Editorial

Vorbilder vor Ort

Deutsche Politiker blicken gerne nach Japan. Nach Grünen-Chefin Renate Künast, die den Kauf von Hybrid-Autos von Toyota empfiehlt, fordert nun Bundeskanzlerin Angela Merkel, die deutschen Manager sollten sich ein Beispiel an dem Chef eines besonders erfolgreichen Auto-Konzerns nehmen: Der verdiene ungefähr das 20-fache eines Arbeiters. Ein Jahreseinkommen von fast einer Million Euro als Vorbild für Bescheidenheit? Doch beim Vergleich mit deutschen Managern kann man das so sehen: Ein Durchschnitts-Dax-Vorstandsvorsitzender kommt auf 3,4 Millionen, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking greift dieses Jahr 60 Millionen Euro ab. Aber geht es dem Unternehmen unter der Führung gut, und profitieren auch alle Mitarbeiter in entsprechendem Maße davon, ist ein hohes Gehalt ja vielleicht noch vermittelbar. Was aber viele empört und nun auch die Kanzlerin thematisiert hat, sind die Millionen-Abfindungen für erfolglose Manager sowie solche, die astronomische Gehälter bei maximaler eigener Absicherung beziehen, während bei den Mitarbeitern realer Lohn und Arbeitsplatzsicherheit ständig gedrückt werden. Dabei gibt es doch positive Beispiele in der Industrie auch zuhauf in Deutschland: In eigentümergeführten, kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) liegen die Bezüge des Chefs noch ein gutes Stück unter dem 20-fachen des Arbeitergehaltes, die Verantwortung für das Unternehmen, die Mitarbeiter, die Kunden und den Standort sind aber dafür oft umso ausgeprägter. Solchen Betrieben - nicht den Konzernen und ihren Bossen - verdanken wir es, dass Deutschland auch in diesem Jahr wieder Exportweltmeister ist, Arbeitsplätze aufgebaut hat und bei den Innovationen Spitzenreiter ist. 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind kleine oder mittelständische Betriebe. Von ihnen stammen 98 Prozent des Exports und sie stellen 80 Prozent der Lehrstellen. Durch sie ist Deutschland heute die wettbewerbsfähigste Industrienation der Welt, verglichen mit USA, Japan, Italien, Frankreich oder England - China oder Indien einmal außen vor, da dort andere Strukturen bestehen. Nach jüngsten Untersuchungen werden in Deutschland in der Industrie rund 18 Tage pro Jahr an Arbeit vergeudet - durch mangelnde Koordination, schlechte Planung und falsche Informationen. Das ist immer noch zu viel. Aber die USA bringen es z.B. auf 34 Tage im Jahr! Gelebt werden solche effizienten Strukturen nicht von Konzernen, sondern den KMU: Schlanke Strukturen, schnelle Wege, definierte Ansprechpartner. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum nicht 300 Millionen Amerikaner Exportweltmeister sind, sondern 80 Millionen Deutsche. Eigentümergeführte KMU sind in ihrer Disziplin oft Weltmarktführer. Sie sind international unterwegs und haben eine starke arbeitsplatz-bildende Netzwerkfunktion in der Region. Sie sind produkt- und standorttreu, entwickeln ihr Know-how ständig weiter - und sind mitarbeiterbewusst. Das schlägt sich auch nieder in der Dauer der Arbeitsbeziehungen zwischen Arbeitgeber und -nehmer, die wesentlich länger sind als in Konzernen. Nebenbei: Leider haben hier vor allem Berufsanfänger meist ein völlig anderes Bild. Diese langfristige Bindung guter Mitarbeiter schlägt sich auch positiv im Ergebnis nieder: Denn in allen Kulturen der Welt spielt der Faktor Mensch die wichtigste Rolle. Wer da langfristig als Ansprechpartner, persönlich oder als Firma, Präsenz zeigt, hat einen enormen Vorteil. Denn wie sollen funktionierende Beziehungen aufgebaut werden mit Menschen, die nicht dafür einstehen müssen, was sie versprechen, sondern alle naselang wechseln? Von eigentümergeführten KMU können Politiker also noch viel lernen - und das direkt vor Ort.

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