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EditorialFroes Feschd

„Haben Sie Ihre Rechtschreibkenntnisse bei Neckermann erworben?“ Leserbriefe wie dieser (die Formulierung hat mich damals besonders getroffen) kamen früher regelmässig nach Erscheinen einer neuen Ausgabe in die Redaktion. In dieser war die Reaktion stets einhellig: Ja haben denn die Leser nichts anderes zu tun, als an der inhaltlich genialen, pulitzerpreis-verdächtigen Reportage, die der Schreiber kurz vor dem Start der Druckmaschinen im Schweiße seines Angesichts noch auf die Druckplatten gemeißelt hat, nach banalen Rechtschreibfehlern zu suchen? Heute kommen sie nur noch sehr, sehr selten.

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Editorial: Froes Feschd

Zum einen wurden die meist notorisch unterbesetzten Fachzeitschriften-Redaktionen mit einem Lektor ausgestattet – dem Word Rechtschreibprogramm. Das beherrscht zwar die deutsche Grammatik nicht besonders gut, ist aber bei Rechtschreibfehlern ganz passabel.

Zum anderen spielt sicher die erhebliche Unsicherheit, die die Rechtschreibreform von 1996 und die Reform der Reform von 2006 mit sich brachten, eine Rolle: Aus eindeutigen Regeln wurde ein sowohl als auch (Firmen können heute pleitegehen, aber auch Pleite gehen).

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Daher schreiben die Meisten heute 80 Prozent nach neuen oder alten Regeln und den Rest „gefühlt“ richtig. Und unsere Schüler bekommen dieses „gefühlt richtig“ tatsächlich so beigebracht – die lernen erst mal gar keine Rechtschreibung mehr. Schulanfänger sollen sich mit so genannten Anlauttabellen quasi das Lesen und Schreiben selbst beibringen, wie mir eine Kollegin erklärte. Ihr Sohn lernt seit September ebenfalls nach dieser Erfindung des Reformpädagogen Jürgen Reichen.

Auf der Anlauttabelle abgebildet sind Motive und deren Anfangsbuchstaben: Au wie Auge und Ei wie Eis. Aus den Lauten können die Kinder dann nach Gehör Wörter bilden: „Seba lesn leanen.“

So sollen die Schüler motiviert werden. Die Kinder würden dadurch sehr schnell ihre Hemmungen, einen Fehler zu machen, ablegen und ganze Geschichten innerhalb weniger Wochen schreiben (Ein Metchen reided in den Walt und sit einen Jegr). Die Lehrer dürfen, die Eltern sollen die Kinder nicht korrigieren, sondern „sie motivieren“, wie mir die Kollegin erklärte. Ab der dritten Klasse soll dann spielerisch die richtige Schreibweise vermittelt werden, je nach individueller Auffassungsgabe des Kindes. Allerdings – etliche Kinder haben sich dann aber so an das Schreiben nach dem Alles-ist-erlaubt-Prinzip gewöhnt, dass sie nicht mehr die Kurve kriegen. Resultat: Es gibt heute viel mehr Kinder mit Rechtschreibschwächen als früher. Und – wenn ein Kind Legastheniker ist, wird das frühestens in der dritten Klasse entdeckt.

Aber Hauptsache, der Erfolgsdruck auf die Kinder – und auf die Lehrer damit natürlich auch – ist endlich weg. Zum Problem wird diese Entwicklung, von Kindern so viel Druck fernzuhalten so lange es geht, wenn sie dann ins wahre Leben eintreten. Denn in der Gesellschaft wächst der Leistungsdruck im selben Verhältnis, wie er in der Kindheit abnimmt.

Wissen Sie was? Heute vermisse ich diese Leserbriefe. In diesem Sinne wünscht Ihnen das gesamte SCOPE-Team besinnliche Feiertage, in denen auch Sie vom täglichen Druck etwas Abstand gewinnen können.

Hajo Stotz, Chefredakteur
stotz@hoppenstedt.de
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