Produktionssysteme

Licht aus – Spot an

G
leich 16 Entwicklungsstandorte auf drei Kontinenten – im Reich der Produktentwicklung von Automotive Lighting geht die Sonne nicht unter, obwohl die Firma genau damit ihr Geld verdient. Sie ist einer der größten Hersteller von Scheinwerfern und Rückleuchten für Automobile. Seit auch Malaysia an den PLM Backbone CIM Database angebunden ist, können die Mitarbeiter theoretisch rund um die Uhr an einem Projekt arbeiten.


Den Anfang machte BMW mit den beiden Lichtringen, an denen man die Fahrzeuge der Marke schon im Rückspiegel erkennen konnte. Andere Automobilhersteller folgten: „Die Beleuchtungstechnik hat sich in den letzten Jahren zu einem ungemein wichtigen Gestaltungselement und Unterscheidungsmerkmal des Automobils entwickelt“, erklärt Dietmar Schönettin, Leiter der Mechanik-Entwicklung bei der Automotive Lighting Reutlingen GmbH. „Wir sind Diener zweier Herren, deren Anforderungen sich nicht immer decken. Die Stylisten wollen einen schönen Scheinwerfer machen, die Lichttechnik besonders gutes Licht auf die Straße bringen.“

Die ersten elektrischen Scheinwerfer leuchteten in Reutlingen vor mehr als 100 Jahren auf. Die dort ansässige Bosch Lighting K2 wurde 1999 in ein Joint Venture mit Magneti Marelli eingebracht. Seit 2003 ist Automotive Lighting eine hundertprozentige Tochter der zum Fiat-Konzern gehörenden Magneti Marelli-Gruppe. Mit weltweit über 15.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2012) ist Automotive Lighting einer der größten Hersteller von Scheinwerfern und Rückleuchten weltweit.

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Die wachsende Bedeutung der Beleuchtungstechnik für das Styling führt dazu, dass die Produktentwickler bei Automotive Lighting sehr früh in die Entwicklungsprojekte der OEMs eingebunden sind, um die technische Machbarkeit der Designentwürfe zu beurteilen oder – was vor allem bei den asiatischen Kunden oft vorkommt – eigene Vorschläge zu entwickeln. LED-Leuchten, die in den Fahrzeugen der Mittelklasse heute noch zur Sonderausstattung gehören, werden künftig flächendeckend eingesetzt.

Dank LED-Technik und intelligenter Lichtsteuerung werden die Scheinwerfer zu komplexen mechatronischen Produkten, wie Schönettin erläutert: „Während ein Halogen-Scheinwerfer typischerweise 20 bis 30 Bauteile hatte, sind zum Beispiel beim neuen Mercedes CLS-Scheinwerfer 350 Teile verbaut. Das zeigt die wachsende Komplexität! Wir haben heute bei einem Scheinwerfer einen drei- bis viermal so hohen Entwicklungsaufwand als vor zehn Jahren.“

Standortübergreifende Projekte

Um die Entwicklungszyklen zu verkürzen und Kosten zu sparen, setzt Automotive Lighting seit einigen Jahren konsequent auf global verteilte Entwicklungsressourcen. „Wenn wir nur noch in Deutschland entwickeln würden, bekämen wir keine Aufträge mehr“, meint Schönettin. Die Konstrukteure an den anderen Standorten übernehmen bestimmte Entwicklungsumfänge und müssen deshalb online und in Echtzeit auf die Daten aus Reutlingen zugreifen können. Aber nicht nur sie. Die Scheinwerfer werden oft vor Ort gefertigt, so dass auch die Kollegen in Produktion und Qualitätssicherung für ihre Dokumentation Daten aus Reutlingen benötigen. Vor diesem Hintergrund entschied sich Automotive Lighting im Jahr 2010, CIM Database global auszurollen.

