Interview mit Dr. C. Thomas Simmons

„Tor zur realen Welt“

Weltweit steigt der Bedarf an Sensoren und Messtechnik als Schlüsseltechnologien in der Automatisierung. Dr. C. Thomas Simmons, Geschäftsführer, AMA Verband für Sensorik und Messtechnik e.V., gibt SCOPE-Redakteurin Evelin Eitelmann einen Überblick über die Branche, deren Trends und Entwicklung.

Dr. C. Thomas Simmons, Geschäftsführer, AMA Verband für Sensorik und Messtechnik e.V.

SCOPE: Herr Dr. Simmons, Sie sind seit 2007 Geschäftsführer des AMA Verbands für Sensorik und Messtechnik. Wie hat sich die Prozesstechnik in den letzten Jahren entwickelt?

Dr. C. Thomas Simmons: Die Innovationszyklen in der Prozesstechnik sind zwar länger als anderswo, aber trotzdem beobachten wir hier in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel in der Sensorik und Messtechnik. Zunehmend spielen „smarte“ Sensorsysteme, die neben der eigentlichen Messgrößenerfassung auch die Signalaufbereitung und Sig-nalverarbeitung in einem Gehäuse vereinigen, eine immer wichtigere Rolle.

Die Zukunft der Prozesstechnik wird komplexer und diese komplexen Prozesse werden durch lernfähige, automatische und rückgekoppelte Systeme wirtschaftlich automatisiert. Durch eine Veränderung in der Informations- und Kommunikationstechnik bieten sich dadurch für die Prozessführung neue Chancen. Zudem vereinfachen „smarte“ Sensoren trotz ihrer Komplexität häufig den Einsatz durch sogenannte „Plug and Play“-Anwendungen. Je mehr „Intelligenz“ in den Sensor in Form anspruchsvoller Signalverarbeitungsalgorithmen integriert wird, desto mehr Möglichkeiten der Selbstüberwachung und Rekonfiguration ergeben sich.

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SCOPE: Der AMA Verband für Sensorik und Messtechnik ist das führende Netzwerk und die Interessenvertretung für die Schlüsselbranche Sensorik. Allerdings stagnieren Ihre Mitgliederzahlen. Woran liegt das?

Dr. Simmons:Unsere Mitgliederzahl ist seit Jahren recht stabil bei rund 480 Mitgliedern aus Industrie und Wissenschaft, obwohl es in der letzten Zeit Konsolidierungstendenzen bei unseren mittelständischen Mitgliedern gab. Zum Teil fusionieren dabei sogar mehr als zwei Unternehmen, um Kräfte zu bündeln. Obwohl die Aussichten für Physiker und Ingenieure in Deutschland sehr gut sind, gibt es auch interessante Neugründungen. Häufig aus dem universitären Umfeld, da man unseren Markt als „nischengetrieben“ bezeichnen kann. Es gibt in allen Bereichen der Industrie enormen Bedarf an sehr spezieller Sensorik und Messtechnik. Sensoren sind für digitale Systeme das Tor zur realen Welt. Wenn ein neues Messverfahren oder ein neuer sensorischer Ansatz Mehrwert verspricht, nimmt der Markt diese sehr schnell an.

SCOPE: Und welche wichtigsten Trends in der Sensor- und Messtechnik beobachten Sie gerade?

Dr. Simmons: Wir beobachten unter anderem, dass der Markt und die Technologie für das Messen chemischer Größen immer mehr Fahrt aufnimmt. Dort hat sich eine Art rückgekoppelte Dynamik eingestellt, wie sie von anderen technischen Gebieten beobachtet wurden: An der Schwelle zur Reife führen beschleunigte technologische Fortschritte immer schneller zu vermehrten Einsatzmöglichkeiten und mehr Nachfrage. Die vermehrte Nachfrage wiederum stimuliert weitere technische Entwicklungen. Die technischen Entwicklungen erhöhen die Einsatzmöglichkeiten und stimulieren somit die Nachfrage und so weiter. Diese spannende Marktdynamik ist insbesondere bei chemischen Sensoren derzeit deutlich zu erkennen.

