Editorial

Ingenieur light

"80 Prozent meiner Maschinenbaustudenten kommen bei mir nicht bis zum Abschluss." In der Stimme des Aachener Professors klang der Stolz unüberhörbar durch. Meinen Einwand, dass es doch Ziel einer Hochschule sein müsse, so viele Studenten wie möglich zum Erfolg zu führen, wischte er mit der Bemerkung beiseite, dass bei ihm lieber die Studenten, aber nicht die Qualität auf der Strecke blieben. Doch der Professor versuchte mich zu beruhigen: "Wer das nicht will, kann ja den Diplom-Ingenieur light, den Bachelor, an der Fachhochschule machen". Bachelor? An der Fachhochschule? Tatsächlich werden seit 2002 an deutschen Hoch- und Fachhochschulen die Diplom-Abschlüsse auf Bachelor und Master umgestellt. Mit dem sogenannten "Bologna-Prozess", so der Wille der Politiker, soll bis 2010 die europäische Ausbildung vereinheitlicht werden. Ziel sind international anerkannte Abschlüsse und kürzere Studienzeiten: nach sechs Semestern zum Bachelor, nach weiteren vier Semestern zum Master.

Die ersten Ergebnisse der Reform stehen nun mit Abschluss vor den Toren der Industrie. Doch nicht nur dort herrscht große Unkenntnis ob der neuen Titel - auch bei den Studierenden selbst gibt es viele offene Fragen, wie ein Blick in die einschlägigen Studienforen zeigt: "Was bringt mir der Bachelor? Soll ich noch das Diplom oder den Master machen? Ist ein Fachhochschulabschluss zukünftig weniger wert? Kann ich den Master nur auf einer Universität machen? Welche Chancen habe ich am Markt mit dem Bachelor?" Diese Fragen kann bis heute die Industrie auch nicht beantworten. Selbst ein Konzern-Manager wie Siemens A&D Geschäftsgebietsleiter Dr. Olaf Rathjen räumt ein: "Die Industrie hat den Bologna-Prozess bisher zu wenig beachtet und zu wenig Einfluss genommen." Nicht nur er befürchtet, dass mit dem Bachelor die Ausbildungsqualität der Ingenieure abnimmt und der Ausbildungsgrad eine Zwischenstufe zwischen Lehre und bisherigem FH-Diplom wird.

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Bisher schätzt die Industrie den Fachhochschulabschluss und die Kombination aus kürzerer Studiendauer und hoher Praxisorientierung sehr, die meisten deutschen Ingenieure haben FH-Abschluss. Doch geht zukünftig nicht der Großteil der FH-Studenten nach dem Bachelor ab? Welche Qualitäten bietet der? Und wird die Industrie daher zukünftig den Master bevorzugen? Die Technischen Hochschulen, die lange Zeit neidisch auf den Erfolg der Fachhochschulen blickten, sehen ihre Chance, von dem Umstellungs-Wirr-Warr zu profitieren. Prof. Horst Hippler, Rektor der Universität Karlsruhe: "Sechs oder auch sieben Semester reichen zur Bewältigung des Stoffes und zum Aufbau von Forschungskompetenz einfach nicht aus. Deshalb ist der Ingenieurabschluss der Universitäten der Master.¿ Und der der FHs zukünftig der Bachelor? Die Industrie muss daher dringend handeln und in den Dialog mit den Hoch- und Fachhochschulen treten. Und die Hochschulen müssen ihre neuen Freiheiten wirklich nutzen. Denn die Gefahr ist groß, dass sie ihre bisherigen Studiengänge einfach so zurechtschneidern, dass sie in das Bachelor- und Mastersystem passen - statt die Ausbildung zu entrümpeln, neu zu gestalten und innovative, didaktische Konzepte einzuführen und damit insgesamt die Ingenieursausbildung für Schulabgänger endlich wieder attraktiver zu machen.

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