Zerspanungsservice

"Ohne wenn und aber"

Seit 1. April ist Andreas Evertz Vorstandsvorsitzender der Walter AG und übernahm die Führung in einem schwierigen Umfeld: Nach 540 Millionen Euro 2008 war der Umsatz im vergangenen Krisenjahr um ein Drittel auf rund 360 Millionen Euro eingebrochen. Im Interview mit SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz beschreibt er seine strategischen Ziele.

SCOPE: Herr Evertz, welche strategischen Schwerpunkte setzen Sie bei der Führung des Unternehmens?

Evertz: Walter ist ein Global Player und gehört weltweit zu den Top-Anbietern von Präzisionswerkzeugen. Mein Ziel ist es, das Unternehmen auf diesem Weg kontinuierlich weiter zu entwickeln. Entscheidend ist dabei der Ausbau unserer Position als Kompetenzführer in der Branche. Diese Kompetenzführerschaft gründet sich auf drei Säulen: Unserem Komplett-Angebot an innovativen Zerspanungslösungen, unserem tiefen Know-how in den Branchen unserer Zielkunden sowie einem maßgeschneiderten, kundenindividuellen Angebot an Dienstleistungen. Gerade unsere Service-Kompetenz müssen wir noch stärker in den Fokus rücken. Qualitativ hochwertige Werkzeuge sind natürlich nach wie vor die Grundvoraussetzung für gute Zerspanungsergebnisse. Doch die Kunden verlangen mittlerweile viel mehr von einem Anbieter: ganze Lösungskonzepte, wie sie mit Hilfe von Werkzeugen ihre Produktivität steigern und ihre Bauteilkosten senken können. Dabei kommt es darauf an, die Werkzeuge richtig einzusetzen und so in die bestehenden Produktionsprozesse einzubinden, dass sie dem Anwender den bestmöglichen Nutzen bringen. Aus diesem Grund haben wir unser Service-Geschäft strategisch neu ausgerichtet. Mit unserer Kompetenzmarke "Walter Multiply", die wir auf der AMB erstmals vorgestellt haben, unterstützen wir unsere Kunden mit Dienstleistungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette darin, Kosten und Komplexität zu reduzieren. Während wir in der Vergangenheit unsere Service-Leistungen nur punktuell angeboten haben, verfolgen wir mit Walter Multiply einen ganzheitlichen Ansatz. Den Kunden können wir damit erheblich mehr als nur die Summe der einzelnen Services bieten. Durch das mehrstufige und integrierte Konzept werden die Erfolgsfaktoren vielmehr multipliziert. Walter Multiply steht somit für eine neue Qualität vernetzter, kundenindividueller Maßnahmenpakete. Das Konzept ist das Ergebnis eines kontinuierlichen und sehr engen Austauschs mit unseren Kunden. Hiermit rücken wir die Anforderungen der Kunden nach Effizienzsteigerung noch stärker in den Mittelpunkt. Unter dem Dach der neuen Kompetenzmarke bieten wir ein umfangreiches Service-Konzept für die Bereiche Planung, Produktion & Logistik, Instandhaltung sowie Training & Know-how. Dadurch werden unsere Kunden noch mehr von unserem umfassenden Know-how in allen Fragen der Zerspanung profitieren.

SCOPE: Wie lief das bisherige Jahr 2010 bei Walter und den Tochtergesellschaften?

Evertz: Das bisherige Geschäftsjahr läuft ganz hervorragend. Der Aufschwung hat bereits Ende letzten Jahres begonnen und seit März alle unsere Ländergesellschaften erfasst. Im Schnitt liegen wir bei einem Plus von circa 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und in wichtigen Wachstumsregionen wie Asien sogar bei 100 Prozent. Auch in der Auslastung haben wir fast das Vorkrisen-Niveau erreicht und erhöhen seit Januar kontinuierlich die Produktionskapazitäten in unseren Werken.

SCOPE: Ihr Vorgänger Peter Witteczek erklärte 2008, bis 2010 das Umsatzziel von einer Milliarde Euro zu erreichen - sehen Sie ein solches Ziel, nicht in 2010, aber mittelfristig, noch als realistisch an?

Evertz: Absolut! Aufgrund der Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr können wir diese Marke natürlich nicht schon 2010 erreichen. Als wir uns das Ziel Anfang 2008 gesteckt haben, boomte die Wirtschaft, die Krise zeichnete sich noch nicht ab. Trotzdem halten wir an diesem Ziel, wir sprechen von 1B10 ¿ one Billion 2010, ohne wenn und aber fest. Wir sind 2010 mit 1B10 neu durchgestartet. Wir arbeiten konsequent daran, mit unseren Lösungen und Dienstleistungen unseren Kunden zu mehr Effizienz zu verhelfen. Das setzt voraus, dass wir unseren Kunden ganz genau zuhören, um deren Bedürfnisse und Anforderungen an uns erfüllen zu können. Nur wenn wir unseren Kunden zu mehr Erfolg verhelfen, können auch wir unsere Ziele erreichen.

