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EditorialTotal Verfahren

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Das Blut des Kollegen geriet bei der Diskussion immer mehr in Wallung: Vollkommen richtig sei der Streik der Lokführer, er unterstütze ihn voll und ganz. Sein schlagendes Argument: Er würde seine Sicherheit keinesfalls unterbezahlten Lokführern anvertrauen. Nun kann von unterbezahlt meines Erachtens bei Lokführern kaum die Rede sein, beim Vergleich mit ähnlichen Berufen bewegen sie sich im oberen Drittel. Doch inzwischen geht die Auseinandersetzung zwischen der Lokführergewerkschaft GDL unter ihrem Boss Manfred Scholl und der Bahn AG unter Führung von Hartmut Mehdorn in den fünften Monat ¿ mit immer stärkeren Auswirkungen auf die deutsche Industrie. Etliche Bahnkunden haben bereits Kurzarbeit angemeldet. Und auch die Güterverkehr-Verlagerung auf die Straße nimmt immer stärker zu - mit teils irreversiblen Folgen. Spätestens das Urteil des Chemnitzer Gerichts, dass die Gewerkschaft auch Fern- und Güterverkehr bestreiken kann, weist ihr eine Machtposition zu, die in keiner Weise ihrer Bedeutung entspricht: Sie hat rund 34.000 Mitglieder, davon die Hälfte Rentner. Dazu kommt, dass sich der Tarifkonflikt zu einer Auseinandersetzung entwickelt, wo Sachthemen wie eigener Tarifvertrag und 31 Prozent Gehaltsforderung immer mehr überschattet wird durch die persönliche Auseinandersetzung zwischen zwei Machtmännern. Persönliche Beleidigungen und Affronts des Gesprächspartners (¿ich geh dann mal in Kur¿) bilden jedenfalls keine fruchtbare Basis für konstruktive Gespräche. Inzwischen kann fast keine Seite mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Doch die Auswirkungen des Streiks spürt die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Denn durch das Bahnmonopol hat der Staat die Mini-Gewerkschaft in eine starke Position versetzt. Keine andere Vertretung dieser Größe hat ähnliche Möglichkeiten, durch Arbeitsniederlegung von Wenigen so eine massive Beeinträchtigung Vieler zu erzielen. Deshalb kann sich die Politik nicht aus der Verantwortung ziehen. Statt unfruchtbarer Appelle an beide Seiten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, muss sie den langen Hebel, den sie der Gewerkschaft selbst an die Hand gegeben hat, gesetzlich verkürzen. Oder endlich das gesamte System für den Wettbewerb wirklich öffnen ¿ wie sie es bei anderen, ehemaligen Monopolen wie Energie, Telekom, Post oder Flugverkehr bereits mehr oder weniger getan hat. Dass daran natürlich weder die Gewerkschaft noch die Bahn selbst ein Interesse haben, darf für die Politiker eigentlich kein Hinderungsgrund sein. In einer ähnlich starken Rolle wie die GDL wähnten sich vor zehn Jahren übrigens die Piloten, als sie eigene Tarifverträge durch Streiks erkämpften ¿ doch es war ein Phyrrussieg. Kurze Zeit später begann weltweit die Liberalisierung des Flugverkehrs. Die Macht der Staatsfluglinien, Preise nach ihrem Gutdünken festzulegen, zerbrach am Wettbewerb mit den Privatfluglinien mit ihren weit geringer besoldeten Piloten. Die Konsequenzen kann heute jeder an den Flugpreisen sehen. Und auch der Kollege musste auf Nachfrage einräumen, dass er bei seinen Flugbuchungen zwar den Ticketpreis sehr genau vergleicht, ihn der Tarifvertrag der Piloten der verschiedenen Linien aber herzlich wenig interessiert. So funktioniert Marktwirtschaft. Hajo Stotz Chefredakteur E-Mail: stotz@hoppenstedt.de

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