Editorial

Zu teuer, zu aufwändig

Ausbildung ist teuer und aufwändig. Zu den Personalkosten für die Auszubildenden addieren sich die Kosten des haupt- und nebenamtlichen Ausbildungspersonals, Material- und Verwaltungskosten. Viele Unternehmen verzichten daher auf diesen Aufwand ganz - das sind meist die ganz kleinen. Oder betreiben nur eine "Feigenblatt-Ausbildung" - das sind meist die Großen. So beträgt die Ausbildungsquote von Adidas gerade mal zwei Prozent, Opel und Ford haben beispielsweise eine Ausbildungsquote von 2,8 bzw. 3,3, Continental von 3,9, Volkswagen immerhin 4,4 und Siemens erreicht 5 Prozent. Im Durchschnitt aber liegt die Quote bei ausbildenden Unternehmen bei 6,4 Prozent. Zum Vergleich: Im Handwerk mit seinen vielen Kleinbetrieben liegt die Ausbildungsquote im Schnitt bei 10 Prozent. Die Folgen bekommen die Unternehmen immer deutlicher zu spüren: In Kombination mit den geburtenschwachen Jahrgängen und einem generell nachlassenden Interesse an technischen Berufen kommt auf die Industrie ein Problem zu, dessen Auswirkungen bisher nicht einzuschätzen sind. 20 Prozent der Unternehmen können bereits heute ihren Bedarf an Ingenieuren nicht mehr decken, in einigen Branchen gar bis zu 60 Prozent, so die Zahlen des NRW-Forschungsministeriums. Doch es gibt auch Industriebetriebe, die nicht über Nachwuchsmangel klagen: So sieht sich etwa Christian Wolf, Geschäftsführer des Automatisierungskomponentenherstellers Turck "in der glücklichen Lage, unseren Nachwuchs relativ einfach rekrutieren zu können." Und auch Heinz-Dieter Schunk, Geschäftsführer des Handling-Spezialisten Schunk, sagt: "Wir verspüren keinen Nachwuchs- oder Führungskräftemangel." Denn ein solches Symptom hat oft seine Ursache in einem schwachem Ausbildungswesen. Vor allem in großen Unternehmen nimmt man sich nicht die Zeit, Nachwuchs, auch für die Führungsebene, auszubilden. Wenn Bedarf entsteht - das dann natürlich auch völlig überraschend - wird zum Telefonhörer gegriffen und ein Headhunter angerufen. Für 20.000 Euro telefoniert der vier bis fünf Kandidaten beim Wettbewerb ab, meist eine Hierarchiestufe unter der zu besetzenden Position. Das führt häufig zum Erfolg - und zu einer äußerst negativen Entwicklung. Zum Einen treibt es die Gehälter und Ansprüche in die Höhe. Die Auswüchse sind heute bei den großen Firmen mit ihren Millionengehältern für die Führungsriege zu sehen. Zum Anderen demotiviert dieses Vorgehen natürlich auch ein ausbildendes Unternehmen, das Zeit und Geld in seinen Nachwuchs investiert hat und dann ansehen muss, wie der gut ausgebildet zum Wettbewerb wechselt. Und die Unternehmen, die am lautesten über Nachwuchsmangel klagen, tun meist auch am wenigsten dafür. Nicht nur beim Ausbildungswesen und den Weiterentwicklungsmöglichkeiten - auch dass Betriebsklima und Image in der Branche (nicht zu verwechseln mit dem öffentlich wahrgenommenen) unmittelbaren Einfluss auf die Nachwuchsgewinnung hat, ist anscheinend vielen Verantwortlichen nicht ganz klar. Wenn ein Mitarbeiter sich in seinem Betrieb wohl fühlt und Gestaltungsmöglichkeiten hat, geht er auch trotz besser dotierter Angebote meist nicht so schnell weg. Entsprechende Investitionen sind sicher aufwändig und teuer - aber sie zahlen sich aus. Hajo Stotz, Chefredakteur

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