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Expresso-Chef Dr. Alexander Bünz im interview

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Expresso-Chef Dr. Alexander Bünz"Die Macht des Scheiterns positiv nutzen"

Im Juli 2015 übernahm Dr. Alexander Bünz die Geschäftsführung des renommierten Intralogistik-Herstellers Expresso. Seitdem verblüfft er Mitarbeiter und Wettbewerber immer wieder mit unkonventionellen Ideen. Anlässlich der diesjährigen Motek-Teilnahme äußert er sich zum ersten Mal öffentlich über sein Bild vom Wettbewerb, seine strategischen Ansätze für die Produktentwicklung und die zukünftige Positionierung des Unternehmens. Das etwas andere Interview.

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Dr. Alexander Bünz

Herr Dr. Bünz, Sie sind jetzt seit etwas mehr als einem Jahr als neuer CEO von Expresso im Amt. Unter welchen Vorzeichen und mit welchen Zielsetzungen haben Sie Ihre Arbeit aufgenommen?

Bünz:
Ich sehe Expresso als hochinnovativen Premiumhersteller mit einem enormen Entwicklungspotential in den Marktsegmenten Intralogistik, Handhabungstechnik und Verladetechnik. Dabei bietet die Firmenphilosophie der Joachim Loh Unternehmensgruppe (JLU) das ideale Umfeld und die nötigen Freiräume, um dieses Potenzial voll auszuschöpfen. Beides sind wichtige Grundvoraussetzungen für meine Arbeit. Denn es eröffnet mir nicht nur die Möglichkeit, meine Erfahrungen aus anderen Branchen und Technikwelten einzubringen, sondern auch die Leitidee meines unternehmerischen Wirkens „Think-Act-Be: Different!“ in der konkreten Realität eines dynamischen Wettbewerbsumfeldes anzuwenden.

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Wie reagieren denn Ihre „realen Wettbewerber“ auf dieses recht unkonventionelle Handlungsprinzip?

Bünz: Ich denke, die ersten Wettbewerber verfolgen die Veränderungen bei Expresso bereits mit großem Interesse und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Dazu muss man wissen, dass wir bei Expresso eigentlich gar nicht mehr von Wettbewerbern oder gar Konkurrenten sprechen, sondern eher von Marktbegleitern. In dieser Umdeutung kommt eine vielleicht etwas ungewohnte Sichtweise zum Ausdruck, mit der wir nicht nur unser Selbstbewusstsein als einer der Technologierführer in unseren Marktsegmenten zur Geltung bringen wollen, sondern auch für ein anderes, ein neues Verständnis im Miteinander werben. Dieses Angebot richtet sich nicht nur nach innen – an unsere eigenen Mitarbeiter – sondern vor allem nach außen – also an unsere Marktbegleiter.

Welche praktischen Auswirkungen hat denn dieses Angebot im Umgang mit Ihren Wettbewerbern bzw. Marktbegleitern?

Bünz: Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich eine weitausgrößere Hochachtung vor jenen Sportlern empfinde, die – den eigenen Sieg vor Augen – einem Mitstreiter in plötzlicher Not die Hand reichen und zur Seite springen, statt dessen Schwäche als Vorteil für sich zu nutzen. Überträgt man dieses Bild ins Geschäftsleben, so kann das zu einem Paradigmenwechsel führen: Gehen wir aufeinander zu, reiben wir uns nicht in ruinösen Preiskämpfen oder kleinlichen Patentstreitigkeiten auf, die am Ende alle Beteiligten schwächen, sondern entdecken wir unsere Gemeinsamkeiten und Ergänzungen. Aus diesem Ansatz können Win-Win-Kooperationen entstehen, die es allen Mit-Gestaltern ermöglichen, die eigenen Produkte zu verbessern und schneller in den Markt zu bringen. Ein weiteres Beispiel wäre die Ergänzung des eigenen Leistungsspektrums durch Produkte eines Wettbewerbers – ganz direkt oder etwa als Empfehlung dieser Add-On-Produkte beim Kunden.

Erfordert aber ein solcher „Paradigmenwechsel“ von allen Beteiligten nicht ein sehr grundlegendes Umdenken und außerdem die Bereitschaft, sehr langfristig zu agieren?