Die PLM-Lösung von Contact Software ist in Reutlingen bereits seit Ende der 90er Jahre im Einsatz und unterstützt schon länger die Zusammenarbeit der deutschen und tschechischen Standorte bei gemeinsamen Projekten, so dass man hier kein Neuland betrat. An den anderen Standorten speicherten die Anwender ihre Daten nach unterschiedlichen Nummernsystematiken auf Datei-Servern oder in lokalen PDM-Systemen: „Um zusammenarbeiten zu können, mussten wir mit diesen Standorten wie mit Kunden Daten austauschen „, erläutert Andreas Neugum, Leiter der PDM-Administration bei Automotive Lighting.

Global einheitliche Standards

Auf die Migration der Altdatenbestände verzichtete Automotive Lighting beim weltweiten Roll-out, da der Aufwand zu groß gewesen wäre, weshalb nur neue Projekte in CIM Database angelegt werden. Die Standorte behalten im Prinzip auch ihre Nummernsysteme bei, die aber soweit vereinheitlicht wurden, dass alle jetzt mit einem zwölfstelligen Nummernschlüssel arbeiten. Dieser Schlüssel ist nicht nur im PDM-System, sondern auch für das ERP-System von SAP maßgeblich. Die Anwender können Gleichteile von anderen Standorten in ihren Stücklisten verwenden – auffindbar sind diese Teile über eine einheitliche Klassifizierung mit entsprechender Benennung: „Ein Gehäuse ist überall ein Gehäuse“, sagt Neugum.

Neue Artikel und Stücklisten werden bei Automotive Lighting grundsätzlich in CIM Database angelegt, wobei sich ein separates Team um die Pflege der Stücklisten kümmert. In Ermangelung eines unternehmensweiten ERP-Systems fungiert das PDM-System gewissermaßen als Bindeglied zwischen den verschiedenen SAP-Instanzen. CIM Database verwaltet die Stücklisten werkspezifisch und übergibt sie ab einem bestimmten Freigabestatus automatisch an die Standorte, die sie um die kaufmännischen Informationen ergänzen. Dabei erlaubt es die Schnittstelle, bestimmte Informationen aus dem ERP- an das PDM-System zurückzuspielen, beispielsweise welche Zukaufteile an einem bestimmten Standort verbaut werden.

Im Zuge des weltweiten Roll-out werden auch die in Deutschland und Tschechien erprobten Workflows an den anderen Standorten implementiert. „Ohne diese Vereinheitlichung kann die Zusammenarbeit nicht funktionieren“, betont Neugum. Die Fachbereiche haben im PDM-System zum Teil hochkomplexe Workflows abgebildet, beispielsweise für die stufenweise Freigabe von elektronischen Bauteilen, die von mehreren Abteilungen abgesegnet werden muss. Diese Workflows sollen künftig für alle Standorte verbindlich sein. Im Falle des Änderungs-Workflows sind allerdings Anpassungen erforderlich, so Neugum, da man die Änderungsnummer normalerweise aus dem ERP-System bezieht, das aber noch nicht an jedem Standort im Einsatz ist.

Die Anwender in der Mechanik-Entwicklung bei Automotive Lighting arbeiten mit den CAD-Systemen Catia und NX, die über Standardschnittstellen an das PDM-System angebunden sind. Die ECAD-Systeme von Orcad und Mentor sind derzeit noch nicht über Schnittstellen integriert – die Daten können aber in den Projektordnern des PDM-Systems abgelegt und standortübergreifend zugänglich gemacht werden.

Effektiver Know-how-Schutz

CIM Database ist mittlerweile an 12 der 16 Standorte im produktiven Einsatz – die restlichen sollen bis Ende 2014 scharf geschaltet werden – und wird von 850 Anwender in Entwicklung, Fertigungsplanung, Einkauf und Qualitätssicherung genutzt. In der Endausbaustufe werden rund 1.500 Mitarbeiter mit dem PDM-System arbeiten, schätzt Neugum. Technisch sei die Anbindung neuer Standorte eine Sache von zwei, drei Tagen, aber natürlich müssten erst die Anwender geschult werden. Automotive Lighting nutzt ein zweistufiges Schulungskonzept mit intensiver ausgebildeten Key Usern, die dann die anderen Anwender an das PDM heranführen.

