Produktionssysteme

Mit Zielkostenmanagement die Marktchancen verbessern

Lukas Kunz Küsnacht (CH)

Das Potenzial um Herstellungskosten zu senken ist in vielen Unternehmungen nicht ausgeschöpft. Schon seit den 1970er Jahren existiert das Prinzip des Zielkostenmanagements. In einigen Unternehmen vorbildlich implementiert, fehlt es vielerorts aber an der konsequenten Umsetzung.

Zielkostenmanagement soll in erster Linie Unternehmen unterstützen, die auf wettbewerbsintensiven Märkten kurzen Produktlebenszyklen und hohem Preisdruck ausgeliefert sind. Durchaus hohe Bedeutung wird dem Konzept auch in der massenverarbeitenden Industrie zugesprochen, weil dort wegen des relativ geringen Modellwechsels Kostenwirkungen von Produkt- und Produktionsgrundsatzentscheidungen langfristig spürbar sind. »Die Wahrnehmung des Unternehmens vom Wert eines Produktes orientiert sich an der Leistung, in die das Produkt gesteckt werden muss. Der Markt dagegen beurteilt den Wert des Produktes nach den Vorteilen, die er in dessen Einsatz sieht«, formuliert der Buchautor Eliyahu M. Goldratt.
Verkaufsargumente in der Maschinenbauindustrie beziehen sich primär auf technische Neuerungen und Leistungssteigerungen. Argumente wie »unser Produkt stellt das ideale Gleichgewicht zwischen Kosten und Nutzen dar« sind selten zu hören. Was aber will der Markt? Der Kunde muss einen klaren Vorteil durch den Einsatz des Produktes erfahren – und das zum besten Marktpreis. Folglich muss der Preis, den der Kunde gewillt ist, zu zahlen, erreicht oder unterboten werden. Ein so genanntes Over-Engineering muss deshalb vermieden werden. Also sollen Maschinen nur die Funktionen enthalten, die vom Kunden beziehungsweise vom Markt gefordert werden. Für das Over-Engineering ist oft das fehlende Kostenbewusstsein verantwortlich und zudem ist es mit längeren Entwicklungszeiten verbunden. Dies bietet der Konkurrenz die Chance ihre Produkte, die besser auf die Kundenwünsche ausgerichtet sind und weniger unerwünschte Leistungsmerkmale aufweisen, zu einem früheren Zeitpunkt am Markt zu platzieren.

Anzeige

Der Marktpreis ist entscheidend ob ein Produkt Erfolg haben wird. Er hat eine Ausschaltungsfunktion (Selektions-, Auslesefunktion), da die Anbieter vom Markt ausgeschaltet werden, die wegen zu hoher Kosten nicht konkurrenzfähige Produkte produzieren und deshalb Preissenkungen am Markt nicht mitmachen können. Die Nachfrager werden ausgeschaltet, indem sie den Marktpreis eines Produktes nicht bezahlen können oder wollen. Folglich müssen sich Unternehmen am Marktpreis und dem Wert des Produktes am Markt orientieren.

