Zur Diskussion: Produktpiraten

Copy and Waste

Zur Diskussion: Produktpiraten: Copy and Waste

Die Klopfgeräusche wurden immer lauter. Sie kamen aus dem neuen Kompressor, den der Bielefelder Hersteller Boge erstmals auf der Messe vorstellte. Nach Messeschluss hatte man alle Klappen an dem Aggregat geschlossen — und dabei einen Herrn mit eingeschlossen, der die Neuvorstellung offenbar ganz genau studieren wollte. Der Besucher — dem Äußerem und der Sprache nach dem chinesischen Kulturkreis zuzuordnen — verließ den Ort des Geschehens im Laufschritt, bevor das Standteam begriffen hatte, was passiert war. Die Produktpiraten scheinen immer dreister zu werden: Laut dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sind mittlerweile rund zwei Drittel der insgesamt 6.000 Branchenbetriebe von Kopien betroffen. Nach Berechnungen des Bundesfinanzministeriums kostet die Produktpiraterie die deutschen Unternehmen jährlich 25 Milliarden Euro und gefährdet 70.000 Arbeitsplätze. Der enorme Schaden durch minderwertige Produkte ist dabei nicht berücksichtigt. Etliche Unternehmen haben den Ernst der Bedrohung bereits seit Jahren erkannt. Beispielsweise beschäftigen der Lagerhersteller Schaeffler oder der Antriebsspezialist SEW Eurodrive Produktpiraten-Jäger, die - etwa auf Messen - gezielt nach Plagiaten suchen. Aber die gesamte Branche müsse ihren Kampf gegen die Plagiate vor allem der Chinesen verschärfen, fordert SEW-Geschäftsführer Hans Sondermann. „Viele Unternehmen gehen nicht konsequent genug gegen Produktpiraterie vor. “Doch so langsam kommt die Brisanz des Themas bei den Unternehmen und Verbänden an: Auf der Hannover Messe hatte zum Beispiel der ZVEI einen Anwaltsnotdienst zur Bekämpfung von Produktpiraterie eingerichtet und auch in zahlreichen Fällen gerichtliche Verfügungen erwirkt. Auch technisch rüstet die Industrie nach: Ein neues Erkennungs-Verfahren von Bayer ermöglicht es, Produkte durch das Abtasten der Oberfläche per Laser eindeutig zu authentifizieren oder als Fälschung zu entlarven. Die Technik ist für alle nicht-reflektierenden Oberflächen wie Papier, Pappe, Karton, Kunststoff oder Metall geeignet. Doch auch die Methoden der Produktpiraten werden immer raffinierter: Beim Besuch einer Delegation in dem chinesischen Werk eines deutschen Herstellers wunderten sich die Mitarbeiter über die dicken Gummischuhe und die schwache Blase eines Besuchers. Der verschwand bei wichtigen Bearbeitungsstationen ständig auf der Toilette. Dort sammelte die chinesische James-Bond-Kopie die Späne von seinen Sohlen ein - zur späteren Analyse. Doch keine Produktpiraterie ohne Käufer: Zunehmend werden die Plagiate auch auf dem deutschen Markt angeboten. 2006 beschlagnahmte der deutsche Zoll kopierte Waren im Wert von 1,2 Milliarden Euro — das sind fünfmal so viel wie noch im Vorjahr. Der VDMA hat daher die Kampagne „Pro Original“ gestartet, die die Kunden über die Vorteile von Original-Produkten aufklären und den Herstellern Argumente für ihre Kommunikation liefern soll. Mitglieder können online (www.vdma.org/original) Materialien abrufen und firmenspezifisch einsetzen. Bei der Deutschen Messegesellschaft in Hannover scheint das Problem aber noch nicht richtig angekommen zu sein: Dort ist es beispielsweise nach Messeschluss vollkommen problemlos möglich, das Gelände, die Hallen und einen der — zahlreichen unbewachten — Stände zu betreten. Denn weder an den Messe, noch an den Halleneingängen, wird nach 18:00 Uhr noch kontrolliert. Wer weiß, wie viele unentdeckte „Besucher“ so auch dieses Jahr wieder an Know-how — oder Ausstellungsstücke — gekommen sind! Senden Sie uns Ihre Erfahrungen.

Hajo Stotz, Chefredakteur E-Mail: stotz@hoppenstedt.de

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