In automatisierten Prozessen steigt der Einsatz faseroptischer Sensoren, da sie hohe Widerstandsfähigkeit gegen extreme Umwelteinflüsse aufweisen und durch eine niedrige Faserdämpfung Messungen über große Entfernungen ermöglichen. Zudem können Netzwerke gebildet werden, so dass ein faseroptisches Sensorsystem eine gemeinsame Datenleitung benutzt, um mit der zentralen Datenerfassung zu kommunizieren. Durch deren innovative Weiterentwicklung ergeben sich neue Anwendungsfelder in immer weiteren Industriebereichen. Deutlich erkennbar sind eine zunehmende Nutzung hochintegrierter Bauelemente für echtzeitfähige Signalverarbeitung sowie der Einsatz von energieautarken und drahtlos kommunizierenden Sensoren.

Sensoren führen heute Selbstüberwachungen durch und enthalten eigene Kommunikationsschnittstellen. Durch die steigende Leistungsfähigkeit erreicht man eine schnellere Signalverarbeitung bei geringem Rauschen, höhere Auflösung, verringerten Energieverbrauch, höhere zulässige Umgebungstemperaturen und kompaktere Maße.

SCOPE: Wie haben sich die Marktanteile der deutschen Sensorik- und Messtechnikanbieter im internationalen Vergleich entwickelt?

Dr. Simmons: Derzeit gehen wir davon aus, dass heute zwischen 20 und 50 Milliarden Sensoren weltweit im Einsatz sind und diese Zahl sich alle fünf Jahre verdoppelt. Betrachtet man den Umsatz, dann decken deutsche Anbieter über 30 Prozent des weltweiten Bedarfs an Sensoren und Messtechnik ab. Der Wirtschaftszweig Sensorik und Messtechnik gilt weltweit als führend, insbesondere in der Sensorik. Die Exportstärke der deutschen Sensorik und Messtechnik plus die der deutschen Industrie insgesamt führen dazu, dass deutsche Sensorik und Messtechnik zu über 80 Prozent im Ausland eingesetzt wird, entweder als direkt exportierte Ware oder indirekt, verbaut in anderen Produkten.

SCOPE: Welche Umsatzentwicklung erwarten Sie für das aktuelle Jahr für die Branche?

Dr. Simmons: War zu Beginn des Jahres noch eine Verunsicherung in der deutschen Wirtschaft zu spüren, hat sich die Stimmung wieder aufgehellt. Das gilt auch für unsere überwiegend mittelständischen Mitgliedsunternehmen. Unsere Branche startete im ersten Quartal mit drei Prozent Umsatzwachstum und meldete ein Plus von sechs Prozent bei den Auftragseingängen, verglichen mit den Ergebnissen des Vorquartals.

Aktuell gehen unsere Mitglieder davon aus, dass Sensorik und Messtechnik ein Umsatzwachstum von fünf Prozent für das Jahr 2016 insgesamt erwirtschaften wird, verglichen mit den Ergebnissen des Vorjahres.

SCOPE: Vor 1 ½ Jahren äußerten Sie sich gegenüber SCOPE kritisch gegenüber TTIP, unter anderem gaben Sie Ihrer Sorge Ausdruck, dass die Interessen kleiner und mittelständischer Unternehmen nicht angemessen berücksichtigt werden. Wie sehen Sie das heute, wo der genaue Vertragstext ja immer noch nicht vorliegt?

Dr. Simmons: Die Situation hat sich nicht verbessert. So ist zum Beispiel beim Schutz des geistigen Eigentums nichts Gutes zu erwarten. Das diesbezügliche Positionspapier der Europäischen Kommission beschränkt sich ausdrücklich nur auf Inhalte, über die sich die EU und die USA bereits einig sind. Die neueste Entwicklung bei CETA, bei der auf die Ratifizierung durch EU-Mitglieder verzichtet werden soll, wirkt dann auch eher bedrohlich als beruhigend.

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