Editorial

Gesteuertes Desaster

Diesen Monat weiß man gar nicht, worüber man sich mehr ärgern soll: Die Steuerhinterziehungsmodelle der Top-Verdiener? Oder der Stellenabbau bei Siemens, BMW, Henkel oder Continental, die hier Tausende entlassen, obwohl sie Milliardengewinne einfahren? Doch das Eine hängt eng mit dem Anderen zusammen: Denn die Steuerpolitik in Deutschland ist ein Desaster. Einkommensteuer, Solizuschlag, Umsatzsteuer, Zinssteuer, Erbschaftssteuer, etc, etc, etc. Der Staat nimmt mehr als er lässt. Betroffen sind davon aber weniger die großen Konzerne und Top-Verdiener - es sei denn, sie werden mal durch Insider verpetzt - sondern Otto Normalzahler und jedes Unternehmen, das in Deutschland seinen Hauptsitz hat - und das ist fast der gesamte Mittelstand. Carl Martin Welcker, VDW-Präsident und Geschäftsführer von Schütte, der den Schleifmaschinenhersteller Mitte der 90er von seinem Vater übernommen hat, sagte jüngst am Rande einer Pressekonferenz: "Unter dem neuen Erbschaftssteuergesetz würde es Schütte wohl nicht mehr geben." Diether Klingelnberg, Senior-Chef des Maschinenbauers Klingelnberg, hat bereits vor Jahren die Konsequenzen gezogen und den Hauptsitz ins Ausland verlegt - produziert aber nach wie vor in Deutschland. Auch er kritisiert die Steuerpläne der Bundesregierung in einem Interview mit der FAZ scharf und prophezeit: "Sie werden eine Welle von Umzügen auslösen." Denn die Verlegung des Hauptsitzes habe seine Firma gedeihen lassen, sie sei heute dreimal so groß. Klingelnberg: "Wir haben Arbeitsplätze geschaffen, mehr geforscht und fünfmal so viel Steuern entrichtet wie zum Zeitpunkt unseres Umzugs. Für Deutschland ist meine Steuerflucht ein gutes Geschäft." Ein noch besseres Geschäft wäre allerdings, wenn die Steuern in Deutschland gezahlt würden, sie aber so wettbewerbsfähig wären, dass sie den Standort attraktiv und nicht abschreckend machen - sowohl was Höhe als auch Komplexität betreffen. Denn damit Regeln befolgt werden können, müssen sie auch einhaltbar sein. Doch statt das Steuerzahlen möglichst einfach zu gestalten, verkompliziert es jede Bundesregierung immer mehr und ersinnt weitere Sonderregelungen. Dabei gab es bereits einige Steuer-Konzepte, die auf "einen Bierdeckel passen". Im Kern sind sie immer dieselben: Gleiche Besteuerung für alle, Steuervergünstigungen und Subventionen werden gestrichen. Doch dagegen wehrt sich nicht nur ein Beamtenheer, sondern kämpfen auch die Konzerne mit ihrer geballten Lobby-Macht: Denn sie leben von Sonderregelungen, Ausnahmen, Subventionen, Steuervergünstigungen und zugeschnittenen Gesetzen. Das Wohlwollen der Politik danken sie aber immer schlechter: Wo sie hohe Steuern zahlen müssen, schaffen sie es, Verluste zu machen, um dafür in den Ländern die Gewinne sprudeln zu lassen, wo die Steuern niedrig sind. Und reicht das noch nicht aus, werden die Standorte reduziert oder verlagert und tausende Mitarbeiter an einem Standort entlassen, am anderen eingestellt. Als Reaktion entwerfen die Politiker immer neue Gesetze für die Symptome. Aber an den Ursachen rühren sie nicht. Und ihnen persönlich können die Steuergesetze ja auch egal sein. Sie haben sich bereits längst ihr eigenes Liechtenstein geschaffen: Abgeordnete zahlen rund ein Drittel weniger Steuern auf ihr Einkommen als jeder Normalbürger.