Bünz: Wieso? Wir können sofort damit beginnen! Bei Expresso läuft dieser Prozess ja bereits seit einigen Monaten. Und während meiner verantwortlichen Tätigkeiten in anderen Branchen wie etwa der Labormesstechnik oder der Sensortechnik konnte ich erleben, dass von einem solchen Paradigmenwechsel letztlich alle Beteiligten profitieren. Immer wieder hat sich gezeigt, dass mit dieser positiven Grundhaltung die eigene Energie und die eigene Leidenschaft im „Wettbewerb“ eine viel effizientere Wirkung entfalten als bei einem aufreibenden Gegeneinander. Aber selbstverständlich ist mir auch bewusst, dass das erforderliche Umdenken einen Lernprozess voraussetzt. Und der braucht mitunter Zeit und beinhaltet auch die Option, Fehler zu machen.

Die Option Fehler zu machen? Das wird in vielen Unternehmen heute aber gar nicht gern gesehen…

Bünz: Weil viele immer noch falsch mit Fehlern und Misserfolgen umgehen. Wir alle wissen längst, dass wir aus unseren Fehler lernen und so selbst die größten Herausforderungen meistern. Dennoch sperren sich vielen Firmen nach wie vor dagegen, diese Erkenntnis zuzulassen und positiv umzusetzen. Nachdenken, wagen, handeln, scheitern, verändern, einen neuen Versuch starten, um dann schließlich erfolgreich zu sein! Wir sollten unsere Fehler also eher feiern als sie zu vertuschen, um so die Macht des Scheiterns für uns positiv zu nutzen!

Das klingt mutig. Wie wollen Sie denn diese Vorstellung Ihren Wettbewerbern vermitteln?

Bünz: Nun, in erster Linie muss das jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden und in Gang setzen. Wir von Expresso möchten aber dazu einladen. Wichtig ist: Damit der Lernprozess und das Umdenken Früchte tragen können, reicht es nicht aus, nur von der Bedeutung einer Fehlerkultur zu sprechen, um es dann den Führungskräften zu überlassen, die eigenen Mitarbeiter dafür zu sensibilisieren. Viel wirkungsvoller und effizienter ist es, über die eigenen Fehler regelmäßig ganz offen – und durchaus begeistert – zu reden. Wenn Sie als Unternehmer oder Vorgesetzter über ihre Ziele berichten und darlegen, welche Risiken Ihnen Sorge bereiteten, was zwischendurch oder am Ende grandios schief lief und was Sie daraus gelernt haben, dann ist die praktische Wirkung geradezu fantastisch: Sie ernten großen Respekt und hohe Glaubwürdigkeit, und werden zum Vordenker, der seinen Mitarbeitern zeigt, wie sie ihren ganz eigenen Weg zu einer Problemlösung finden. Und Sie werden plötzlich sehen, was in Ihren Leuten steckt. Die Bereitschaft, Fehler zu riskieren und über diese freimütig zu sprechen, ist meines Erachtens eine entscheidender Impulsgeber für technische Innovationen und für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Was bedeutet denn das „Think-Act-Be: Different!“ mit den sich daran anschließenden Lernprozessen beispielsweise für Ihre Produktentwickler in Intralogistik und Handhabungstechnik?

BalanceLift  Expresso

Bünz: Ganz konkret können das die Besucher der diesjährigen Motek auf unserem Messestand 322 in Halle 7 in Augenschein nehmen. Dort zeigen wir neben den neusten Ausführungen unserer mobilen Ladelifte lift2move auch weitere Innovationen aus der Produktgruppe der pneumatischen und elektrischen BalanceLift-Systeme sowie Exponate, die unsere Flexibilität im Bereich der Greifer dokumentieren. Viel wichtiger ist es mir aber an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass unsere Produktentwicklung zukünftig eher iterativ und „spielerisch“ agieren wird als auf die traditionelle Weise alles sequentiell abzuarbeiten. Dadurch werden wir noch innovativer und kundenorientierter.

Noch ein neuer Ansatz! Wie dürfen wir uns das jetzt praktisch vorstellen?