SCOPE: Valenite, Titex und Prototyp sind als eigene Marken hinter Walter verschwunden - wie kommt diese Markenstrategie bei den Kunden an?

Evertz: Hier kann ich Ihre Meinung nicht teilen. Ich denke, dass diese drei Marken in der äußeren Wahrnehmung überhaupt nicht verschwunden sind. Als unsere Kompetenzmarken sind Titex, Prototyp und Valenite enorm wichtig für uns und bilden die Grundlage für unsere Positionierung als Kompetenzführer. Als solche sind und bleiben sie ein ganz entscheidender Teil unserer Unternehmensstrategie. Das gesamte Unternehmen mit seiner Dachmarke Walter baut auf diesen Kompetenzmarken auf und profitiert von der Erfahrung und dem Know-how, das wir innerhalb der drei Marken über viele Jahre hinweg aufgebaut haben. Daher ist es uns wichtig, dass unsere Kompetenzmarken deutlich sichtbar und für unsere Kunden erlebbar sind. Walter steht nach wie vor für HM- und PKD-Wendeplatten-Werkzeugsysteme zum Drehen, Bohren und Fräsen. Titex ist ein weltweit bekannter Markenname für Hochleistungs-Bohrwerkzeuge aus HSS (E) und Vollhartmetall. Prototyp ist eine führende Marke für innovative Gewinde- und Fräswerkzeuge aus HSS (E) und Vollhartmetall mit High-Tech-Beschichtungen. Mit der Kompetenzmarke Valenite wird unser Wendeschneidplatten-Sortiment abgerundet und das Produktprogramm durch zusätzliche Sonderwerkzeuge, wie komplexe Aussteuerwerkzeuge, ergänzt. Unsere Kunden vertrauen auf die Marken, deren innovative Produkte, das umfassende Sortiment und das hervorragende Know-how unserer Mitarbeiter. Nur so können wir unsere Position als Komplettanbieter für Zerspanungslösungen stärken und weiter ausbauen.

SCOPE: Planen Sie weitere Akquisitionen, um das Umsatzziel zu erreichen? Eher unter technischen Gesichtspunkten oder unter dem Gesichtspunkt, den Vertriebsmarkt zu erweitern?

Evertz: Es gehört zu unserer unternehmerischen Pflicht, den Markt im Auge zu behalten und technologische Innovationen aufzuspüren. Ob Handlungsbedarf besteht, entscheiden wir von Fall zu Fall. Was für uns aber nicht in Frage kommt ist, unabhängig von der Technologie nur Marktanteile zu kaufen. Das halten wir für kurzsichtig und das passt nicht zu unserer Strategie, Kompetenz- und Innovationsführer in Sachen Zerspanung zu sein.

SCOPE: Wo liegen derzeit die Schwerpunkte des Vertriebswachstums?

Evertz: Wir erleben ein signifikantes Wachstum im Service-Geschäft. Wir stehen in sehr engem Kontakt mit unseren Kunden und in fast jedem Gespräch geht es darum, wie wir ihnen zu mehr Effizienz verhelfen können. Unternehmen, bei denen die reinen Werkzeugkosten im Vordergrund stehen, gibt es nur noch vereinzelt. Immer mehr unserer Kunden wollen einen Partner, der sie dabei unterstützt, ihre Ziele zu erreichen. Sie verlangen nach einer Gesamtkostenkalkulation, anhand derer genau dargelegt ist, wie mit den Werkzeugen die Produktivität gesteigert und die Herstellungskosten gesenkt werden können. Das erfordert ein detailliertes Wissen über die Branche des Kunden, dessen aktuelle Herausforderungen und seine individuellen Prozesse. Der Mehrwert für den Kunden ist das entscheidende Kriterium, an dem wir uns messen lassen. Mit unserem neuen Servicekonzept setzen wir genau an diesem Punkt an. Außer dem gesteigerten Bedarf an Dienstleistungen verzeichnen wir neben unseren traditionellen Zielmärkten, wie etwa der Automobilindustrie, dem Maschinenbau oder der Luft- und Raumfahrt, starke Zuwachsraten in neuen Branchen. Hier sind in erster Linie die Schienenverkehrsindustrie und der Energie-Sektor zu nennen. Um diese Industrien noch besser bedienen zu können, haben wir im vergangenen Jahr unsere Organisation neu aufgestellt und Branchen-Verantwortliche bestimmt, die sich weltweit um die Bearbeitung der Industrien kümmern, sowohl auf Vertriebsseite als auch in der Entwicklung eines branchenbezogenen Produktspektrums und dem Support unserer Vertriebsgesellschaften. Starke Zuwächse verzeichnen wir auch in Wachstumsregionen wie Asien. China beispielsweise, wo wir bereits seit 14 Jahren aktiv sind, entwickelt sich außerordentlich positiv. Für ein internationales Unternehmen wie unseres ist es strategisch wichtig, in den weltweiten Wachstumsmärkten erfolgreich zu sein. Hier sind wir gut aufgestellt und sehen noch viel Potenzial für die Zukunft.

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