Editorial

Technik wird weiblich

"Werden Sie doch Bergwerks-Ingenieurin, da ist das Männerangebot am größten", war die Reaktion eines Beraters vom Arbeitsamt, als die Abiturientin beim Beratungsgespräch den Berufswunsch "Ingenieurin" äußerte. Unter Absingen schmutziger Lieder verließ sie das Amt, erzählte die Kollegin kürzlich auf einer Pressekonferenz von Antriebstechnik-Spezialist Wittenstein. Das Beratungsgespräch ist zwar schon einige Jahre her, aber geändert hat sich außer dem Namen für die Behörde an der Tatsache wenig, dass Frauen in typischen Technikberufen immer noch die Ausnahme sind. Die Pressekonferenz stand übrigens unter dem passenden Motto "Technik wird weiblich", und zur Untermauerung dieser These bestand das komplette Wittenstein-Team auf der Hannover Messe aus Frauen. Mit "kommunikativ, teamorientiert, einfühlsam" nannte Dr. Anna-Katharina Wittenstein, Geschäftsführerin der Wittenstein AG Schweiz, einige Gründe, warum Frauen und technische Berufe keineswegs verschiedenen Welten angehören müssen. Wittenstein: "In der Entwicklung und im Vertrieb nutzen wir verstärkt die Zusammenarbeit von Männern und Frauen in der Technik, um zu komplett neuen Lösungen zu kommen." Ob Technik deshalb nun gleich weiblich werden muss, sei dahingestellt - aber ohne Frage würde der Gesellschaft ein höherer Anteil von Frauen in technischen Berufen gut tun. Doch die Realität sieht völlig anders aus: So gab bei einer gerade durchgeführten Studie des VDE mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen an, keine Ingenieurinnen zu beschäftigen. Bei 39 Prozent der Unternehmen macht der Anteil der Ingenieurinnen an allen Mitarbeitern bis zu fünf Prozent aus. Bei keinem Unternehmen stellen sie mehr als 20 Prozent der Belegschaft. Und der Anteil von Frauen in technischen Studiengängen liegt nicht nur auf niedrigem Niveau - im Maschinenbau derzeit bei etwa 15 Prozent, in der Elektrotechnik bei weit unter zehn Prozent -, sondern nimmt seit einigen Jahren stetig ab. Zwar bemüht sich die Industrie teilweise sehr engagiert um weiblichen Nachwuchs, etwa mit dem Girls-Day. Doch gegen den zunehmend technikfeindlichen Trend der Gesellschaft kommen solche Aktionen nicht an. Zudem unterstützen viele Schulen die aufwändigen Aktivitäten der Unternehmen kaum. In vielen Klassen wurde der Girls-Day gar nicht thematisiert, für die Lehrkräfte war es wohl überwiegend ein willkommener freier Tag. Entsprechend verpuffen die Bemühungen der Firmen. Auf ihre Erinnerung an die Eindrücke aus der Firma befragt, erklärte mir ein Mädchen, dass es auf der Damentoilette der Firma nicht einmal eine Ablage für die Schminkutensilien gab. Ob diese zunehmende Technikferne der Jugend - denn bei den Jungs sieht es nicht besser aus - auch etwas damit zu tun hat, dass im Kindergarten und der Grundschule zum allergrößten Teil Frauen unterrichten, wagt man(n) heute ja kaum mehr zu hinterfragen. Jedenfalls weckte mein Versuch der Nachwuchswerbung bei einer unserer Töchter, die gerade überlegt, welches Studienfach sie wählen soll, eine Reaktion, die stark der des Arbeitsamtberaters vor 20 Jahren ähnelte: "Maschinenbau? Da sind doch nur Männer!"

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Hajo Stotz, Chefredakteur

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