lift2move Expresso

Bünz: Kinder basteln gerne und probieren Neues aus. Sie folgen keinem Plan, sondern agieren vielmehr kreativ und lassen aus Ideen „Produkte“ werden. Wissenschaftler nennen diese Herangehensweise „Design Thinking“. Für uns heißt das, von Beginn an gemeinsam mit dem Kunden – oder wenigstens aus dessen Perspektive – auf die Aufgabe zu schauen. Aus ersten Ideen werden dann rasch, spielerisch und mit hoher Frequenz Muster erstellt, wieder verworfen und weiter verbessert. Iterativ und in ständiger Rückkopplung mit dem Kunden steht am Ende dieses Prozesses eine meist überraschend andere, aber extrem passgenaue Lösung für den Kunden. Dabei führen die auf den ersten Blick scheinbar aufwändigen Korrektur- und Iterationsschleifen viel schneller zum Ergebnis als die geradlinige Entwicklung, die stur und recht unflexibel nach Plan am Ende ein Produkt „ausspuckt“. Als wunderbaren Nebeneffekt bietet dieser Prozess die Chance, verschiedene technische Disziplinen in spielerischer Form zusammenzubringen und gemeinsam große Freude zu empfinden, wenn aus der Vielfalt der Ideen eine erfolgreiche Lösung entstanden ist.

Aber arbeiten nicht viele Entwicklungsabteilungen in der Industrie bereits nach diesem Prinzip?

Leo Zugschlepper Expresso

Bünz: Einige schon, aber längt nicht alle. Und selbst wenn wir heute über die technischen Möglichkeiten in der Produktentwicklung dafür verfügen – ich denke hier etwa an die schnellen generativen Formgebungsverfahren – so steht und fällt der gesamte Prozess doch immer noch damit, dem Kunden gut zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen, anstatt zu antizipieren und schnell ein Angebot zu unterbreiten. Diese Erkenntnis ist weder neu noch originell. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es vielen fällt, vom bequemen „kenne ich schon“ zum kreativen „das könnte funktionieren“ zu gelangen. Aufmerksam zuzuhören und strukturiert mit offenen Fragen wirklich den Kern einer Problemstellung zu treffen, um darauf aufbauend passende Lösungen zu generieren, ist eine echte Kunst, die viele erst erlernen müssen. Lassen Sie uns ehrlich sein: Die meisten Menschen fühlen sich wohler dabei, zu antizipieren und bereits Durchdachtes als Vorschlag zu unterbreiten, als sich die Zeit zu nehmen, wirklich zu verstehen, wo sich das Gegenüber gerade gedanklich befindet. Gelingt dies aber, so tun sich Freiräume für neue, innovative Ideen auf. Wer das verstanden hat und umsetzen kann, hat großen Erfolg – insbesondere in Produktentwicklung und Vertrieb. Außerdem liegt darin eine echte Wertschätzung für die Belange des Kunden, aus der wiederum großes Vertrauen und eine nachhaltige, belastbare Geschäftsbeziehung entstehen kann.

Müssen Sie denn bei der Realisierung all dieser neuen Prinzipien und Denkansätze nicht sehr viel Barrieren in den eigenen Reihen überwinden?

Bünz: Viel weniger als ich dachte. Denn wie eingangs schon erwähnt, eröffnet mir die strategische Grundausrichtung der Joachim Loh Unternehmensgruppe (JLU) die nötigen Freiräume zur Umsetzung vieler Prinzipien des „Think-Act-Be: Different!“, und viele meiner engsten Mitarbeiter bei Expresso greifen die neuen Ansätze dankbar und begierig auf. Dabei werden selbst bestehende Geschäftsmodelle hinterfragt, damit Neues und Innovatives entstehen kann. Und ich könnte Ihnen noch viel berichten über neue Vorbilder für die Unternehmenskommunikation, über die positive Auslegung vom „Kopieren“ als echte Alternative zur Neuentwicklung von Produkten und über das Handlungsprinzip „Frugal statt perfekt“…

…was vermutlich genug Gesprächsstoff für ein weiteres Interview wäre. Verraten Sie unseren Lesern doch bitte noch kurz, mit welchen Überraschungen Sie auf Ihrem Motek-Stand rechnen dürfen.

Bünz: Wie bereits angesprochen, bilden Neuheiten und Optimierungen bei den mobilen Ladeliften, dem Handhabungssystem BalanceLift und den Greifern den Mittelpunkt unseres diesjährigen Ausstellungsprogramms auf der Motek in Stuttgart. Außerdem werden wir am Beispiel unseres angetriebenen Schleppsystems LEO zeigen, dass es unser zentrales Anliegen ist, unserem Kunden keinen Aufwand zu verkaufen, sondern einen echten Nutzwert – zur Optimierung seiner innerbetrieblichen Materialflüsse, zur Effizienzsteigerung seiner Handhabungsprozesse oder zur Beschleunigung und Vereinfachung seiner Hebe- und Positionieraufgaben. Außerdem freue ich mich auf einen lebhaften Gedankenaustauch mit unseren Marktbegleitern.

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