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EditorialVon Piraten und Preisträgern

Es gibt Auszeichnungen, auf die sind die Geehrten überhaupt nicht scharf. Dazu gehört sicherlich die „Goldene Himbeere“, die Anfang März für die schlechteste schauspielerische Leistung wieder verliehen wird (ganz oben auf der Liste übrigens Megan Fox in „Transformers - Die Rache“). Oder erinnern Sie sich noch an die „Silberne Zitrone“, mit der der ADAC bis Anfang der 90er Autos mit rekordverdächtig vielen Mängeln auszeichnete (regelmäßig auf den vorderen Rängen: Fiat und Citroen)?

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Auch bei der Verleihung des „Plagiarius“ letzte Woche auf der Konsumgütermesse Ambiente war keiner der Geehrten anwesend. Der Preis, der seit 1977 an die dreistesten Produktpiraten verliehen wird, ging diesmal an eine Haushaltswaren-Firma aus Shanghai für einen Eiswürfelbehälter, der einem Tupperware-Produkt extrem ähnelt.
Mindestens ebenso stark betroffen wie Hersteller von Gebrauchsgütern sind aber auch Maschinen- und Anlagenbau. Der VDMA schätzt den wirtschaftlichen Schaden für die Investitionsgüterindustrie auf 4,5 Milliarden Euro – pro Jahr. Gefürchtet sind vor allem die Kopierer aus Fern-Ost: Über 50 Prozent der an den EG-Grenzen sichergestellten Plagiate stammen aus China.

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Doch auch einheimische Hersteller sind sich immer weniger zu schade, erfolgreiche Produkte einfach nachzubauen. So staunten die Ingenieure von Hainbuch nicht schlecht, als sie das Prospekt eines benachbarten Wettbewerbers genauer anschauten: Die Produkte sahen nicht nur genau so aus wie ihre eigenen, sondern auf den Abbildungen war sogar noch der Hainbuch-Produktname zu erkennen. (Mehr zu Hainbuch auch ab S. 14)

Aber nicht nur chinesische Gerichte schützen gerne den einheimischen Hersteller beziehungsweise Kopierer. Angesichts der desolaten Wirtschaftslage des Nachahmers und der bedrohten Arbeitsplätze sprach das deutsche Gericht nur eine geringe Geldstrafe aus.

Völlig unberücksichtigt bleibt dabei, welchen Schaden Counterfeiting (Produktpiraterie) anrichtet. Die Nachahmer sparen nicht nur das Geld für die Entwicklungskosten und das Marketing, sie sparen sich auch die Flops. Und der Verzicht auf Entwicklungsingenieure und Marketing-Kreative schlägt sich natürlich nicht nur im Preis, sondern auch bei der Arbeitplatzsicherung nieder - pro Jahr gehen so rund 70.000 Arbeitsplätze in Deutschland verloren.
Und nicht nur die Kleinen kopieren – inzwischen sind sich dazu auch viele große Firmen nicht mehr zu schade, wie etwa Uli Werthwein, Geschäftsführer des Werkzeugherstellers Avantec, erfahren musste. (Das Interview finden Sie übrigens unter http://www.scope-online.de mit Eingabe der Kennziffer 153). „Früher“, so Werthwein, „gab es einen unausgesprochenen Ehrenkodex, dass man nicht kopiert. Doch diese Persönlichkeiten gibt es immer weniger. Wie in vielen Bereichen der Gesellschaft tragen heute oft Menschen Verantwortung, denen Gewinnmaximierung über alles geht. Dass wir kopiert werden, ehrt uns, aber natürlich sind wir nicht glücklich darüber.“

Die Ehre für den Kopierten ist zwar auch ganz im Sinne von Konfuzius („Wer große Meister kopiert, erweist ihnen Ehre“) und seiner Lehre, dass Wissen Kollektivgut ist und dazu dienen soll, die Gesellschaft insgesamt voranzubringen. Dennoch war der Vertriebsleiter eines Automatisierungsherstellers bass erstaunt, als er beim Besuch eines chinesischen Zulieferers einen „Plagiarius“ in einer Ehrenvitrine in der Eingangshalle ausgestellt fand. Dieser Preisträger hätte sicher die Auszeichnung auch gerne persönlich entgegengenommen.

Hajo Stotz, Chefredakteur, stotz@hoppenstedt.de

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