Editorial

Frau Holle durch die Hintertür

„Schei$$-Globalisierung“ schimpfte kürzlich der Geschäftsführer eines Softwarehauses. Er hatte einem Interessenten ein Angebot über mehrere hundert CAD/CAM-Lizenzen gemacht. Dieser hatte sich jedoch über seine Niederlassung in den USA auch ein Angebot eines dortigen Händlers eingeholt. Das zeigte zwar unterm Strich den gleichen Betrag – aber mit Dollar- statt Euro-Zeichen dahinter, und damit um über 30 Prozent günstiger.

In Zeiten der Globalisierung und weltweiten Vernetzung nutzt der beste Gebietsschutz nichts mehr. Doch zukünftig dürfte der weit härtere Wettbewerb durch das Internet selbst stattfinden: Denn mit Cloud Computing werden die Veränderungen in wenigen Jahren gerade für kleine und mittelständische IT-Softwarehäuser und ihre Kunden weit über den Preiskampf hinausgehen.

Cloud Computing hat das Zeug, die Softwarewelt auf den Kopf zu stellen. Denn wer kauft noch teure Lizenzen, wenn die Programme für weit weniger Geld im Internet zu mieten sind. Statt teurer Software, die auf eigenen Computern läuft, können Betriebe die IT günstig und nach Bedarf bei einem Cloud-Betreiber mieten. Die Programme laufen in riesigen Rechenzentren, auf die dank schneller Internetverbindungen zugegriffen werden kann, als stünde der Computer unter dem Schreibtisch. Zu den Unternehmen, die mit Cloud Computing auf das große Geschäft hoffen, gehören Konzerne wie IBM, Google, Microsoft, Amazon oder Salesforce, aber auch viele mittlere und kleine Anbieter. In Deutschland gibt es bereits über 700 davon. Und alleine hierzulande soll der Umsatz mit der Internet-Technologie dem Branchenverband Bitkom zufolge von 650 Millionen Euro in diesem Jahr auf rund acht Milliarden Euro in 2015 steigen.

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Aber noch kennen die meisten Anwender den Begriff nicht einmal. Und die mittelständischen ERP- und CAD/CAM-Softwarehäuser schätzen die Cloud meist als weiteres Mäntelchen für die altbekannte Mietsoftware ein, die seit Jahren unter wechselnden Begriffen wie Application Service Providing, On-Demand oder zuletzt SaaS (Software-as-a-Service) daherkommt.

Doch die Wolke ist mehr – und sie wird über die Hintertüre kommen. Denn viele IT-Nutzer der jungen Generation wachsen bereits mit Cloud-Anwendungen auf und nutzen beispielsweise Google‘s Online-Bürolösungen, speichern ihre Daten, Filme oder Fotos im Netz und verwalten ihre e-Mails auf Online-Servern. Spätestens wenn die Facebook-Generation ihren Platz an den Entscheidungshebeln in den Betrieben eingenommen hat, wird sich auch die Einstellung zur Online-Nutzung von Industrie-Software wandeln.

Doch noch steht die große Mehrheit der Betriebe in Deutschland der Verlagerung ihrer sensiblen Daten ins Netz sehr skeptisch gegenüber – und das sicher zu Recht. So wurde etwa das Startup-Unternehmen http://Radio.de kürzlich für zwei Tage komplett von seinen Daten abgeschnitten, wie die Wochenzeitung Zeit berichtete. Der Grund: weil ein Rechnungsbetrag von wenigen Hundert Euro nicht abgebucht werden konnte, hatte Vermieter Google der deutschen Firma ohne Vorwarnung den Zugang zu ihrer Büro-Software und den zugehörigen Unterlagen gesperrt.
Da ist es doch gut, wenn man neben den wolkigen Inhalten im Internet auch noch reales Papier in der Hand halten kann – wie etwa die SCOPE.

Und die nun seit 50 Jahren. Im Mai 2011 feiern wir unser Jubiläum und möchten Sie als Leser dazu herzlich einladen, uns Ihre Meinung zu SCOPE zu schreiben. Lassen Sie uns wissen, welche Erfahrungen Sie mit SCOPE gemacht haben, was Sie an SCOPE schätzen (oder nicht), und was Sie sich von uns erwarten. Die Gedanken sind frei – von Kritisieren bis Gratulieren ist alles erwünscht.

Dafür bekommen Sie auch ein Stückchen von unserer Geburtstagstorte ab: Die außergewöhnlichste Einsendung belohnt die Redaktion mit einem iPod Nano!

Hajo Stotz, Chefredakteur
stotz@hoppenstedt.de
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