Editorial

Christines Konsum-Kritik

Die Hannover Messe wird sich umstellen müssen, statt dem Partnerland Italien wie dieses Jahr - bzw. Korea in 2009, Japan in 2008 oder Türkei in 2007 – könnten demnächst die Regionen Elbe-Elster, Ludwigslust, Merzig-Wadern, Stormarn oder Uckermark ihre Innovationstärke und Kaufkraft demonstrieren.

Zumindest, wenn es nach dem Willen von Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde geht. Sie bekam viel Unterstützung auch von anderen EU-Ländern für ihre Forderung, dass Deutschland weniger exportieren und dafür mehr importieren und konsumieren solle.

Wasser auf die Mühlen der sogenannten PIGS (Portugal, Italien, Griechenland und Spanien) dürfte zudem die Meldung der europäischen Statistikbehörde Eurostat gewesen sein, dass die Bundesrepublik ihre Wettbewerbsposition im EU-Vergleich dank langsam steigender Arbeitskosten weiter verbessert hat: Zwischen 1995 und 2006 stiegen die Löhne in Deutschland um weniger als 10 Prozent, während sie sich in der EU im Schnitt verdoppelt haben. Zur Freude deutscher Unternehmen gaben die Nachbarn ihre Lohnzuwächse auch aus – zum Beispiel für deutsche Produkte: Zwei Drittel unserer Exporte gehen in die EU.
Neben der hohen Innovationskraft der deutschen Unternehmen, die Sie in Form neuer Produkte und Lösungen auch auf der Hannover Messe sehen können, sind günstige Löhne und niedrige Steuern die Faktoren, die in den vergangenen Jahren die Exporte immer wichtiger für die Wirtschaft gemacht haben. Seit 2000 stieg der Exportanteil um 69 Prozent und trotz des Verlustes des Weltmeistertitels macht er inzwischen fast die Hälfte des heimischen Bruttoinlandsprodukts aus.

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Export- oder Vizeexport-Weltmeister zu sein, mag unser Ego stützen, nützt aber dem Standort, den Unternehmen und den Mitarbeitern nur, wenn die Erlöse auch hier investiert werden. Das ist aber immer weniger der Fall: Zwischen 1995 und 2004 halbierten sich die Investitionen der Unternehmen in Deutschland. Zwar stiegen sie zwischenzeitlich leicht an, doch nun beschleunigt sich der Abfluss wieder. So ist die Bundesrepublik einer der größten Anbieter von Kapital weltweit, und die Unternehmen, besonders die aktiengetriebenen Konzerne, investieren ihre Überschüsse zum großen Teil im Ausland. Gleichzeitig werden systematisch Stellen verlagert: Im letzten Jahr sind bei den DAX-Konzernen mehr als 22.000 Stellen weggefallen, und dabei sind Schätzungen zufolge vier von fünf Jobs hierzulande gestrichen worden.

Nun ziehen auch die Mittelständler nach: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erwartet, dass sich im laufenden Jahr rund 900.000 kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten im Ausland engagieren - das sind 150.000 mehr als im Vorjahr.

Deutschlands Problem ist nicht, dass wir zu viel oder zu wenig exportieren, sondern dass das Kapital diesem Standort offenbar weniger zutraut als anderen Ländern. Seine Probleme sind altbekannt, aber deshalb einer Lösung nicht näher: Das Bildungssystem muss dringend reformiert, Investitions- und Unternehmensgründungshemmnisse abgebaut, Geringverdiener ent- und Reiche und Erben belastet, Finanz- und Spekulationsgeschäfte höher besteuert und der Bürokratieapparat entschlackt werden. All das würde helfen, die Inlands-Kaufkraft zu stärken und diesen Standort für Investitionen wieder attraktiver zu machen.
Doch die Aussicht, dass dies geschieht, ist noch geringer als die Chance, in der Dienstleistungswüste Deutschland am Freitagnachmittag noch einen Handwerker telefonisch erreichen zu können.

So werden wir wahrscheinlich auch in Zukunft Angela Merkels uckermärkische Heimat nicht als Partnerregion auf der Hannovermesse finden. Die Kaufkraft der Provinz ist einfach zu uninteressant – und Aussicht auf Besserung besteht nicht.



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