Produktionssysteme

Lässt sich Kreativität managen?

Technische Lösungen sind (fast) immer ein Kompromiss. So lassen sich auch die vielen Vorteile von PDM-Systemen nur nutzen, wenn der Anwender weitestgehend systematisch vorgeht. Gerade in frühen Phasen der Entwicklung – wenn Kreativität gefragt ist – wird dies oft als Belastung empfunden. Mit den so genannten Workspaces will Contact Software dieses Dilemma lösen und Kreativität fördern, dabei aber den Weg in die PDM-Strukturen ebnen. Wie das geht, erläutert Dr. Roland Drewinski, Leiter Marketing und Mitglied der Geschäftsleitung, im Gespräch mit dem CAD-CAM-Report.

CCR: Dr. Drewinski, Sie sprechen von Creativity Management. Warum wollen Sie Kreativität managen?

Drewinski: Die Initiative ‚Deutschland – Land der Ideen‘ betont unter anderem Einfallsreichtum und visionäres Denken als Stärken des Standorts Deutschland. Gleichzeitig wird aus dem ‚made in Germany‘ immer häufiger ein ‚engineered in Germany‘. Das heißt, die Fähigkeit, aus guten Ideen auch marktfähige Produkte zu entwickeln, wird immer wichtiger. PDM-Systeme unterstützen ihre Anwender bereits dabei, Produkte schneller zu entwickeln und dabei die Kosten zu kontrollieren sowie technische und gesetzliche Vorschriften einzuhalten – also Compliance-Anforderungen zu erfüllen. Zusätzlich geht es jetzt darum, insbesondere in frühen Entwicklungsphasen Freiräume zu schaffen und zu erhalten, die den Ingenieuren ein kreatives Arbeiten erleichtern. Mit unserer neuen, offenen Architektur für die kollaborative Produktentwicklung – den Workspaces – können wir das technisch umsetzen. Bildlich gesprochen lassen wir dem Anwender so viele Freiheiten wie möglich, bilden aber gleichzeitig ‚Leitplanken‘, um die Umsetzung in ein marktfähiges Produkt abzusichern.

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CCR: Sie bieten also eine Art Spielwiese für die Ingenieure?

Drewinski: Exakt, wir wollen die Selbstorganisation fördern und unterstützen persönliche Arbeitsbereiche – ohne aber auf hilfreiche Funktionen aus der gemeinsamen PDM-Umgebung zu verzichten. Denn auch in den frühen Entwicklungsphasen spielt beispielsweise Teamarbeit eine entscheidende Rolle. Ein Workspace lässt sich im unternehmensweiten PDM-Repository bekanntmachen und zwischen den Mitgliedern eines Teams synchronisieren. Wann und in welchem Umfang die angesprochenen Leitplanken wirken sollen, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem der Branche. Anlagenbauer haben hier mehr Spielraum als etwa Unternehmen der Medizintechnik. Auch die Unternehmenskultur spielt hier mit hinein – das macht das Product Lifecycle Management so vielschichtig und spannend.


CCR: Das heißt auch, dass die ‚Leitplanken‘ den Spielraum umso weiter einengen, je weiter ich mich dem realen Produkt nähere ...

Drewinski: ... um dann problemlos die Daten im PDM-System freizugeben und für Folgeprozesse bereitzustellen. Ganz wichtig dabei ist, dass etwa Regularien zu Prüfroutinen, Pflichtfeldern und so weiter erst dann greifen, wenn sie notwendig sind. In den frühen Phasen würde dies die Prozesse eher behindern – und sie sind sogar unnütz, wenn ich weiß, dass drei von vier Ansätzen doch wieder verworfen werden. Deswegen ist ein zentraler Gedanke hinter den Workspaces der, die Selbstorganisation zu fördern und zu unterstützen. So können beispielsweise Mitarbeiter oder Teams die Ablagestruktur für ihre Daten entsprechend der eigenen Aufgabenstellung wählen. Sukzessive und mit dem Fortschreiten des Reifegrads der Produktdaten greifen dann bestimmte PDM-Systematiken.