Anzeige
Editorial: Gesteuertes Desaster

Hajo Stotz (Chefredakteur)

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Editorial

Stimmungshoch

Im letzten Jahr konnte der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ein teils zweistelliges Wachstum in einigen Branchen verkünden und auch für das laufende Jahr 2018 gab der VDMA eine gute Umsatzprognose ab.

mehr...

Editorial

Wettbewerbsfaktor Daten

Die Automatica brachte viele neue Eindrücke unter anderem in den Bereichen Mensch-Roboter-Kollaboration, Servicerobotik und Greiftechnik. Sie brachte aber auch neue Abläufe beim Visitenkartentausch mit sich.

mehr...

Editorial

Im Sinne des Erfinders

Sie saugen, mähen den Rasen oder weisen uns im Einzelhandel den Weg zum gesuchten Produkt – die Rede ist von Servicerobotern. Persönlich mag man die Vorteile beispielsweise eines Saugroboters zu schätzen wissen, doch einen 16-Jährigen trieb ein...

mehr...
Anzeige

Automationslösungen von item

Erweitern Sie Ihr Wissen innerhalb der Automation und erfahren Sie alles rund um Motoren, Getriebe und Steuerungen im Leitfaden von item Industrietechnik.

mehr...

In eigener Sache

Die neue SCOPE

Die SCOPE zeigt sich im neuen Design und schärft ihr redaktionelles Profil! Wir richten unseren Blick auch über den Tellerrand und zeigen Ihnen, welche Technologien aus der IT und der Elektronikwelt Ihnen bei der digitalen Transformation Ihrer...

mehr...
Anzeige

Editorial

Branchen verbinden

Zulieferer des Maschinenbaus – das ist ein weites Feld, dem wir uns in diesem Sonderheft widmen. Und ein ebenso unverzichtbares. Denn laut VDMA beschäftigt der Maschinenbau in Deutschland weit über 1,3 Millionen Menschen.

mehr...

Editorial

Zusammenrücken!

Bald ist es wieder so weit: Die Hannover Messe steht an. Für viele Unternehmen ist sie eine der wichtigsten Messen des Jahres – die Vorbereitungen laufen längst auf Hochtouren. Und für uns Besucher hält Hannover immer wieder Überraschungen bereit.

mehr...
Anzeige

Highlight der Woche

Interessenten können ab sofort auf der Homepage der ACE Stoßdämpfer GmbH die für Ihre Anwendung maßgeschneiderte Gasfeder berechnen und auslegen. Unter ‚Berechnungen' ist das Gasfeder-Berechnungstool auf der Website ace-ace.de zu finden.

Zum Highlight der Woche...
Anzeige
Anzeige

Highlight der Woche

MES macht Schluss mit Stillstand
Die MES-Software von PROXIA unterstützt die Kieselmann GmbH bei der Herstellung von umfangreichen Leitungs- und Ventilsystemen, den Überblick über eine äußerst komplexe Produktion zu behalten. Das MES ermöglicht, die Fertigung wirtschaftlich zu planen und zu organisieren sowie mit sicheren Kennzahlen Effizienzpotentiale aufzudecken und zu nutzen.
Bericht lesen

Zum Highlight der Woche...

Editorial

Am Laufen halten

Kaum eine Produktion ist denkbar ohne Hydraulik oder Druckluft. Ob angesaugt oder verdichtet werden muss, gefördert oder verteilt – hier funktioniert nichts ohne Pumpen und Kompressoren.

mehr...

Editorial

Mensch in der Mitte

Der Winter ist nun auch gefühlt vorbei, und die Messe-Saison hat längst schon begonnen. In diese Ausgabe der SCOPE legen wir ein besonderes Augenmerk auf die Control, die vom 24. bis 27. April in Stuttgart stattfindet. Qualität ist eines der...

mehr...

Editorial

Schulterblick

Fahre ich mit der Bahn, freue ich mich immer über fleißige Sitznachbarn. Gedankenverloren bearbeiten sie Tabellen, schreiben Protokolle oder checken Mails. Ja, ich bin neugierig, und nein, mich interessieren diese Daten überhaupt nicht. Von mir geht...

mehr...