Editorial

Das Chaos regiert

Im Hörsaal zu Beginn der Maschinenbau-Vorlesung. Professor: "Sehen Sie sich die Personen rechts und links neben Ihnen noch einmal an. Eine von Ihnen wird am Ende des Semesters nicht mehr dort sein..."

Hajo Stotz / Chefredakteur

Ein Witz? Nicht mehr - die Realität hat ihn überholt: Bei den neuen Bachelorstudiengängen gibt es, anders als von der Politik erwartet, nicht weniger, sondern mehr Studienabbrecher. Die in unserem Editorial "Ingenieur light" in Ausgabe 08/2007 geäußerten Befürchtungen zu den neuen Abschlüssen Magister und Bachelor scheinen sich zu bestätigen. Auch die lebhafte Resonanz aus Industrie und Hochschulen war mehrheitlich von kritischem Tenor geprägt: zunehmende Verschulung, überfrachtete Stundenpläne, Klausurenmarathon, Studiengebühren, Überforderung. Besonders kritisch wird der Umstellungsprozess auf Bachelor- und Masterstudiengänge beurteilt: Diplom- und Bachelor-Studiengänge müssen sich um die limitierten Prüfungsplätze raufen - wer sich zu spät zur Prüfung einträgt, darf ein Semester warten. Innerhalb von zwei Tagen finden fünf Prüfungen statt, und dann noch welche zum exakt selben Zeitpunkt. Und für das Diplom finden sie dann nicht mehr an der Fachhochschule statt - denn dort wird das Fach mit dem Bachelor nicht mehr angeboten - sondern die FH-Diplomanten müssen die Scheine an der nächsten Universität machen. Und, und, und. Auch die entsprechenden Webseiten - wie etwa StudiVZ - sind voll von Klagen und Fragen. Statt geregelter Umstellung scheint an manchen Hoch- und Fachhochschulen das Chaos zu regieren.

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Bestätigt wird dieses Bild nun durch eine aktuelle Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS): An den Fachhochschulen liegt danach die Abbrecherquote beim Bachelor bei 39 Prozent. Die Gesamtabbrecherzahl in allen Studiengängen beträgt "nur" 22 Prozent. An den Universitäten scheiterten 25 Prozent der Bachelorstudenten, von allen Studenten dagegen 20 Prozent. Besonders gestiegen sind dabei die Abbrecherzahlen bei Maschinenbauern, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftlern - wobei diese Fachbereiche bereits in Vor-Bachelor-Zeiten besonders viele Abbrecher aufwiesen. Für die Industrie können die Folgen fatal sein: Statt die für den Standort Deutschland und seine Industrie elementar wichtigen, technischen Studienfächer für die immer technikferneren Schulabgänger wieder attraktiver zu machen, wurde die Studienzeit theoretisch verkürzt, der Stoff selbst aber praktisch nicht reduziert - und damit das Studium noch schwerer. Dazu kommt, dass an den Fachhochschulen die Abbrecherquote besonders hoch sind, weil sie viele technische und ökonomische Studiengänge anbieten. Zudem finden sich hier mehr Studenten aus den einkommensschwachen Schichten, die über den zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen sind und es durch Nebenjobs selbst finanzieren. Sie trifft die Verkürzung besonders hart. Denn zu dem vollgestopften Stundenplan müssen sie nebenbei noch Geld verdienen. Weiter verschärft wird die Situation durch die in vielen Bundesländern eingeführte Studiengebühr. Die Versprechen der Politik und Hochschulen, dass sich mit den Studiengebühren die Qualität und Ausstattung der Hoch- und Fachhochschulen verbessern würde, sind bisher jedenfalls nicht eingetroffen. Zitat eines Maschinenbau-Studenten: "Von den zehn Millionen Euro Studiengebühren für unsere Uni wurden drei neue Beamer angeschafft."

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