Für die Produktentwickler ist es selbstverständlich Produkte zu konstruieren, die den technischen Anforderungen bezüglich Leistung, Festigkeitsanforderungen und Verschleiß Rechnung tragen. Sind aber die damit verbundenen Herstellungskosten nicht gleichberechtigt oder müssen nicht sogar höher bewertet werden? Herstellungskosten – wie auch die fortlaufenden Kosten über den gesamten Maschinenlebenszyklus betrachtet – stehen in direktem Bezug zur Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. Die Kosten stellen eine Funktion dar, die erfüllt werden muss! Eine Vernachlässigung dieses Aspektes rächt sich in der Endabrechnung. Die Kostensenkungsmöglichkeiten der Abteilungen, die der Entwicklung nachgelagert sind, beschränken sich auf maximal 15 Prozent. Demgegenüber stellen konzeptbedingte Herstellungskostensenkungen von 70 Prozent keine Seltenheiten dar, und das ohne Beeinträchtigung der Funktionalität (Bild 1). Erst wenn sich die Entwicklungsmannschaft neben den technischen Aspekten auch für die kommerzielle Seite interessiert, wird eine Produktentwicklung auf höchstem Niveau realisierbar. Es sind nicht Abweichungen in den Rohstoffpreisen oder fehlende Schätzungen, sondern das fehlende Kostenbewusstsein und die daraus resultierende Unvollständigkeit der Kostendaten, die eine kostensensitive Produktentwicklung verhindern. Neben fehlendem Kostenbewusstsein kommt der hohe administrative Aufwand hinzu, der notwendig ist, um die dauernd ändernden Konstruktionsdaten mit aktuellen Kostendaten abzugleichen. Mit Tabellenkalkulations-Programmen kann die anfallende Datenmenge der Kosteninformationen nur mit hohem Aufwand beherrscht werden. Außerdem ist mit herkömmlichen Software-Lösungen der direkte Bezug zu den CAD-Daten in keiner Weise gewährleistet. Erst mit der Hilfe spezifischer Zielkostenprogramme – welche die Möglickeit bieten, native CAD-Daten mit Preisinformationen zu ergänzen – ist die direkte Verbindung zwischen CAD-Daten und Kosteninformationen gewährleistet. Die entwicklungsnahe Umsetzung des Zielkostenmanagements ist Voraussetzung, um Kostenstrukturen nach- haltig und positiv verändern zu können. Speziell beim Zielkostenmanagement besitzen die frühen Phasen wie Produktentwicklung und -konstruktion sowie die Planung für die Produktionstechniken die größte Bedeutung, da hier nicht nur die Produktions-, sondern auch die Servicekosten im Voraus bestimmt werden. Entwicklungsnah bedeutet CAD-gestützt, denn die Kosteninformationen müssen in den Software-Werkzeugen abgebildet werden, mit denen die Entwicklung tagtäglich arbeitet. Erst das ermöglicht den Entwicklern Zielkostenmanagement zu »leben«. CAD-zentrische Zielkosten-software ermöglicht es, Baugruppenstrukturen direkt aus dem CAD- oder PDM-System zu öffnen. Dadurch entsteht kein Bruch zu aktuellen Projektdaten und dies ermöglicht es, immer mit den aktuellsten Entwicklungsdaten zu arbeiten. Alle Kosteninformationen stehen jederzeit und allen Abteilungen zur Verfügung, so dass der Ausdruck »Kostentransparenz« eine neu Dimension erhält (Bild 2). Der Markt diktiert den Preis. Diese Vorgabe bildet für die Entwicklungsmannschaft ein klares Kostenkorsett. Doch Kostenzielvorgaben müssen in keiner Weise innovationshemmend wirken – ganz im Gegenteil. Zielkostenmanagement basiert auf der Aufteilung in Teilfunktionen. Jedes Erzeugnis verfügt über Teilfunktionen, die im Zusammenspiel die Gesamtfunktion repräsentieren. Dabei sind die einzelnen Teilfunktionen in einer sinnvollen Struktur zu ordnen. Als nützlich erweist sich in diesem Zusammenhang die Unterscheidung in harte und weiche Funktionen. Harte Funktionen bestimmen die technische Leistung eines Produktes (wie Wasserversorgung, Wasseraufbereitung, Wasserzufuhr eines Produktes), weiche Funktionen dienen der Benutzerfreundlichkeit und definieren den Wert des Produktes für den Kunden (zum Beispiel Haptik und Bedienungsfreundlichkeit). In einem weiteren Schritt ist die Gewichtung zwischen den harten und weichen Funktionen durch Kundenbefragung zu ermitteln.

Mit Unterstützung der potentiellen Kunden werden die Gewichte der einzelnen Teilfunktionen innerhalb der zwei Funktionsgruppen festgelegt. Wenn alle Teilfunktionen definiert sind und die Zielkosten pro Funktion verteilt werden, kommt oft eine Ernüchterungsphase. Für die einzelnen Funktionen stehen nur geringe finanzielle Mittel zur Verfügung. Das ist eine der Schlüsselstellen im Projekt-ablauf. Es muss gelingen – zusammen mit Marketing, Verkauf und der Unternehmensführung – einzelne Funktionen des neuen Produktes zu eliminieren oder gar durch innovative, neue Ansätze zu ersetzen. Auf Grund der engen Zusammenarbeit verschiedener Unternehmensbereiche entstehen neue, unkonventionelle Wege und Lösungsansätze. Geringe finanzielle Mittel wirken innovationsfördernd und bringen außergewöhnliche Lösungsan- sätze hervor.

Die Aufgliederung in Teilfunktionen hilft, in einer komplexen Struktur die Orientierung zu behalten. Sobald die Funktionen spezifiziert und abgegrenzt sowie die Schnittstellen beschrieben sind, wird für die einzelnen Funktionsgruppen eine Lösung gefunden. Dadurch wird die Fokussierung auf Teilproblematiken gesteigert und somit die gesamte Qualität der entstehenden Lösungen verbessert. Erfahrungsgemäss ist das Kostenkorsett ein Katalysator für innovative Ideen. Sämtliche Beteiligten sind sich dank der vorhanden Kostentransparenz über den Entwicklungsstand, die offenen Risiken und Herausforderungen bewusst und motiviert, gemeinsam die definierten Zielkosten zu erreichen oder zu unterbieten.

