Produktionssysteme

PlanetPTC Live: Wie auf einem anderen Stern

Ein Jahr nach Ankündigung des Lightning-Projekts auf der Benutzerkonferenz in Orlando beginnt PTC mit der Auslieferung von Creo 1.0. Die neue Software-Generation für die Produktentwicklung, die direktes und parametrisches Modellieren verbindet, war das Highlight auf der diesjährigen PlanetPTC Live. Außerdem stellte der PLM-Anbieter in Las Vegas die neue Version Windchill 10.0 mit deutlich verbesserter Benutzerführung vor und erläuterte die Gründe für die Übernahme der MKS-Lösung Integrity, von der man sich neue Marktchancen im Systems Engineering verspricht.

Angeblich ist ja New York die Stadt, die niemals schläft, aber Las Vegas steht Big Apple diesbezüglich in nichts nach: In den Casinos mit angeschlossenen Hotelburgen, Shopping Malls, Restaurants sowie Schönheitssalons wird rund um die Uhr gezockt. Man muss die kühlen Kunstwelten am Las Vegas Boulevard gesehen haben, um zu verstehen, warum der Energieverbrauch in Nevada in den letzten Jahrzehnten stärker gewachsen ist als in allen anderen amerikanischen Bundesstaaten. Ein riesiges Disneyland für Erwachsene, in dem man sich zumindest als Europäer manchmal wie auf einem anderen Stern vorkommt.

Auf diesem Stern fand in diesem Jahr die PlanetPTC Live statt, die internationale PTC-Benutzerkonferenz, die erstmals vom Software-Hersteller selbst ausgerichtet wurde. Für die Ortswahl war allerdings noch die PTC/User-Organisation verantwortlich, die auch die Inhalte der Veranstaltung weiterhin mitbestimmt. Rund 2.000 Mitglieder der PTC-Community trafen sich in Caesars Palace, einem der größten und elegantesten Spielpaläste der Stadt, um sich über Produktneuheiten und Neuigkeiten zu informieren, an den zahllosen Trainings-Sessions teilzunehmen und Kontakte zu anderen Anwendern zu knüpfen. Unter ihnen wieder zahlreiche Vertreter von PTC-Partnern, von denen 55 mit eigenen Ständen in den Ausstellungsräumen vertreten waren.

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Rund 70 Kunden referierten im Rahmen der diesjährigen Veranstaltung über ihre Erfahrungen mit verschiedenen PTC-Anwendungen, deutlich mehr als in früheren Jahren. Eine attraktive Neuerung in Las Vegas war eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion, bei der verschiedene Kunden zu den Herausforderungen Stellung nahmen, vor denen sie in der Produktentwicklung stehen. Eine davon ist die zunehmende Bedeutung der Software, die bei einem Automobilzulieferer wie Continental heute 60 bis 80 Prozent der Innovationen ausmacht und für ebenso viele Probleme sorgt: „Auf jede Änderung an einem mechanischen Bauteil kommen bei uns 100 Software-Änderungen“, erklärte André Radon, Vice President Product Lifecycle Management bei Continental den Zuhörern. Ohne einen systemorientierten Ansatz sei es nicht möglich, zu prüfen und zu testen, ob diese Änderungen noch mit den Anforderungen vereinbar sind.

Marktchancen im Systems Engineering

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum PTC der kürzlich erfolgten Übernahme der Firma MKS so große Bedeutung beimisst. Brian Shepherd, Executive Vice President Product Development, bezeichnete sie in seiner Keynote als die dritte große Nachricht neben der Einführung von Creo 1.0 und der Vorstellung von Windchill 10.0, und PTCs CEO Jim Heppelmann sprach von einer „sehr strategischen Übernahme mit weitreichenden Folgen für die Industrie“, da sie PTC einen deutlichen Vorsprung auf dem Gebiet des Systems Engineering verschaffe. MKS sei führend auf dem Gebiet der Embedded-Software-Entwicklung.

Wohlgemerkt: MKS Integrity ist kein Werkzeug für die Softwareentwicklung, sondern eine ALM-Lösung (Application Lifecycle Management, PTC spricht künftig von Software System Lifecycle Management – SSLM), die sämtliche Aktivitäten und Resultate des Softwareentwicklungsprozesses vom Anforderungsmanagement über die Systemmodellierung und Programmierung bis hin zu Tests und Validierung steuert und nachvollziehbar macht. Zielsetzung von PTC ist es, sie sowohl als Stand-alone-Lösung anzubieten, als auch integriert in Windchill, um die Entwicklung von Produkten mit hohem Elektronik- und Software-Anteil besser zu unterstützen. Die Integrationspläne sehen unter anderem vor, das bestehende Windchill-Requirements-Management durch die entsprechenden Funktionen in MKS Integrity zu ersetzen und um Test-Management-Funktionen zu ergänzen.

