitarbeiter steht bei der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine an oberster Stelle. Die entsprechenden Einsatzgebiete und Anlagenkonzepte müssen dies unbedingt gewährleisten. Zwar müssen die Hersteller die durch Normen geregelten sicherheitstechnischen Anforderungen erfüllen und nachweisen, eine entsprechende Sensibilisierung der Belegschaft sollte trotzdem erfolgen.

SCOPE: Ihre Prognose bitte: Wohin geht die Entwicklung in den kommenden zehn Jahren?

Von Heynitz: Absehbar für mich sind weitere Fortschritte in der Sensorik, steigende Datenverarbeitungsleistung von Prozessoren, wissensbasierte Systeme und selbstlernende Software, die immer mehr Möglichkeiten für den effizienten Einsatz von smarten Maschinen eröffnen. Entscheidend für die Marktdurchdringung der Cobots wird neben der Geschicklichkeit und Intelligenz insbesondere eine leichter werdende Programmierung und Bedienbarkeit der maschinellen Helfer sein. Gelingt es den Lösungsanbietern, den „Lernprozess“, also die Programmierung der Roboter, zu vereinfachen, können viele der gegenwärtigen Vorbehalte abgebaut werden. Je vielfältiger ein Cobot einsetzbar ist, desto wahrscheinlicher wird man ihn zukünftig in den Werkhallen der Fertigungsindustrie finden. Ich rechne damit, dass es vermehrt einen Mix aus automatisierten Produktionsanlagen mit fest installierten Robotern und einer im Vergleich zu heute wesentlich größeren Anzahl von Cobots geben.

Ein weiteres Feld für zukünftige Innovationen sehe ich im Bereich der Benutzerschnittstellen zur Interaktion mit dem Roboter im laufenden Prozess. Eine intuitive Bedienung der Roboter über Displays, wie wir es vom Smartphone gewohnt sind, erleichtert heute schon die Kommunikation mit dem Roboter. Auch die Steuerung über Gesten oder Sprache findet zunehmend seinen Einsatz. Wünsche und Nachfragen durch die Endverbraucher werden die künftigen Treiber von Entwicklungen in diesen Bereichen sein. Ob im Haushalt, Garten oder in der Freizeit – Roboter werden verstärkt ihren Einsatz finden. Und gewiss werden dabei langfristig auch komplexere Aufgaben von Maschinen übernommen werden, die bisher dem Menschen vorbehalten sind.

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