Kostentransparenz ist die wichtigste Voraussetzung um Kostensicherheit zu erlangen. Alle Kostenträger müssen berücksichtigt werden – in Abhängigkeit von den zu beschaffenden Losgrössen. Genaue Stückzahlangaben sind die Basis für die Findung der Herstellungskosten während der Produktentwicklung. Abhängig von Produktionslosgrössen reduzieren sich einzelne Teilekosten massiv (losgrössenabhängige Kosten). Wenn die Teilebeschaffung nicht mit definierten Losgrössen realisierbar ist, können erhebliche Mehrkosten entstehen. Je früher die Teilelosgrössen beachtet werden, umso flexibler können Kostenkalkulationsmodelle gerechnet werden – und dies mit erhöhter Genauigkeit.

Sind zu Beginn eines Projektes nur wenige Kosteninformationen vorhanden, kann durch Schätzungen eine beachtliche Genauigkeit erzielt werden. Schätzungen werden oft als zu ungenau verpönt. Es liegt aber auf der Hand, dass Schätzfehler viel geringere Auswirkungen auf die Prognose der Herstellungskosten haben als nicht hinterlegte Kosteninformationen. Mit zunehmender Anzahl an Kostenschätzungen erhöht sich die Genauigkeit der Berechnung der zukünftigen Herstellungskosten signifikant, denn der Schätzfehler wird mit der Anzahl von Schätzungen geringer – und damit die Kostenprognose genauer (Bild 3). Folglich lässt sich schon in der frühen Konzeptphase eine Aussage treffen, ob die Gesamtkosten erreicht werden, wo die Hauptkostenträger sind und an welcher Stelle Risiken bestehen.

Nicht alle Unternehmensbereiche sind von Beginn an in den Entwicklungsprozess eingebunden. Deshalb besteht die Gefahr, dass jeder nur innerhalb seiner Grenzen Verantwortung übernimmt. Diese Eingrenzung verhindert bereichsübergreifende Lösungsansätze. Jeder Beteiligte wird lediglich an seiner Steigerung zwischen »Input« und »Output« gemessen.

Ein gemeinsames Vorgehen – durch Einbindung aller am Entwicklungsprozess beteiligten Stellen – spart Arbeitsaufwand, fördert das gegenseitige Verständnis, die gegenseitige Unterstützung und den gemeinsamen Fokus auf die Kostenziele. Folglich konkurrieren die Abteilungen nicht gegeneinander, sondern leisten eine effiziente Teamarbeit. In einem solchen Team werden alle Disziplinen in der Diskussion und Entscheidungsfindung integriert, so dass die höchst mögliche Chance besteht, eine optimale Lösung zu erzielen. Herstellungskosten müssen als vollwertige Funktion anerkannt werden. Das gewährleistet die simultane Berücksichtigung der Kosten zum technischen Entwicklungsprozess. Der Zielerreichungsgrad durch ein konsequent durchgeführtes marktorientiertes Zielkostenmanagement ist sehr hoch. Durch diesen Erfolg beflügelt und mit der interdisziplinären Denkweise als Team steigt die Motivation aller Projektbeteiligten. Herstellungskosten dürfen nicht in Bezug auf die technische Machbarkeit resultieren – sondern den Marktanforderungen und Kundenwünschen entsprechen. -fr-

prolim engineering GmbH www.kingcost.ch

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

MES

Die richtigen Daten in die Cloud

Das neue trendige „SaaS-Konzept“ (Software as a Service) ist ein kundenorientiertes Prinzip. Die Software liegt bei einem externen Dienstleister und der Kunde bezieht lediglich den Service der Dienstleistung, ohne sich um Hardware Gedanken machen zu...

mehr...
Anzeige

PLM

Bombardier und Siemens kooperieren

Bombardier, der weltweit führende Hersteller von Zügen und Flugzeugen, arbeitet mit Siemens zusammen, um das Teamcenter-Portfolio für Product Lifecycle Management (PLM) auszubauen. Ziel ist es, eigene Engineering-Prozesse für die Produktentwicklung,...

mehr...

PLM

Quick-Start für digitale Transformation

Aras bietet ab sofort einen PLM-Quick Starter an. Auf Basis der unternehmenseigenen Software Innovator soll das neue Produkt Unternehmen im produzierenden Gewerbe dabei unterstützen, über die verschiedenen Stationen des Produktlebenszyklus hinweg...

mehr...

ERP

Evolution des ERP

 „Wer 2018 auf der Gewinnerseite stehen will, muss sein Geschäftsmodell digitalisieren bevor das Geschäftsmodell des Wettbewerbs an einem vorbeizieht.“ Diesen Tipp geben die Mainzer ERP-Experten von godesys allen Unternehmen, die ihre Firmenabläufe...

mehr...