Installiert ist das PDM-System als normale Client-Server-Lösung mit einem zentralen Datenbank-Server in Italien, der in einer privaten Cloud gehostet wird. Die anderen Standorte greifen über die Edge-Server-Technologie von Contact auf die Metadaten zu, während sie ihre Catia- und NX-Daten sowie andere entwicklungsrelevante Dokumente auf lokalen Servern verwalten. Bei standortübergreifenden Projekten werden die gemeinsam genutzten Daten über Nacht an den anderen Standort repli

ziert, „wobei Nacht ein relativer Begriff ist“, so Neugum: „Seit der Anbindung von Malaysia ist an irgendeinem unserer Standorte immer Tag.“ Alle anderen Daten werden nur auf Anfrage via Vault-Replikation an andere Standorte übertragen, sofern der Benutzer sie überhaupt sehen darf.

Automotive Lighting hat ein ebenso einfaches wie effektives Rollen- und Rechtekonzept aufgebaut, in dem das Projektmanagement von CIM Database eine Schlüsselrolle spielt. Grundsätzlich dürfen die Anwender nur die Daten ihres Standorts einsehen, es sei denn sie sind in ein standortübergreifendes Projekt eingebunden. Dann muss es aber am jeweiligen Standort einen verantwortlichen Teamleiter geben, der seine Mitarbeiter anmeldet. Ohne diese Berechtigung werden überhaupt keine Daten an den Standort übertragen. Eben weil Automotive Lighting schon in der Stylingphase eng mit den OEMs zusammen arbeitet, ist der Datenschutz beziehungsweise der Schutz vor Industriespionage für die Firma ein ganz wichtiges Thema.

Optimierung der Innovationsprozesse

Fast alle Anpassungen an Workflows, Nummernsystematik et cetera haben die Systemadministratoren selbst vorgenommen, obwohl das Team nur – gemessen an der Größe der Installation – aus vier Mitarbeitern besteht. Einer der großen wesentlichen Vorteile von

CIM Database sei, dass man die Software dank der leistungsstarken Entwicklungsumgebung mit wenig Aufwand anpassen und erweitern könne, sagt Neugum, der schon mit verschiedenen anderen PDM-Systemen Erfahrungen gesammelt hat: „Wenn nicht gerade ein größeres Update ansteht, kommen wir mit wenigen externen Dienstleistungstagen pro Jahr aus.“ Hervorzuheben sei auch, dass Contact sehr flexibel auf Kundenanforderungen reagieren kann, ergänzt Schönettin.

Die bessere Vernetzung der Standorte über CIM Database und die Möglichkeit, online auf gemeinsame Daten zuzugreifen, versetzt die Firma in die Lage, ihre global verteilten Entwicklungsressourcen effizienter zu nutzen und ihre Produkte kostenoptimiert zu entwickeln, wie Schönettin weiter ausführt. Die unternehmensweite PDM-Plattform erleichtert die Teilewiederverwendung, die aufgrund der wachsenden Vielfalt der Fahrzeugmodelle und der rückläufigen Stückzahlen ein

en wichtigen Beitrag zur Kostenreduktion leistet. Außerdem unterstützt sie als zentrale Wissensquelle den Innovationsprozess im Unternehmen. -sg-


Michael Wendenburg, Sevilla

www.wendenburg.net

Contact Software GmbH, Bremen, Tel. 0421/20153-0, http://www.contact.de

Automotive Lighting Reutlingen GmbH, Reutlingen, Tel. 07121/35-6000, http://www.al-lighting.com


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