Editorial

Löscher und die Lehmschicht

„Wir erwarten, dass der Umsatz von Siemens im Geschäftsjahr 2008 organisch doppelt so schnell wachsen wird wie das Welt-Bruttoinlandsprodukt“, so Siemens-Vorstand Peter Löscher vor wenigen Wochen, „unsere Auftragsbücher sind so voll wie noch nie.“ Der Konzern erzielt weltweit mit rund 400.000 Mitarbeitern mehr als 70 Milliarden Euro Umsatz.

Volle Auftragsbücher und starkes Wachstum sind normalerweise für Unternehmen ein Anlass, über Personalerweiterung nachzudenken. Nicht so bei Siemens: Fast 17.000 Stellen will Löscher abbauen – davon über 5.000 in Deutschland. Stark betroffen sind die Standorte Erlangen (1.300), München (1.000), Nürnberg (550) und Berlin (350).

Dabei will der Siemens-Chef vor allem die „Lehmschicht“ abtragen. Lehmschicht? Das klingt schmuddelig - hat aber nichts mit dem Siemens-Bestechungsskandal zu tun. Löscher versteht darunter die mittlere Führungsebene im Unternehmen, Leitende Angestellte und Mitarbeiter, die in den Büros sitzen, die die Produktion planen, die Logistik organisieren, neue Produkte entwickeln oder Rechnungen buchen. Diese „Lehmschicht“ ist die tragende Mittelschicht in jedem Unternehmen.

Personalabbau ist immer ein unangenehmer Prozess. Hier ist in Stil und Ton Sensibilität nötig, um die Fronten nicht unnötig zu verhärten. Ein Chef, der sich seinen Mitarbeitern verantwortlich fühlt, bezeichnet sie nicht als Lehmschicht – sowenig wie man seine Kleinkunden „Peanuts“ nennt, wie einst Deutsche Bank-Chef Hilmar Kopper. Es sei denn, man hat eine mehr oder weniger große Distanz zu ihnen. Der Österreicher Löscher ist nun ein Jahr bei Siemens und in Deutschland. Mit den traditionellen Siemens-Bereichen Automatisierung, Elektronik oder Industrie war er vorher nicht in Berührung gekommen, sein Gebiet ist die Pharmaindustrie, geprägt wurde er durch internationale Erfahrungen rund um den Globus. Er studierte in Wien und Hongkong, seine spanische Frau Marta lernte er in England kennen, die drei Kinder sind in den USA geboren. Löscher arbeitete für Hoechst in Spanien, Großbritannien und Japan, war für Aventis in Japan, wechselte zu einem Pharmaunternehmen in London, war dann beim US-Konzern General Electric und zuletzt bei dem US-Pharmariesen Merck.

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Diese Erfahrungen bestimmen offenbar auch sein Handeln und seine Einstellung zu den Mitarbeitern. Peter Löscher ist erst der zwölfte Chef von Siemens, doch der Konzern erfährt durch ihn eine der tiefgreifendsten Restrukturierungen in seiner 161-jährigen Geschichte. Kaum im Amt, hat er die Führungsgremien verkleinert und das Geschäft in den drei Säulen Industrie, Energie und Gesundheit zusammengefasst.

Siemens war einst der Vorzeigekonzern der deutschen Industrie, sozusagen die Deutschland AG. Und irgendwie eine große Familie. Wer zu ihr gehörte, war stolz darauf und konnte sich auch beschützt fühlen. Spätestens mit Löscher gibt es diese Sicherheit nicht mehr.

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