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EditorialEntwicklungen verschlafen

Für diese Entscheidung musste Siemens-Chef Klaus Kleinfeld von allen Seiten massive Kritik einstecken: Er verschenkte den unrentablen Mobile-Bereich inklusive einer Mitgift von rund 350 Millionen Euro an den taiwanesischen Hersteller BenQ. Doch Kleinfeld, seit einem Jahr an der Siemens-Spitze, konnte nicht mehr anders handeln, um noch größeren Schaden vom Restkonzern abzuwenden, der für das drohende Milliardenloch hätte einspringen müssen.

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Nun müssen die 6.000 Mitarbeiter von Siemens Mobile die Fehler ausbaden, die in den letzten Jahren das ­Management der Sparte und Kleinfeld-Vorgänger von Pierer gemacht haben. Der Fall Siemens Mobile ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn die Verantwortlichen Entwicklungen nicht rechtzeitig erkennen.

So soll erst in diesem Herbst ein UMTS-Handy auf den Markt kommen. Besonders blamabel: Die Technik dazu stammt vom Konkurrenten Motorola. Nicht besser stellte sich das Unternehmen bei der Einführung von Foto- und Klapphandys an. Die Siemens-Modelle kamen erst Monate nach dem Wettbewerb auf den Markt.

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Die Konzentration auf das Niedrig-Preissegment war ein weiterer Fehler. Hier lassen sich nur niedrige Margen erzielen – die notwendigen Stückzahlen, die für Gewinne nötig sind, erreichte Siemens nie. High-End-Handys, wie sie Nokia oder Motorola bieten, ermöglichen bessere Erlöse und heben vor allem das Image der Hersteller.

Als dann das Management noch massive Qualitätsprobleme nicht erkannte, zwang im vergangenen Herbst ein Softwarefehler bei der S65-Reihe Siemens zu einer großen Rückrufaktion. Folge: die Verkaufzahlen sanken in den Keller. Die erheblichen Zugeständnisse der Belegschaft im letzten Jahr bei Gehalt und Arbeitszeit konnten die Einbrüche nicht auffangen. Wobei das Argument der teuren Arbeitskosten in der Mobile-Branche gar nicht sticht: Wettbewerber wie Motorola und Nokia fertigen auch in Deutschland. Doch im Gegensatz zu diesen konnte sich Siemens nie ein klares Image verschaffen. Es gelang nicht, bei den Jugendlichen in den Ruf eines „coolen“ Produktes zu kommen, und im High-End-Bereich, etwa bei Geschäftskunden, fehlten die Ideen.

Kleinfeld konnte daher kaum noch anders handeln. Für Deutschland ist der Verlust des Mobile-Sparte aber irreparabel: Im Unterschied zu vielen Branchen, wo die Arbeitskosten tatsächlich einen entscheidenden Standortnachteil bilden, ist die Mobile-Fertigung eine High-End-Branche, die in Deutschland gute Voraussetzungen findet – wenn die Unternehmen Kreativität, Innovationskraft, Flexibilität, Know-how, Entscheidungsfreudigkeit, motivierte Mitarbeiter, gutes Marketing und eine Unternehmensvision mitbringen. Fehlt es an einer der Eigenschaften, tut sich ein Unternehmen hierzulande schwer. Doch mangelt es an allen, hat es nirgends eine Chance.

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