Produktionssysteme

Prostep-Symposium wieder mit Zuwachs

Michael Wendenburg, Sevilla

Die Stimmung der Automobilindustrie hat sich in den letzten Monaten aufgehellt und davon profitierte auch das Prostep Ivip-Symposium, das in diesem Jahr zum 13. Mal stattfand. Rund 350 Führungskräfte aus der Automobilindustrie und anderen Branchen sowie zahlreiche Vertreter von PLM-Anbietern trafen sich wieder in Berlin, um sich über smarte Lösungen für neue Produkte zu informieren, aber auch um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Immerhin 50 mehr als vor Jahresfrist.

Wenn man den unlängst veröffentlichten Geschäftszahlen von Daimler generelle Bedeutung beimessen darf, schüttelt die Automobilindustrie die Krise allmählich ab. Deshalb wittern auch die Anbieter von PLM-Lösungen und -Dienstleistungen Morgenluft und strömten in Scharen nach Berlin. Insgesamt 19 Firmen waren mit eigenem Stand in den attraktiven Räumlichkeiten des Ludwig-Erhardt-Hauses vertreten, das nur wenige Gehminuten vom Kudamm entfernt liegt. Darunter auch einige Newcomer wie zum Beispiel die Consentor AG, die den Teilnehmern eine innovative Kooperationsplattform vorstellte, die nicht auf dem Austausch von Dokumenten, sondern auf der bedarfsorientierten Vernetzung von abstimmungsrelevanten Parametern basiert.

»Smarter Solutions for New Products« lautete der Titel der diesjährigen Veranstaltung, die inhaltlich nicht so klar fokussiert war wie die Symposien der Vergangenheit. Man habe bewusst auf ein thematisches Korsett verzichtet, um der wachsenden Vielfalt der Themen und Trends gerecht zu werden und pragmatische Lösungsansätze vorstellen zu können, meinte Christine Frick, Geschäftsführerin des Prostep Ivip-Vereins. Außerdem hat der Verein in diesem Jahr erstmals wieder eine Reihe von Vorträgen über Hochschulprojekte integriert, die das Programm inhaltlich erweiterten.

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Mit 350 Teilnehmern aus 12 Ländern übertraf die Beteiligung am diesjährigen Symposium die Erwartungen des Veranstalters, wobei es sich bei den Besuchern zur Hälfte um Mitarbeiter von PLM-Herstellern handelte, die in Berlin den Kontakt zu ihren Kunden suchten.

JT als ein Themenschwerpunkt

Gesponsert wurde die Veranstaltung von Daimler und Siemens PLM, die auch mit zwei attraktiven Referenten aufwarteten. Als Vertreter aus Wissenschaft und Forschung erläuterte Keynote Speaker Prof. Dr. Dieter Kranzlmüller von der Ludwig-Maximilians-Universität München den Anwesenden, welche riesigen Datenmengen pro Sekunde die Wissenschaftler in ihren weltweiten Grid-Netzen bewegen, um medizinische Experimente oder physikalische Phänomene zu berechnen. Davon können Produktentwickler nur träumen.

Einen relativ breiten Raum nahm im diesjährigen Vortragsprogramm das Thema JT ein, was unter anderem mit den Bemühungen des Vereins zusammenhängt, das von Siemens PLM öffentlich zugänglich gemachte Format als verbindliches Prozessformat zu etablieren und zu normieren. Dagegen spielte die Mechatronik-Entwicklung, die auf dem Symposium seit Jahren als Herausforderung beschworen wird, keine so dominante Rolle mehr. Zwar gab es einige Beiträge aus der wissenschaftlichen Ecke, die sich mit Lösungsansätzen wie dem Systems Engineering oder der Funktionsmodellierung beschäftigten, die Anwender hielten sich dagegen auffällig zurück. Möglicherweise liegt es daran, dass sie an der Umsetzung von mechatronischen Lösungen arbeiten, über die sie aber noch nicht berichten können.

Noch ehe die mechatronische Herausforderung bewältigt ist, steht die nächste, noch größere schon vor der Tür: Das Thema Elektromobilität: Einen Blick in die Zukunft der Automobilentwicklung warf Prof. Bharat Balasubramanian, Direktor Forschung und Vorentwicklung Produktinnovationen und Prozesstechnologien bei Daimler. Er sprach in seiner Keynote zum einen über die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Fahrzeugsicherheit, aber auch über die Frage, wie Elektroautos intelligent aufgeladen werden können (smart charge) und wie man smarte Mobiltelephone mit den Telematik-Anwendungen im Fahrzeug integrieren kann (smart drive).