CCR: Wann ist das der Fall?

Drewinski: Spätestens dann, wenn Ergebnisse oder Teilergebnisse der Entwicklung in Folgeprozessen benötigt werden. Das kann dann natürlich nur ein verlässliches Repository leisten, in dem Daten geltungsgesichert und für bestimmte Zwecke freigegeben vorliegen. Zudem müssen dann Objekte mit anderen Geschäftsobjekten verbunden und beispielsweise eine etwaige besondere Nummerungssystematik angeworfen werden. Wichtig ist immer die richtige Balance: All das lohnt sich erst, wenn es für die jeweilige Aufgabe hilfreich ist.


CCR: Wie lässt sich das alles systemtechnisch umsetzen?

Drewinski: Das war eine große Herausforderung für uns. Es gibt mit Versionskontrollsystemen, beispielsweise in der Software-Entwicklung, Ähnlichkeiten – das reicht allerdings noch nicht aus. Es galt, die Besonderheiten der zu integrierenden Autorensysteme wie CAD von Anfang an zu berücksichtigen. Außerdem sahen wir uns vor die Aufgabe gestellt, eine offene technische Architektur zu entwickeln, die das nahtlose Zusammenspiel mit dem zentralen Repository der Produktdaten – unser System CIM Database ist da nur ein Beispiel – sicherstellt. In diesem Zusammenhang haben wir auch unsere CAD-Schnittstellen grundlegend umgestaltet. Am Ende stand ‚nur‘ ein neues Release unsere PDM-Plattform CIM Database, wobei das Release-Update zugegebenermaßen merklich aufwändiger ist als in der Vergangenheit.


CCR: Inwiefern wurden die CAD-Schnittstellen umgestaltet?

Drewinski: Ein Teil der bisherigen Funktionen – beispielsweise Sammeloperationen – sind nun nicht mehr in der CAD-Schnittstelle hinterlegt, sondern sie werden vom Workspace-Manager zur Verfügung gestellt. Einer der Vorteile ist, dass wir dadurch unabhängiger vom jeweils eingesetzten CAD-System werden. Besonders in Multi-CAD-Umgebungen ist das sehr hilfreich.


CCR: Was verlangt der Einsatz der Workspaces vom Anwender?

Drewinski: Mehr Freiheitsgrade bedingen natürlich ein Plus an Verantwortung, vor allem hinsichtlich der Ablage und Konstruktionssystematik. Schulungen und so genannte Best Practices sind hier hilfreich. Mehr Möglichkeiten erfordern eben auch mehr Vorbereitung, um das Konzept entsprechend sinnvoll nutzen zu können. Für die Anwender ist es zunächst aber immer ein Highlight, diese Freiheiten bei der Arbeitsorganisation zu haben – das entspricht eher ihrer Arbeitsweise. Der Pilotkunde Recaro Aircraft Seating bestätigt beispielsweise, dass sich CAD- Daten nun lokal und deutlich schneller bearbeiten lassen. Zusammen mit der Übersichtlichkeit des Workspace Managers verschaffe das den Konstrukteuren mehr Freiraum für das Wesentliche: Innovationen.


CCR: Es gibt demnach aber nach wie vor einen gewissen Widerspruch zwischen Kreativität und Management?

Drewinski: Ja, aber mit den Workspaces hat der Anwender bessere Möglichkeiten, damit umzugehen. Denn mit diesem Konzept kann man sich zunächst von den Anforderungen eines PDM-Systems lösen, ohne es aus den Augen zu verlieren – um so seine Vorteile im weiteren Verlauf der Entwicklung nutzen zu können. Das Konzept spiegelt damit die Erfahrungen aus zahlreichen Kundenprojekten wider, dass Managementperspektive und notwendige Freiräume miteinander verbunden werden müssen. Auf die Balance kommt es an – Menschen, Organisation und Technik müssen Hand in Hand gehen.

Interview: Michael Corban, CAD-CAM Report

Contact Software GmbH, Bremen Tel. 0421/20153-0, http://www.contact.de

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