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EditorialGeiz ist krank

Die Geiz- und Sparwelle hält Deutschland fest im Griff. Nicht nur die Konsumenten sparen bei Elektronikgeräten, Lebensmitteln und Autos, sondern auch Geschäftsführer und Manager treten auf die Investitionsbremse. So haben die sieben deutschen Global-Player BMW, Daimler Chrysler, Siemens, Thyssen Krupp, VW, MAN und Linde in den letzten drei Jahren im Durchschnitt nur noch zwei Drittel der erwirtschafteten liquiden Mittel für Investitionen verwendet, heißt es in einer Analyse der IG Metall. In Zahlen: von den weltweit erwirtschafteten 85 Milliarden Euro wurden nur 65 Prozent reinvestiert, die restlichen 35 Prozent wurden zur Ausschüttung an die Aktionäre und das Management verwendet, zur Tilgung von Schulden oder verblieben einfach in der Kasse.

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Dabei ist die Investitionszurückhaltung nicht nur bei den Konzernen zu beobachten. Auch viele Geschäftsführern und Entscheider der klein- und mittelständischen Unternehmen scheinen von der Vorstellung befallen, sich (im Inland) gesund hungern zu müssen.

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Doch Sparen ist kein langfristiger Weg aus der Krise. Und schon gar keine primäre Eigenschaft von Managern, sondern Ausdruck einer Buchhalter-Mentalität.

Entscheider sind dagegen gefordert, ihr Unternehmen für die Zukunft aufzustellen, entsprechend zu handeln und Entscheidungen durch Investitionen in Innovationen, Mitarbeiter und Technik zu treffen.

Zahlreiche Anregungen dafür konnte man auf der letzten EMO in Hannover finden: Präzisionswerkzeughersteller wie Sandvik Coromant, Komet oder Walter AG haben im Bereich der Zerspanung Produktivitätssteigerungsmöglichkeiten von bis zu 30 Prozent aufgezeigt, die Werkzeugmaschinenhersteller können die Span zu Span-Zeit in ähnlicher Höhe reduzieren, und Softwareanbieter wie Coscom stellen durchgängige IT-Lösungen vor, die die Prozesse um einen vergleichbaren Faktor beschleunigen. Solche Potenziale ausschöpfen kann freilich nur, wer den Mut hat, in neue Techniken und Prozesse zu investieren.

Im Ausland hat man dies offensichtlich besser erkannt, denn die Exportquote der deutschen WZM-Industrie wächst von Jahr zu Jahr. Hierzulande reagieren die Unternehmen eher wie beim Beamtenmikado: wer sich bewegt, hat verloren.

Gildemeister-Chef Rüdiger Kapitza berichtete auf der EMO, dass das Unternehmen eine Vielzahl von Aufträgen vorliegen habe, die eine Rücktrittsoption je nach Ausgang der Bundestagswahl beinhalten. Die Wahl ist gelaufen, doch für die Zauderer ist der schlimmste aller Fälle eingetroffen: das politische Kräfteverhältnis ist unklarer denn je. Wieder ein Grund, weniger zu Investieren?

Hier beißt sich die deutsche Katze offensichtlich in den eigenen Schwanz: keiner will investieren – die Umsätze brechen weg – keiner kann investieren... Wenn in Deutschland immer weniger Geld ausgegeben wird für hochwertige Technik und ausgebildetes Personal, sondern das gesamte Geld ins Ausland und in billige fernöstliche Produkte fließt– wer muss sich da wundern, dass irgendwann nur noch dort investiert wird, wo die Nachfrage herrscht: 2004 stieg die Quote der Unternehmen, die außerhalb Deutschlands investiert haben, auf Rekordhöhe an: auf 43 Prozent (38 Prozent in 2003). Überproportionalen Anteil hat dabei, nach der Untersuchung der IHK´s, der industrielle Mittelstand.

Auch im privaten Bereich zeigt sich, dass das Geld durchaus vorhanden ist: für Reisen gaben die Deutschen rund 58 Milliarden Euro aus– auch neuer Rekord. Aber meiner Meinung nach keine Leistungen, auf die wir besonders stolz sein müssen.

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