Editorial

Politiker sind Philosophen

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Dass die Aussage von Seneca (bis 65 n. Chr.) nicht stimmt, weiß jeder, der Schule oder Studium hinter sich hat. Auch die, die jetzt neu in das Berufsleben starten, werden schnell merken: Den Großteil des Gelernten benötigen sie nie wieder. Dennoch ist unbestritten, dass Bildung, Aus- und Weiterbildung die Zukunft sind – vorausgesetzt, dieser wertvolle Rohstoff wird richtig gefördert.

Deshalb unternimmt die Industrie selbst in der Krise alle entsprechenden Anstrengungen. Wie z.B. die Hoffmann Group in München: „Auch in der Wirtschaftskrise ist die Aus- und Weiterbildung für uns von hoher Wichtigkeit. Wir haben in diesem Herbst wieder Auszubildende eingestellt und investieren in e-Learning, um unsere Mitarbeiter noch gezielter zu qualifizieren“, so Bert Bleicher, Sprecher der Gruppe.

Und Christian Wolf, Geschäftsführer Marketing der Turck-Gruppe, ist der Überzeugung, dass der „viel beschriebene Führungskräftemangel häufig eine Folge vom schwachen Ausbildungswesen im Unternehmen“ ist. Daher sind „etwa 5 Prozent der Turck-Mitarbeiter an den drei deutschen Standorten Auszubildende“, insgesamt sind es in Deutschland 75 Azubis. Fest steht: Wo Aus- und Weiterbildung von den Unternehmen selbst zumindest mitverantwortet wird, hat sie weltweit einen ausgezeichneten Ruf.

Wo aber die Politik beim Thema Bildung das Sagen hat, verliert die Republik allen Studien zufolge immer öfter den Anschluss. Und zunehmend stellen auch die Unternehmen fest, dass die Qualität der Schul- und Studienabgänger stetig sinkt. Zwar betont jede Partei – da sind sich alle einig – wie wichtig ihr das Thema Bildung ist. Dennoch gibt es nirgends eine größere Kluft zwischen Aussagen und Realität. So hat Bundeskanzlerin Merkel Deutschland gar zur Bildungsrepublik ausgerufen. Ein Land, das jährlich 70.000 (!) Schulabbrecher produziert.

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Dabei gilt: Bildungspolitik ist Ländersache, die Finanzierung muss vom Bund kommen und die jeweilige Bildungspolitik muss auf jeden Fall anders aussehen als die der anderen Bundesländer. Dass aufgrund dieses zweifelhaften Wettbewerbs Schüler, Studenten, Eltern, die Ausbildungsstätten, die Industrie und letztendlich wir alle mehr leiden als profitieren – egal. Hauptsache anders.

Und bei dieser bildungspolitischen Separationspolitik werden die Länder auch noch vom Bund unterstützt. So sprach sich Bundeskanzlerin Merkel schon häufig für den Bildungswettbewerb der Länder aus, und auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan wurde nicht müde, ihr Mantra zu wiederholen: Bildung ist Ländersache. Dass sie damit systematisch die Position ihres eigenen Bundesministeriums untergraben hat, brachte ihr den Beinamen „Annette ohne Land“ ein.

Aber nach der Wahl werden ihr die Konsequenzen ihres Handelns, genau wie ihren gut pensionierten Vorgängern auch, gleichgültig sein – sie wird als neue Chefin der Konrad-Adenauer-Stiftung gehandelt. Dabei benötigen wir gerade in der Krise eine Bildungspolitik, mit der so viele wie möglich zum bestmöglichen Abschluss geführt werden.

Leider wird das wohl ein frommer Wunsch bleiben, egal wer Ende September an die Macht kommt. Denn wie Seneca bereits vor 2.000 Jahren, entgegen der ihm eingangs zugeschobenen Aussage, festgestellt hatte: „Non vitae, sed scholae discimus/Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“

Eine berechtigte Kritik, damals so zutreffend wie heute – aber weil es besser klingt, wurde dieses ursprüngliche Zitat später abgefälscht. Ich vermute: von Politikern.

Hajo Stotz
Chefredakteur

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