Editorial

Spaten weg

„Bildung ist Chefsache“ (Angela Merkel, Bundeskanzlerin); „Bildung muss Priorität haben (Annett Schavan, Bundesbildungsministerin); „Bildung ist der Rohstoff unseres Landes“ (Matthias Platzeck, Ministerpräsident); „Wir machen Hessen zum Bildungsland Nummer Eins“ (Roland Koch, Ministerpräsident) – und so weiter, und so fort. „Die Worte höre ich wohl, allein die Taten sehe ich nicht“ (Hajo Stotz, SCOPE, frei nach Goethe).

Über Jahrzehnte haben nicht nur die Griechen, sondern auch wir Deutschen über die Verhältnisse gelebt: Verschuldung, kreditgetriebenes Wachstum, Wohlstand durch Finanzspekulation. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, umzudenken, den Spekulanten die Rechnung zu stellen und endlich in den wichtigsten Rohstoff dieses Landes – Forschung und Bildung – zu investieren.

Wer heute bei Hermle Werkzeugmaschinen montiert, bei Siemens Steuerungen programmiert oder bei Bosch Pumpen entwickelt, verdankt seinen Job findigen Konstrukteuren und Entwicklern. Sie hatten Ideen für Produkte, die weltweit gefragt sind und gegen starken Wettbewerb aus Billiglohnländern bestehen können. Doch fast kein anderes Land gibt weniger Geld für Bildung aus als wir: Im OECD-Vergleich lagen unsere Bildungsausgaben bei 4,8 % des BIP, im Länderdurchschnitt betrugen sie 6,1 %. Noch 2009 schrieb sich die Bundesregierung auf die Fahne, bis 2015 einen Anteil von 10 % zu erreichen. Spätestens seit Anfang April die Euro- und Griechenland-Krisen ein schwarzes Loch in die Bundes- und Landeskassen gerissen haben, sind diese hehren Ansprüche nur noch Makulatur. Ex-Ministerpräsident Roland Koch, der sich bei Streitthemen gerne als Vertreter schweigender Mehrheiten gibt, sprach´s aus: um die Schulden einzugrenzen, soll bei der Bildung gespart werden. Da hilft es nichts, wenn Merkel der schlechten Publicity wegen das Gegenteil beteuert. In Sachen Bildung herrscht der Föderalismus; der Bund besitzt de facto kein Mitsprache.

Anzeige

In den Landeshauptstädten wird wegen der Schuldenberge längst an entsprechenden Plänen gearbeitet. Wie die Streichlisten aussehen sollen, ist den Politikern kaum zu entlocken – keiner will sich den Mund verbrennen, wie etwa Bayerns Kultusminister Spaenle, der neulich den Verzicht auf 1.000 neue Lehrerstellen angekündigt hatte und gleich darauf zurückruderte...man habe ihn da falsch verstanden.

Koch, der in die Privatwirtschaft wechselt, hat vermutlich ausgesprochen, was viele seiner Kollegen zwar denken, aber im Hinblick auf schlechte Publicity nie sagen würden. Aber sie werden es tun. Nachdem die Politiker Deutschland unter einem Schuldenberg verschüttet haben, wollen sie uns nun auch die Spaten zum Freigraben wegnehmen.


Hajo Stotz, Chefredakteur


Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Editorial: Robotik in der Produktion

Charakter-Bot

R2-D2, C-3PO und Marvin – wer kennt sie nicht, die intelligenten Roboter aus der „Star Wars“-Reihe und aus Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Und wer hätte sie nicht gerne als intelligente Helfer täglich an seiner Seite?

mehr...

Editorial

Beständiger Wandel

Im Jahr 1947 fand die Hannover Messe erstmals statt, damals noch unter dem Namen „Exportmesse 1947 Hannover“. Initiiert wurde sie als Gegengewicht zur Leipziger Messe. Ziel war es, Hannover als internationalen Messestandort zu etablieren.

mehr...
Anzeige

GF Machining Solutions: Mikron MILL P 800 U

Die Mikron MILL P 800 U ist eine robuste und präzise 5-Achs-Fräslösung für Hochleistungsbearbeitungen, die dank ihrer starken und dynamischen Zerspanungsleistung und hohen Stabilität neue Maßstäbe in Sachen Präzision und Oberflächengüte setzt.

mehr...

Editorial

Risikofaktor Mensch

Vor einigen Wochen kam wieder einmal eine Warnung aus der IT: Hacker beziehungsweise Cyberkriminelle versenden Bewerbungs-E-Mails mit Trojanern oder anderer Schadsoftware im Anhang. Das Problem bei den E-Mails ist, dass sie auf den ersten Blick...

mehr...
Anzeige

Editorial

Herrschaftszeiten!

Die Robotik boomt. Anders lassen sich die Zahlen des aktuellen World Robotics Report der International Federation of Robotics nicht interpretieren, laut welchem sich der Absatz in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat.

mehr...

Editorial

Aufbruch trotz Volatilität

Im Jahr 2010 führte ich ein Gespräch mit Christian Wolf, Geschäftsführer von Turck, über das damals enorme Wachstum des Automatisierungsspezialisten: Kurz nach der Krise 2008/2009, in dem das Unternehmen einen Einbruch von 30 Prozent verkraften...

mehr...

Editorial

Stimmungshoch

Im letzten Jahr konnte der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ein teils zweistelliges Wachstum in einigen Branchen verkünden und auch für das laufende Jahr 2018 gab der VDMA eine gute Umsatzprognose ab.

mehr...

Editorial

Wettbewerbsfaktor Daten

Die Automatica brachte viele neue Eindrücke unter anderem in den Bereichen Mensch-Roboter-Kollaboration, Servicerobotik und Greiftechnik. Sie brachte aber auch neue Abläufe beim Visitenkartentausch mit sich.

mehr...

Editorial

Im Sinne des Erfinders

Sie saugen, mähen den Rasen oder weisen uns im Einzelhandel den Weg zum gesuchten Produkt – die Rede ist von Servicerobotern. Persönlich mag man die Vorteile beispielsweise eines Saugroboters zu schätzen wissen, doch einen 16-Jährigen trieb ein...

mehr...