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EditorialAnnettes Ingenieure

Unter der Schulaufgabe, die Tobias kürzlich mit nach Hause brachte, steht als Bemerkung der Lehrerin „Aufgabe falsch gelöst“. Der 7-jährige sollte eine Hecke und die darin lebenden Tiere zeichnen. Seine Eltern können keinen Fehler finden, sondern sind im Gegenteil erstaunt, wie viele Tiere ihr Sohn kennt und fragen bei der Lehrkraft nach. Ihre unglaubliche Antwort: Er hat mehr Tiere gezeichnet als die Klasse in der Stunde durchgesprochen hat. Ergo: er weiß zuviel.

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Frusterlebnisse wie dieses kennt jeder aus der eigenen Schulzeit. Eine Ursache dafür, wie eine jüngst veröffentlichte Studie des Ifo-Instituts aufzeigte: Vor allem schlechte Abiturienten streben ins Lehramt. Diese Studie sowie der rapide wachsende Lehrermangel waren wohl der Anlass für Annette Schavan, in einem Interview am Rosenmontag die Entsendung von Managern aus der Wirtschaft als Lehrkräfte an Schulen zu fordern. Zum Beispiel könne ein Ingenieur zwei Stunden wöchentlich Physik- und Mathematikunterricht geben, schlug die Bundesbildungsministerin vor.

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In vielen Bundesländern herrscht Lehrermangel, weil sie es versäumt haben, ausreichend Pädagogen auszubilden. Und das Problem wächst: ein Drittel der Lehrer geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Vor ihrem Job als Bundesministerin war Annette Schavan Kultusministerin in Baden-Württemberg. Das Land leidet heute besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern unter starkem Lehrermangel und bemüht sich mit einer großangelegten Werbekampagne intensiv, Lehrer aus anderen Bundesländern abzuwerben. Was nun dazu geführt hat, dass Berlin seinen Pädagogen mit einer 50-prozentigen Gehaltserhöhung zu einer neuen Sichtweise der Attraktivitäten der Bundeshauptstadt verhelfen will.

Schavan kennt die Versäumnisse also genau, hat sie sie als Kultusministerin doch selbst mit verursacht. Doch die Politikerin zäumt das Pferd von hinten auf.

Viele Lehrer sind pädagogisch und didaktisch überfordert und nicht in der Lage, den Schülern Wissen interessant verpackt zu vermitteln und vor allem den Spaß am Lernen zu lehren. Aber statt Ingenieure in die Schule zu schicken, müssten Ausbildung und Lehrerberuf praxisbezogener und attraktiver werden. Angehende Pädagogen sollten zudem während der Ausbildung ein Praktikum in der Industrie machen, um auch die weniger behütete Welt außerhalb des Schulsystems und Hörsaals kennenzulernen und Begriffe wie Wettbewerb einmal näher zu erleben.

Dazu müsste auch das gesamte Schulsystem, das gute wie schlechte Lehrer gleich behandelt und bisher als maximale Bestrafung einen unfähigen Pädagogen an eine andere Schule versetzt, leistungsbezogen gestaltet werden. Und dazu zählt: Wettbewerb zwischen den Schulen und zwischen den Lehrern zulassen. Der könnte beispielsweise durch offene Benotungen durch Eltern und Schüler entstehen, die – sowohl positive wie negative – Konsequenzen für den Lehrer oder die Schule haben.

Dieses Modell ist allerdings ebenso realistisch wie der Ruf nach „Ingenieure in die Schulen“ der studierten Erziehungswissenschaftlerin Schavan: Sie weiß genau, dass ihre Forderung zwar ein großes Echo, aber keine Konsequenzen auslöst. Denn die Bildungspolitik liegt komplett in der Hand der Länder. Von Tobias‘ Lehrerin hätte sie dafür wahrscheinlich eine „1“ erhalten: Denn sie weiß mehr, als sie sagt.

Hajo Stotz

Chefredakteur SCOPE

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