Editorial

Wein statt Wasser

Aus Sport und Kunst ist ja bereits seit langem bekannt, dass Intelligenz und Altruismus dem Erfolg oft im Weg stehen. Kürzlich antwortete etwa ein gewisser Pietro Lombardi auf die Frage, was drei Prozent von hundert sind, dass man Hundert nicht durch drei teilen könne. Herr Lombardi ist Sieger eines Sangeskunstwettbewerbes namens DSDS in der elektronischen Märchenkiste. Britney Spears (Sie erinnern sich? Die Blonde mit der Glatze) bewunderte an der Todesstrafe besonders, dass sich die Bösewichter den Rest ihres Lebens an diese Bestrafung erinnern würden. Und Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus auf die Frage nach seiner beruflichen Zukunft: "Schiedsrichter kommt für mich nicht in Frage. Eher etwas, das mit Fußball zu tun hat." Doch nach den News der letzten Wochen über die Sex-Eskapaden gewisser Herren muss man annehmen, dass die Kleinhirnsteuerung auch bei den Mächtigen und Wichtigen dieser Welt des öfteren mal das Ruder übernimmt: ob Dominik Strauss Kahn, Silvio Berlusconi, Carl Gustaf von Schweden oder Arnold Schwarzenegger - die Reihe von Männern, die ihre Position und Macht für ihren sehr privaten Vorteil ausnützen, dringt ja immer nur durch seltene Zufälle an die Öffentlichkeit. Oder setzt da die Steuerung vielleicht gar nicht kurzfristig aus? Ist solch ein Verhalten für manche Mächtigen - oder die es werden wollen - vielleicht Voraussetzung ihrer Position beziehungsweise des Weges dorthin? Das in Sportlerkreisen geflügelte Wort: "Je egoistischer du als Profi bist, desto erfolgreicher bist du" gilt für viele Männer - die sind entwicklungsbiologisch bedingt anscheinend besonders anfällig - nicht nur für sportliche Siege, sondern auch für beruflichen Erfolg, Geld und Sex. Letzteres vor allem dann, wenn Geld und Erfolg nicht mehr genug Anreiz sind - und den dann auch Unternehmen, wie in der Vergangenheit etwa der Versicherungskonzern Ergo oder der Automobilkonzern VW, gerne zur Motivationssteigerung einsetzen. Doch wenn Egoismus für das einzelne Individuum auch durchaus von Vorteil sein kann, so ist zuviel davon für eine Gemeinschaft der Untergang - egal ob soziale Gruppe, politische Gemeinschaft oder Unternehmen. Denn eine Gruppe, die aus selbstsüchtigen Egoisten besteht, muss früher oder später auseinanderbrechen - für das grundsätzliche Funktionieren einer Gemeinschaft fordert die Gruppe nun mal von jedem Mitglied auch ein gerütteltes Maß an Gemeinsinn. Das haben auch viele Unternehmen inzwischen erkannt und sich selbst zur "Corporate Social Responsibility" (CSR) verpflichtet. CSR beschreibt die unternehmerische Gesellschaftsverantwortung und umschreibt - so die Definition von Wikipedia - den freiwilligen Beitrag der Wirtschaft zu einer nachhaltigen Entwicklung, die über die gesetzlichen Forderungen (Compliance) hinausgeht. CSR reicht von verantwortlichem unternehmerischem Handeln in der eigentlichen Geschäftstätigkeit (Markt) über ökologisch relevante Aspekte (Umwelt) bis hin zu den Beziehungen mit Mitarbeitern (Arbeitsplatz). Doch während die meisten kleinen und mittelständischen Betriebe mit dem Begriff nur wenig anfangen können ("Wie heißt das?", so die Antwort des Geschäftsführer eines Maschinenbaubetriebes auf meine diesbezügliche Frage), haben die Konzerne bereits seit Jahren entsprechende Positionen meist unterhalb der Vorstandsebene eingerichtet, die sich um das Umsetzen kümmern sollen. Theoretisch sicher eine gute Sache. Und auf jeden Fall unter Kommunikationsgesichtspunkten erfolgreich: CSR im Zusammenhang mit dem Versicherungskonzern Ergo (Versichern heißt Verstehen) bei Google gesucht, ergibt über 28.000 Treffer. Doch im wahren Leben könnte für einige derjenigen, die diese Positionen eingerichtet haben, dasselbe gelten, was Heinrich Heine bereits 1844 über die Kirche dichtete: "...Ich kenne die Weise, Ich kenne den Text, Ich kenn auch die Herren Verfasser; Ich weiß, sie trinken heimlich Wein, Und predigen öffentlich Wasser."

Hajo Stotz, Chefredakteur
stotz@hoppenstedt.de
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