Editorial

Einerseits - andererseits

Irgendwie passt das nicht mehr: Einerseits haben 70 Prozent der Unternehmen Probleme, passende Fachkräfte zu finden, so die Ergebnisse verschiedener Studien. Mehr als 60.000 Ingenieure fehlen der Industrie, beklagen die Arbeitgeberverbände. Besserung? Nicht in Sicht. Der demographische Wandel wird die Situation noch verschärfen: Bis 2030 werden rund 6 Mio. Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen. Anderseits: Rund 3 Mio. Arbeitslose meldet die Arbeitsagentur offiziell. Inoffiziell haben wahrscheinlich mehr als 7 Mio. Deutsche keinen vollwertigen Job.
Einerseits beklagt der IT-Verband Bitkom rund 28.000 offene Stellen - von 850.000 Jobs insgesamt. Andererseits: Allein bei der Bundesagentur für Arbeit waren im Herbst 2010 gut 30.000 IT-Fachkräfte arbeitslos gemeldet - private Jobvermittler noch gar nicht mit gerechnet.
Einerseits suchen gerade im Süden der Republik viele kleine Firmen händeringend Mitarbeiter. Andererseits: Immer mehr Schweizer stöhnen über die "Billig-"Konkurrenz aus Deutschland. Einerseits sollen wir, um den Fachkräftemangel auszugleichen, nicht nur bis 67, sondern auch 45 Stunden pro Woche arbeiten, so die Idee von FDP-Minister Rösler. Andererseits: Wer mit über 60 Jahren arbeitslos wird, hat auch mit besten Qualifikationen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Schon heute sind nicht mal ein Viertel der 60- bis 64-Jährigen noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt.
Einerseits exportiert Deutschland mehr hochpreisige Produkte als jedes andere Industrieland. Andererseits: In einigen Regionen und Branchen dümpeln die Mindestlöhne bei 6,60 Euro, real unterschreitet der Lohn schon die vier Euro.
Einerseits wird um Hartz IV-Erhöhungen von fünf Euro im Monat gefeilscht. Andererseits: Gefeuerte Vorstände, wie der Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher, kriegen zum Abschied noch eine Millionen-Abfindung.
Einerseits fordern Politiker und Verbände die Öffnung des Marktes für Nicht-EU-Fachkräfte. Andererseits: Viele gut ausgebildete Nicht-EU-Bürger arbeiten in Hilfsjobs, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden. 918.000 der in Deutschland lebenden Migranten haben studiert oder promoviert. Jedoch: Die allermeisten dieser Abschlüsse werden hier nicht anerkannt. Einerseits werden diejenigen, die in produktiver Arbeit stehen und mit ihren Steuern die Ausgaben des Staates finanzieren, immer weniger. Andererseits: Die Zahl derer, die vom Staat versorgt werden müssen oder wollen, steigt stetig. Diese Kosten können nur finanziert werden, wenn die erste Gruppe immer stärker belastet wird - durch Steuern, indirekte Abgaben, mehr Arbeit, mehr Wochenstunden, längere Lebensarbeitszeit.
Verständlich, wenn ersteren dieses Modell eher früher als später irgendwie nicht mehr passt.

Hajo Stotz, Chefredakteur
stotz@hoppenstedt.de
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