Editorial

Der den Karren zieht

Max Reisböck hatte ein Problem. Für den Urlaub mit vier Personen und Kinderwagen benötigte der BMW-Fahrer ein Auto mit mehr Platz, wollte aber auf seinen 3er nicht verzichten. Die Münchner hatten allerdings damals – Mitte der 80er - keinen Kombi im Programm. Reisböck hinderte das nicht: der Meister aus der BMW-Prototypen-Abteilung baute sich nach Feierabend einen 3er zu einem Kombi um. Den bekam der damalige BMW-Chef Eberhard von Kuenheim zu Gesicht und entschied: „Den bauen wir.“ 1988 ging Reisböcks Kombi dann mit minimalen Änderungen als BMW Touring in Serie.

Innovationen machen den Unterschied zum Wettbewerb. Ganz besonders in Krisenzeiten, wenn nicht nur die reine Lieferfähigkeit des Produktes für den Kunden eine Rolle spielt, sondern vor allem der Zeit- oder Kostenvorteil, den er mit der neuen Lösung erzielen kann.

Doch wenn es um Innovationen geht, stehen sich die meisten Unternehmen selbst im Weg. Meist zählt nur das absolut Neue. Die Optimierung des bestehenden Produktes, der intelligentere Produktionsprozess, der freundlichere Service sind jedoch ebenfalls wichtige Innovationen – und oft die besseren. Viele Manager klammern sich aber – besonders in schweren Zeiten – lieber an die vage Hoffnung, mit „dem“ ganz neuen Produkt auf den Markt zu kommen, als in die Kärrnerarbeit der Produktoptimierung unter Kundengesichtspunkten einzusteigen.

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Das musste selbst Softwaregigant Microsoft mit seinem Betriebssystem Vista lernen, das vollgepackt war mit allerlei technischen Gimmicks – die der Kunde aber gar nicht wollte. Nachfolger Windows 7 ist nun schneller, schlanker und vor allem viel einfacher zu bedienen.

Viele andere Unternehmen würden ebenfalls gut daran tun, den ersten Schritt vor dem zweiten zu tun und statt einer völlig neuen Innovation ihr bestehendes Produkt kundenfreundlicher zu entwickeln. Oder haben Sie sich etwa noch nie über das Eigenleben Ihres vollbeladenen Einkaufswagens geärgert? Bei einer Verbraucherbefragung des Hausgeräteherstellers Dyson landete der Supermarkt-Trolley auf Platz eins der Frustrationen im Alltag, gefolgt von abstürzenden Computern, Schwingdeckel-Mülleimern, mangelhaftem Handyempfang und unprogrammierbaren Videorekordern. Auf meiner Hitliste steht auch das Navisystem, das mich ständig auf die Autobahn zurücklotsen will, die ich wegen eines Staus gerade verlassen habe. Oder der Chipschlüssel im Hotel, in dem ich gerade sitze: mit ihm kann man nicht nur die Zimmertür öffnen, sondern auch das Licht einschalten und den Lift bedienen – wenn man endlich herausbekommen hat, wie herum das Ding eingesteckt werden muss.

Um Innovationen zu fördern, würde es in den meisten Unternehmen schon ausreichen, nicht systematisch neue Ideen zu verhindern – nach dem Motto: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Die Erfindung des Touring ist ein Paradebeispiel dafür: Ein Kreativer, der die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Umfeld entwickelt. Diese Querdenker sind unverzichtbar für jedes innovative Unternehmen.

Wichtig ist auch die Förderung eines innovativen Klimas. Hektisches Großraumbüro mit Kleidungsvorschrift oder stilles Kämmerlein in der Schlabberhose – wo wird der Mensch wohl mehr Ideen produzieren? Unverzichtbar ist jedoch vor allem die Unterstützung „von oben“. Hätte von Kuenheim die Feierabend-Entwicklung in der Schublade verschwinden lassen, wäre BMW erst Jahre später mit einem Kombimodell auf den Markt gekommen.
So aber hatte Max Reisböck wieder ein Problem. Denn sein Kombi durfte das Werk nach von Kuenheims Entscheidung nicht mehr verlassen, und er musste mit einem VW-Bus in Urlaub fahren. Querdenker haben es einfach schwer.

Hajo Stotz

Chefredakteur

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