Anforderungen früher erfassen

Der Trend bei der Fahrzeugsicherheit geht klar in Richtung aktive Unfallverhütung durch Stereokameras, die Entfernung und Formen interpretieren und automatisch den Abstand halten oder sogar einem zwischen den Autos hervortretenden Fußgänger automatisch ausweichen. Der Autofahrer der Zukunft – so die Quintessenz des Vortrags – hat am Steuer immer weniger zu tun und kann stattdessen während der Fahrt seine E-Mails abhören und beantworten, vorausgesetzt er schafft es, die Sprachsteuerung entsprechend zu trainieren. Denn die Hände wird er nach dem Willen des Gesetzgebers wohl weiter am Steuer halten müssen. Werden wir das Autofahren am Ende ganz verlernen und was bedeutet das für die Fahrsicherheit?, mag sich mancher Zuhörer gefragt haben.
Die Anforderungen an das, was das Auto von morgen alles können soll, werden immer vielschichtiger und damit schwieriger unter eine Haube zu bringen sein. Neben Globalisierung, Umweltverträglichkeit und anderen Megatrends sei der Innovationsdruck eine der großen Herausforderungen für die Automobilindustrie, wie Chuck Grindstaff, Chief Technology Officer von Siemens PLM in seiner Keynote betonte. Das erfordere neue Antworten seitens des Product Lifecycle Managements (PLM), um die Kundenwünsche früher im Entwicklungsprozess zu erfassen, zu bewerten und über Systemgrenzen und Disziplinen hinweg durch den Prozess der Detailentwicklung schleusen zu können. Gleichzeitig müsse die Einhaltung der Bestimmungen zur Umweltverträglichkeit über die gesamte Zulieferkette sichergestellt sein. Grindstaff schlug als Lösung ein übergreifendes Informationsmodell vor, das die Anforderungen mit den Produktdaten in den Kernsystemen verbindet. Voraussetzung sei eine offene PLM-Architektur, ein gemeinsam nutzbares digitale Format wie JT und ein möglichst einfaches Datenmodell, um mit den Informationen bei wachsender Komplexität in Echtzeit interagieren zu können.

In ihrem Vortrag über System und Methode zur Analyse der Nachhaltigkeit von Produktlebenszyklen griffen Mohsen Reyazat und Armin Hasse von Siemens PLM den Ball, den Chuck Grundstaff in die Runde geworfen hatte, noch einmal auf. Das Konzept der Bill of Sustainability (BoS) soll die gleichzeitig auftretenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen eines Produktes während seines gesamten Lebenszyklus repräsentieren und es vergleichbar mit alternativen Lösungen machen. Das trage nicht nur zur Verbesserung der operationellen Effizienz eines Unternehmens bei, sondern erleichtere auch die Einhaltung der immer strengeren gesetzlichen Bestimmungen, so die Referenten.

Viele Vorträge von Anwendern

Nach den Keynotes hatten die Teilnehmer die Wahl zwischen drei gleichzeitig laufenden Vortragsreihen und vertiefenden Workshops zu Themen wie der Integration von digitaler Produktentwicklung und digitaler Fabrik, der Nutzung von JT als Kommunikationsformat oder der Einführung von praxisgerechten Software-Assistenten zur wissensbasierten Konfiguration und Auslegung von kundenindividuellen Produkten. Insgesamt gab es weniger, aber dafür längere Vorträge mit der Möglichkeit, zwischen den verschiedenen Vortragsreihen zu wechseln. Damit trug der Veranstalter den Anregungen des letzten Jahres Rechnung.
Einen guten Einblick in die Probleme, mit denen sich die Unternehmen in der Praxis beschäftigen, vermittelten die zahlreichen Anwendervorträge. So berichtete Joachim Seliger von der ZF Friedrichshafen AG über die Vereinheitlichung der Stückliste und die Einführung eines zentralen PDM-Daten-Backbones als wichtige Maßnahmen, um die Durchlaufzeiten in der Produktentwicklung zu verkürzen, die Prozessqualität sicherzustellen und die IT-Betriebskosten zu senken. Als nächste Schritte könne man die Harmonisierung der Stammdaten in den verschiedenen SAP-Instanzen und die Vereinheitlichung des Konfigurations- und Variantenmanagements in Angriff nehmen.

Einen der unterhaltsamsten Anwendervorträge steuerte James DeLaPorte bei, der für das unternehmensweite PLM verantwortliche Projektleiter von Gulfstream. Der Hersteller von exklusiven Privatflugzeugen setzt bei der Produktdokumentation und Langzeitarchivierung auf den Step-Standard, um seine Produkte nur noch in 3D beziehungsweise anhand der dazu gehörigen Metadaten im PDM-System zu dokumentieren. Obwohl die 3D-Dokumentation mit einem erheblich Aufwand für die kontinuierliche Kontrolle der Datenintegrität und -konsistenz bei Hardware- und Software-Updates verbunden ist, sprechen die Produktivitätsgewinne laut DeLaPorte klar für den Abschied von der zeichnungsbasierten Dokumentation. Gulfstream ist, was die 3D-Dokumentation angeht, sicher die Ausnahme. In dieser Konsequenz mache das noch kein Automobilhersteller, urteilte Prof. Alfred Katzenbach von Daimler und Vorstandsmitglied des Prostep Ivip-Vereins. -we-

Prostep Ivip Verein, Darmstadt, Tel. 06151/9287-336, www.prostep.org

Weitergehende Informationen zu den Vorträgen des diesjährigen Symposiums sind auf der Homepage des Prostep Ivip-Vereins zu finden unter: www.prostep.org/de/events/symposium-2010/programm/28042010.html

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