Editorial

Alte Eisen

Höher – schneller – weiter... Der olympische Gedanke treibt nicht nur Athleten zu Höchstleistungen an, sondern manchmal auch Studierende. Zwei Studenten haben ein auf elf Semester angelegtes Studium an der Hochschule für Ökonomie und Management in vier absolviert – und damit wohl einen deutschen Rekord aufgestellt. Doch statt Medaillen haben sie eine Gebühren-Nachzahlung der Hochschule am Hals - rund 10.000 Euro. Dass die Uni mit aller Macht verhindern will, dass Studenten vor Ende der regulären Studienzeit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, zeugt von ziemlicher Realitätsferne. Denn dort werden gute Nachwuchskräfte händeringend gesucht.

Da diese aber nicht mehr in genügender Anzahl zu finden sind, rückt plötzlich eine ganz andere Altersgruppe in den Fokus. „Mitarbeiter über 40 bei Google unerwünscht“ und „Nur 1,9 Prozent der Mitarbeiter in hessischen Unternehmen sind 60 Jahre oder älter“ – diese Meldungen sind sieben Jahre alt. Damals hatte ich für ein Editorial „Jugendwahn“ recherchiert.
Schnee von gestern. Inzwischen titelt selbst die Bild: „Firmen holen ihre Rentner zurück!“ Vor allem zwei Gründe bewegen nicht nur Konzerne wie BMW, Daimler, ABB oder Bosch dazu, ihre alten Eisen wieder zum Glühen zu bringen, sondern auch Mittelständler wie Weidmüller. Der Kurzfristige: Die gute Auftragslage in vielen Betrieben. Der Langfristige: Die demografische Entwicklung.

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Beim ersten Grund bin ich nicht sicher, ob dieser Fachkräftemangel wirklich in jedem klagenden Unternehmen existiert oder nicht manchmal „Mangel an Kräften für unterbezahlte Jobs“ heißen müsste.

Und der zweite Grund lässt fragen: Handeln Arbeitgeber und vor allem der Staat wirklich so kurzsichtig? Unternehmen, die noch vor zwei, drei Jahren auch ihre besten Auszubildenden nicht übernehmen wollten, entdecken heute die Generation 50+ wieder? Und dass Deutschland immer älter wird, wurde bereits im letzten Jahrtausend zigfach thematisiert – doch bis heute haben es die Politiker nicht geschafft, hier gegenzusteuern oder entsprechende Strategien zu entwickeln? Gleichzeitig leistet sich dieser Staat 1,5 Millionen Jugendliche ohne Berufsabschluss und schafft es seit Jahren nicht, zigtausend arbeitswilligen jungen Müttern Tagesstätten für ihre Kinder zu bieten?
Aber es ist immer einfacher, kurzfristig als nachhaltig zu handeln.

Wohl deshalb bietet der Staat Arbeitgebern, die den Schuss noch nicht gehört haben, weiterhin Unterstützung bei der Altersteilzeit. So hat Niedersachsen dieses Jahr die Altersteilzeit für Beamte, Richter und Lehrer ab 60 eingeführt….

Übrigens fiel inzwischen im Fall der Studenten das Urteil: Sie müssen zahlen. Die Gebühren seien hier ein vertraglicher Gesamtpreis für das Studium, begründete der Richter. Offenbar auch ein Fall für die Altersteilzeit.

Hajo Stotz, Chefredakteur
stotz@hoppenstedt.de
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