Editorial

Der Wahnstreik

"Endlich Zeit, Projekte anzuschieben, statt auf der A5 zu stehen" – so wirbt die Bahn derzeit u.a. in der FAZ. Vor dem Hintergrund des aktuellen Bahnstreiks nehmen Millionen von Streikbetroffenen diese Werbung als Satire-Beitrag der Bahn wahr.

SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz

Dennoch bringen viele Kommentatoren der Gewerkschaft Verständnis entgegen, denn „Ein Streik muss weh tun, um wirksam zu sein“, meint zum Beispiel die Zeit.

Ich finde: Er muss den Richtigen weh tun. In diesem Streik stehen sich ein Quasi-Monopolist und eine kleine Gewerkschaft (GDL) gegenüber. Ein 8-köpfiger Bahnvorstand, der sich gerade trotz fast 6 Prozent Gewinneinbruch eine Verdoppelung der Erfolgsprämien auf 7,3 Mio. Euro gönnte, und ein Gewerkschaftsboss, der per Streik seiner Mini-Gewerkschaft (20.000 Lokführer) Einfluss-Wachstum erzwingen will. Doch die Folgen des Streiks spüren nicht die überbezahlten Bahnvorstände, sondern Millionen unbeteiligter Arbeitnehmer.

Große Streiks gab es auch in der Vor-GDL-Ära - damals aber vor allem in der Industrie. Doch wenn auch Hunderttausende Arbeitnehmer streikten, spürten die Folgen meist nur wenige. Dann aber die Richtigen: die Arbeitgeber. Heute legen wenige die Arbeit nieder – und treffen Millionen unbeteiligte Arbeitnehmer, ob als Pendler, Eltern oder Ferienreisende.

Noch 2009/2010 zeigten die Industrie-Gewerkschaften in der Krisenzeit Verantwortung, als sie auf überzogene Forderungen verzichteten und gemeinsam mit den Arbeitgebern hunderttausende Jobs durch flexible Arbeitszeitregelungen sicherten. Dank dieser vernünftigen Zusammenarbeit kam Deutschland relativ glimpflich durch die Krise. Bei den aktuellen Arbeitskämpfen will sich dagegen eine Berufsgruppe gegenüber anderen im gleichen Unternehmen besserstellen: So machen beispielsweise die Piloten der Lufthansa nur 10 Prozent der Beschäftigten aus, beziehen aber bereits 40 Prozent der Versorgungsansprüche – und wollen die weiter ausdehnen. Und die GDL kämpft um mehr Einfluss gegenüber der viel größeren Eisenbahngewerkschaft EVG (210.000 Mitglieder). Um dieses Erpressungspotenzial von Randgruppen einzuschränken, schlägt eine Expertengruppe eine Änderung des Streikrechtes vor: Ein Ausstand in kritischen Bereichen wie Verkehr, im Gesundheitswesen, Erziehung oder in der Energieversorgung müsste mindestens vier Tage im Voraus angekündigt werden, damit die Menschen sich besser darauf einstellen können. Und bevor es zum Streik kommt, müsste ein Schlichter vermitteln. Das würde Streiks nicht verbieten. Aber das Erpressungspotenzial durch die In-Geiselnahme von Unbeteiligten würde geringer werden.

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Wenn aber zukünftig immer mehr Minderheiten die Arbeitnehmermehrheit als Druckmittel einsetzen können, haben wir bald französische Zustände: Dort nutzen die Lokführer ihren Streikhebel schon seit Jahrzehnten aus und gehen nun bereits mit 50 in den Ruhestand. Deshalb denke ich ganz im Sinne der DB-Werbung: „Es ist endlich an der Zeit, entsprechende Projekte anzuschieben“ – nicht nur bei der Bahn.

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