Produktionssysteme

„Der Markt bekommt nicht die Produkte, die er will“

Der PDM/PLM-Hersteller Contact Software kämpft nachdrücklich für mehr Offenheit der CAD-Systeme und Schnittstellen. Gegen zwei führende CAD-Anbieter hat er in Brüssel Beschwerde wegen Wettbewerbsbehinderung eingelegt. Der CAD-CAM REPORT sprach mit Geschäftsführer Karl Heinz Zachries über die Aktion, die auf dem diesjährigen Prostep-iViP-Symposium für Gesprächsstoff sorgte.

CCR: Herr Zachries, warum engagieren Sie sich jetzt so für das Thema Offenheit. Ist das nicht immer schon ein Problem gewesen?

Zachries: Dass sich die CAD-Hersteller verschließen, hat es in dieser Form früher nicht gegeben. Damals arbeiteten sie sehr gerne mit Partnern zusammen. Das hat sich aber mit den rückläufigen CAD-Umsätzen geändert. Einige CAD-Hersteller versuchen seitdem, ihre Vormachtstellung im CAD-Umfeld auch auf den PDM-Markt auszuweiten und bieten ihre Schnittstellen neutralen Anbietern nicht mehr mit vollem Funktionsumfang an, damit die Kunden ihre eigenen PDM-Lösungen kaufen.


CCR: Es hat aber doch jeder CAD-Hersteller eine API, über die man die Integration bewerkstelligen könnte?

Zachries: Offiziell sind die Produkte alle wunderbar offen, aber wenn man im Detail analysiert, welche Funktionen konkret zur Verfügung stehen – um beispielsweise die Strukturen einer CAD-Baugruppe auszuwerten –, ist das eben eingeschränkt. Dadurch werden Drittanbieter benachteiligt beziehungsweise sie müssen einen Mehraufwand treiben oder Umgehungslösungen schaffen. Dies schadet am Ende den Kunden, weil weniger Wettbewerb zu schlechteren Lösungen führt.

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CCR: Die CAD-Hersteller argumentieren, dass ihre Systeme immer mehr Funktionalität enthalten und sie nicht den Zugriff auf alle diese Funktionen ermöglichen können beziehungsweise dass sie ihr geistiges Eigentum schützen wollen.

Zachries: Als Unternehmer der Software-Industrie kann ich die Argumentation inhaltlich nachvollziehen. In erster Linie muss es aber um den Schutz der Interessen der Kunden und Anwender von CAD-Software gehen. Sie haben viele Milliarden in ihre CAD-Modelle investiert und nun wird ihnen die Auswertung und Weiterverarbeitung des eigenen Know-hows mit vorgeschobenen Argumenten verwehrt. Wenn man sich anschaut, was da genau geschützt werden soll, sind das häufig primitive Funktionen. Man braucht ja nicht den Zugriff auf spezielle Features eines CAD-Modells, um die CAD-Daten in unternehmensweiten Prozessen nutzen zu können.


CCR: Haben Sie, bevor Sie rechtliche Schritte unternommen haben, versucht, sich mit den CAD-Herstellern auf einen bestimmten Basisumfang für die Schnittstellen zu verständigen?

Zachries: Zunächst möchte ich richtigstellen, dass wir keine rechtlichen Schritte unternommen haben, sondern eine Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht haben, die nun darüber zu befinden hat, ob ein kartellrechtlicher Verstoß vorliegt. Vorher haben wir uns natürlich bemüht, mit den Herstellern darüber zu reden – aber die haben gar kein Interesse daran. Deren Zielsetzung ist es, Dritten nicht die Möglichkeit zu geben, gute Schnittstellen-Lösungen zu entwickeln.


CCR: Um mit der Beschwerde Erfolg zu haben, muss eine marktbeherrschende Stellung der betreffenden Unternehmen vorliegen. Ist die gegeben?

Zachries: Das hängt natürlich davon ab, welche Märkte man betrachtet. Ich bin überzeugt, dass bestimmte Anbieter im 3D-CAD-Markt eine marktbeherrschende Stellung einnehmen.


CCR: Wie lange schätzen Sie wird es dauern, bis eine Entscheidung fällt, und wie könnte die aussehen?

Zachries: Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich glaube nicht, dass so drakonische Maßnahmen ergriffen werden wie im Falle von Microsoft. Mir geht es vor allem darum, dass das Problem überhaupt aufgegriffen wird, denn der Markt und die Kunden bekommen nicht mehr die Produkte, die sie benötigen. Die Ablösung von CAD-Systemen ist per se auch keine Lösung für die Industrie. Sie verschlingt hohe Zusatzkosten, dauert viele Jahre und liefert keinen Mehrwert bezüglich der CAD-Funktionen.

CCR: Wie könnte aus Ihrer Sicht ein möglicher Kompromiss aussehen?

Zachries: Das geht in die Richtung, die der Prostep-iViP-Verein mit dem Kodex für Offenheit – ‚Codex of PLM Openness‘ – anstrebt: Dass man in der Industrie einen bestimmten, sinnvollen Schnittstellen-Umfang abstimmt, den die Systemhersteller bereitstellen müssen. Das wäre eine technisch gute Lösung und entspricht eigentlich den ursprünglichen Versprechen der CAD-Hersteller.


CCR: Herr Zachries, wir danken für das Gespräch.


Das Gespräch führte Michael Wendenburg, freier Mitarbeiter des CAD-CAM REPORTs.

Contact Software GmbH, Bremen Tel. 0421/20153-0, http://www.contact.de

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