Editorial

Wetten dass?

Arnauld Meynial freut sich: "Durch die zu erwartenden Übernahmen und Mergers auf Grund der Finanzkrise rechnen wir im nächsten Jahr mit einer guten Umsatzentwicklung." Meynial ist CEO von Arlux, einem der führenden Unternehmen weltweit bei der Entwicklung von Corporate Identity-Strategien und neuen Unternehmensnamen. Seine Branche dürfte damit aber eine der wenigen sein, die der derzeitigen Bankenkrise positive Aspekte abgewinnen kann.

So meldet die deutsche Automobilindustrie als Auswirkung der Finanzkrise reihenweise Kurzarbeit an - wobei sie damit aber gleich auch ihre verfehlte Modellpolitik kaschieren kann. Die anderen Branchen betrachten die Entwicklung an den Finanzmärkten ebenfalls mit Sorge: Nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) werde es für die Unternehmen schwieriger und teurer werden, Kredite zu bekommen. Auch der Softwarekonzern SAP meldet, dass viele potentielle Kunden auf Grund fehlender Kredite wieder abgesprungen seien. Besonders im Mittelstand sei diese Entwicklung stark zu spüren. Das Problem: die Banken trauen derzeit niemandem: großen Konzernen kaum noch, kleineren Unternehmen noch weniger, sich selbst aber am wenigsten. Tatsächlich blockieren die Institute mit ihrer enormen Zurückhaltung derzeit sämtliche Versuche von Regierungen, den normalen Geldfluss wieder ins Laufen zu bringen. Mangelndes Vertrauen der Banken untereinander sorgt dafür, dass dringend notwendige Gelder nicht mehr verliehen werden.

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Dabei haben die Finanzinstitute eigentlich ein gutes Werkzeug in der Hand, um genau solche Entwicklungen gar nicht erst entstehen zu lassen: Bereits seit 2007 sind in der Europäischen Union die neuen Eigenkapitalregeln - auch als Basel-II bekannt - in Kraft, nach denen Banken und Finanzdienstleister ihre Risiken genauer erfassen und Darlehen entsprechend mit Eigenkapital unterlegen müssen. Ziel von Basel-II ist es, das Risiko von Kreditausfällen und Fehlspekulationen zu vermindern. Dass es dennoch zur Finanzkrise in dieser Auswirkung kommen konnte, liegt an der derzeitigen Regierung der USA. Obwohl 1998 von den Vereinigten Staaten initiiert, wurde Basel-II von der Bush-Regierung immer wieder verschoben und bis heute nicht umgesetzt. Die Folgen davon: vor allem in den Vereinigten Staaten gibt es massenweise faule Kredite, die von amerikanischen Banken weltweit als Sicherheiten auch gegenüber europäischen und asiatischen Instituten eingesetzt und zudem als Grundlage für Derivate genutzt wurden. Derivate sind Finanzprodukte, die auf Entwicklungen in der Zukunft setzen - also Wetten. Der Wert der weltweit gehandelten Derivate soll das Achtfache der weltweiten Wirtschafts-erträge betragen. Für 700 Milliarden Dollar will das US-Finanzministerium etliche dieser faulen Kredite und Wettschulden nun aufkaufen. Vielleicht hat die Krise so doch etwas Gutes: Der Druck der Steuerzahler dürfte nun gewaltig sein, dass der Nachfolger von Bush die Konsequenzen aus dieser Krise ziehen und für den wichtigsten Finanzmarkt der Welt endlich klare Regeln herstellen muss. Und damit könnte das weltweite Vertrauen in das Finanzgeschäft wieder erheblich gestärkt werden. Im November sind Wahlen in den USA.

Hajo Stotz SCOPE-Chefredakteur

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