Systems Engineering sei der Markt der Zukunft, meinte Heppelmann und machte das an einem Beispiel deutlich: „In einem Luxusklasse-Fahrzeug stecken heute genauso viele Zeilen Programmcode wie in unserer Software.“ PTC verspricht sich von der MKS-Übernahme vor allem in der Automobilindustrie zusätzliches Marktpotenzial, zumal die Überlappung bei den Kunden nicht allzu groß ist. Zwar setzen einige Großunternehmen wie Continental sowohl PTC- als auch die MKS-Lösungen ein, aber in Wachstumsmärkten wie China oder Korea mit starker PTC-Präsenz ist MKS noch gar nicht vertreten.

Windchill mit Bedienkomfort

Man habe in den letzten Jahren viel mit den Kunden geredet, um ihre Herausforderungen besser zu verstehen und dafür entsprechende Antworten zu entwickeln, sagte Jim Heppelmann zum Auftakt der Veranstaltung. Die Wunschliste der Kunden sei lang: Sie brauchen mehr Unterstützung bei Themen wie Globalisierung, IT-Konsolidierung, Nachhaltigkeit in der Produktentwicklung, Qualitäts-Management, Systems Engineering oder Supply Chain Collaboration.

Mit Blick auf diese Anforderungen hat PTC sein Portfolio klarer strukturiert und die einzelnen Produkte in mehrere Enterprise-Lösungen sowie in Lösungen für die Bereiche Engineering, Supply Chain und Services gruppiert. Gemeinsame Basis sei die PLM-Plattform Windchill, die PTC in den letzten zwei Jahren mit einem Forschungs- und Entwicklungsaufwand von 100 Millionen Dollar runderneuert habe, betonte Shepherd (mehr dazu auch im Interview mit Heinz Hempert, CAD-CAM REPORT 6, S. 30).

Was in Windchill 10.0 auf den ersten Blick ins Auge sticht, ist die neue Benutzerführung. PTC hat sehr viel Aufwand getrieben, um sie deutlich zu vereinfachen, übersichtlicher zu gestalten und gleichzeitig mehr Funktionalität direkt in den Webbrowser-Client zu integrieren. Besonderer Eyecatcher war allerdings die neue mobile App, die es Anwendern wie den Fertigungstechnikern erlaubt, über mobile Endgeräte auf die aktuellen Änderungsstände in Windchill zuzugreifen. Auch unter der Oberfläche von Windchill 10.0 hat sich einiges verbessert, was das Stücklisten-, Change- und Konfigurations-Management oder die Unterstützung von Prozessen anbelangt.

Außerdem hat PTC in Windchill 10.0 das Relex Quality System integriert und wird in Kürze weitere Funktionen für die Überprüfung der Umweltverträglichkeit implementieren, um ein produktlebenslanges Qualitäts-Management zu unterstützen. „Qualität lässt sich nicht auf Abteilungsebene verbessern“, so Brian Shepherd. Der Prozess von der Planung über die Entwicklung, Test und Fertigung bis zum Service und wieder zurück in die Entwicklung, erfordere durchgängige Lösungen. „Das Thema Qualität spielt für die Unternehmen wegen der damit verbundenen Kosten und möglicher Imageschäden eine wichtige Rolle“, bestätigte Chuck McAtee, Chief Information Officer bei Itron während der Podiumsdiskussion: „Ein Qualitätsproblem kann teurer sein als viele PLM-Systeme zusammen.“
Das beherrschende Thema der diesjährigen PlanetPTC Live war die mit Spannung erwartete Markteinführung der neuen Produktgeneration Creo 1.0. Brian Shepherd kündigte in Las Vegas die Verfügbarkeit der ersten neun Creo-Apps an, von denen acht sofort lieferbar sind (Details siehe S. 32 in dieser Ausgabe). Laut Heppelmann war die Entwicklung von Creo das größte und schnellste Software-Projekt, das PTC je realisiert habe. Allerdings sei es noch lange nicht abgeschlossen, gerade was das „right sizing“ anbelangt. Die Palette der Apps soll mit den kommenden Versionen kontinuierlich erweitert und noch stärker unterteilt werden, um den Funktionsumfang besser auf die Anforderungen unterschiedlicher Benutzerrollen zuzuschneiden.

Creo 1.0 mit Spannung erwartet

Es muss nicht immer Parametrik sein – das war denn auch die Botschaft von Jim Heppelmann in seiner Strategie-Keynote. PTC habe sich von der „fanatischen“ Fokussierung auf die Parametrik verabschiedet und konzentriere sich darauf, die Rolle des Innovationsführers einzunehmen. „Wir wollen PLM als strategische Waffe etablieren und damit für unsere Kunden einen signifikanten Mehrwert erzeugen.“ Die neue Ausrichtung gehe einher mit einer „stillen Revolution“ in der Unternehmensleitung, die sich in den letzten Monaten auf wichtigen Positionen verjüngt habe. PTC sei finanziell stark und unabhängig, so Heppelmann weiter, der sich für die nächsten Jahre ein ehrgeizige Wachstumsziel gesteckt hat: Der Umsatz soll von 939 Millionen (2009) bis 2014 auf 1,6 Milliarden US-Dollar steigen. Im laufenden Jahr liege man über dem Planziel.


Michael Wendenburg, freier Mitarbeiter, CAD-CAM REPORT

Parametric Technology GmbH, Unterschleißheim Tel. 089/32106-0, http://www.ptc.com

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