Editorial

Kontrolle ist gut…

Schade. Für die Weltmeisterschaft hat es nicht gereicht. Doch wer sich noch an die Kritiken etlicher Fussballexperten zur deutschen Nationalmannschaft vor Beginn der WM erinnert, weiß, welch riesigen Erfolg das Team von Jogi Löw auch mit dem dritten Platz erzielt hat: Zu jung, zu unerfahren, ohne klaren Leader – was konnte man kurz vor der WM alles lesen. Dieselben Experten erklären uns nun, warum die Mannschaft so erfolgreich spielte.

Was aber meiner Meinung nach den eigentlichen Grund des Erfolges dieser Mannschaft ausmachte, war: Vertrauen. Das Vertrauen des Trainers in seine jungen Spieler, das Vertrauen der Spieler zu ihrem Trainer und untereinander führte zu einem Teamgeist, der etliche Mankos locker ausglich.

Und hier können Unternehmen von Jogi Löw und seinen Jungs lernen: Denn in vielen Betrieben nimmt das Vertrauen der Führungsebene in ihre Mitarbeiter stetig ab, getreu dem Motto des Herrn Wladimir Iljitsch Uljanow: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Ein Grund dafür ist der Trend zu immer größeren Einheiten durch Zusammenschlüsse und Übernahmen und das Zusammenfügen von Personen und Bereichen, die sich nicht kennen. Vertrauen entsteht aber nur zwischen Personen, die sich einschätzen können. Des Weiteren wird das Bild des modernen Unternehmensführers immer mehr geprägt durch Karrieristen, die sich ihren Ruf als „harter Hund“ teuer bezahlen lassen und von Krisenherd zu Krisenherd ziehen. Dass zwischen solchen Leadern und ihren Mitarbeitern kein Vertrauen aufgebaut werden kann, liegt auf der Hand.

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So hatte sich ein 200 Mann Unternehmen im Bereich Abgasreinigung von Kraftanlagen eine starke Position erarbeitet durch hohe Kundenorientierung, eine flache Hierarchie, einen teamorientierten Chef, hochmotivierte Mitarbeiter. Bis mit der Übernahme durch einen amerikanischen Konzern auch ein neuer Chef kam, der den Mitarbeitern zwar bescheinigte, gute Arbeit und ordentliche Gewinne zu liefern, aber leider, leider nicht nach den Leitlinien der amerikanischen Mutter zu arbeiten. Die lesen sich zwar eindrucksvoll, bedeuten aber vor allem eines: Kontrolle von oben. Jede wichtige Entscheidung muss nun erst in USA abgesegnet werden. Für die bis dato hochmotivierten Mitarbeiter ein Kulturschock, der schnell in Demotivation oder Kündigung mündete.

Nur ein Beispiel von vielen, wie mangelndes Vertrauen in die Mitarbeiter zu Demotivation führt. Eine Studie des Meinungsforschungers Gallup zeigt: Fast 90 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich ihrem Arbeitgeber kaum mehr verpflichtet. Demnach sind nur 13 Prozent der Beschäftigten hoch engagiert. Rund zwei Drittel machen Dienst nach Vorschrift, und jeder Fünfte hat innerlich gekündigt.

Je schlechter aber die Einstellung zum Unternehmen, desto höher auch zum Beispiel die Fehlzeiten. Arbeitnehmer mit hoher Bindung an ihren Arbeitgeber fehlen im Schnitt 4,3 Tage pro Jahr, Angestellte mit geringer Bindung dagegen zehn Tage. Ein Betrieb mit 2.000 Mitarbeitern könnte laut Gallup fast eine Million Euro im Jahr mehr verdienen, wenn alle Mitarbeiter nur so wenig fehlten wie die Hochmotivierten.

Was aber noch mehr schadet als Fehlzeiten: Frust steigert die Fehlerquote der Mitarbeiter auf allen Ebenen. Zudem wirken Menschen mit einer negativen inneren Einstellung auf ihre Umwelt wie Motivationsbremsen – sie stecken ihre Kollegen quasi an. Und wenn in einem Team mehr Demotivierte als Motivierte tätig sind, steht das ganze System auf der Kippe.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – das Credo von Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin, hat nicht nur ganze Staatssysteme geprägt und ruiniert, sondern konterkariert auch die Grundlage jedes erfolgsorientierten Teams, ob in Wirtschaft oder Sport. Mit diesem Motto wären wir schon in der Qualifizierungsrunde gescheitert.

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